Skin-Picking-Störung
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Loslegenvon altgriechisch: δέρμα ("derma") - Haut; τίλλειν ("tillein") - rupfen
Synonyme: Acné excoriée des jeunes filles, Dermatillomanie, neurotische Exkoriation, psychogene Exkoriation, Skin Picking, Skin Picking Disorder
Englisch: dermatillomania, compulsive skin picking (CSP), skin picking disorder
Definition
Unter einer Skin-Picking-Störung versteht man eine psychische Störung mit wiederholter Manipulation der eigenen Haut, die zu Hautläsionen führt. Sie gehört zu den Zwangsspektrumstörungen.[1]
Hintergrund
Bei der Skin-Picking-Störung handelt es sich um keine Hautkrankheit. Der Irritation und Schädigung der Haut liegt ein zwanghaftes repetitives Verhalten zugrunde. Die Exkoriationen entstehen durch Ausdrücken, Kratzen und "Knibbeln", sind aber von autoaggressiven Verhaltensmustern abzugrenzen.
Klassifikation
Die Skin-Picking-Störung wird im DSM-5 und DSM-5-TR als eigenständige Erkrankung innerhalb der Zwangsstörungen und verwandten Störungen geführt. Sie ist keine Unterform der körperdysmorphen Störung.[2]
In der ICD-11 ist sie unter 6B25.1 als Excoriation disorder innerhalb der körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen eingeordnet. Diese gehören ebenfalls zu den Zwangsstörungen und verwandten Störungen.[3]
Die ältere Einordnung als Impulskontrollstörung entspricht nicht der aktuellen Zuordnung in diesen Klassifikationen. In Deutschland bleibt für die amtliche Diagnosenkodierung vorerst die ICD-10-GM maßgeblich (Stand: 2026).[4]
Epidemiologie
Die Störung beginnt häufig im Jugendalter, kann jedoch auch in anderen Lebensphasen auftreten. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Genaue epidemiologische Daten fehlen. Die Prävalenz bei Erwachsenen wird auf etwa 2 % geschätzt. Die Angaben variieren abhängig von Untersuchungsmethode und Population.[2]
Ätiopathogenese
Die Entstehung ist multifaktoriell. Eine Rolle spielen unter anderem die Regulation von Anspannung, erlernte Verhaltensmuster und die Reaktion auf wahrgenommene Hautunregelmäßigkeiten. Akne oder andere Hautveränderungen können das Verhalten auslösen oder begünstigen, sind jedoch keine Voraussetzung.
Das Manipulieren kann bewusst und fokussiert erfolgen oder weitgehend automatisch, beispielsweise bei Langeweile. Anspannung oder negative Gefühle können vorausgehen, eine kurzfristige Erleichterung kann das Verhalten aufrechterhalten. Diese Empfindungen treten jedoch nicht bei allen Betroffenen auf.[5]
Klinik
Die Betroffenen bearbeiten ihre gesunde oder bereits veränderte Haut durch wiederholtes Kratzen, Reiben, Drücken ("Pickel ausdrücken") oder Knibbeln. Dabei entstehen gerötete Hautquetschungen, Exkoriationen, Erosionen und verkrustete Wunden. Wiederholte Manipulationen verhindern die Abheilung.
Die Hautveränderungen finden sich bevorzugt an gut erreichbaren Körperstellen, insbesondere im Gesicht, an Armen, Händen und Fingern sowie an den Beinen. Auch Brust und andere Rumpfabschnitte können betroffen sein. Häufig werden mehrere Regionen gleichzeitig oder wechselnd manipuliert.
Die Manipulation dient nicht notwendigerweise der bewussten Selbstverletzung. Das Verhalten wird von anderen Formen selbstschädigenden Verhaltens abgegrenzt.[2][5]
Schamgefühle und die Angst vor Stigmatisierung führen häufig dazu, dass Betroffene ihr Problem im Arztgespräch nicht von sich aus ansprechen. Eine empathisch erhobene Anamnese mit gezielten Fragen nach den Hautmanipulationen erleichtert die Offenlegung.
Komplikationen
Zu den Komplikationen zählen persistierende Exkoriationen und offene Wunden, bakterielle Sekundärinfektionen, Blutungen sowie Narbenbildung. In schweren Fällen können ausgedehnte Hautschäden und selten systemische Infektionen bis hin zur Sepsis auftreten. Zusätzlich sind psychosoziale Beeinträchtigungen durch Scham, Leidensdruck und Funktionsverlust häufig.[6][7][8]
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch anhand der Anamnese und der Inspektion der Haut gestellt.
Die Anamnese sollte Auslöser, Häufigkeit und Dauer der Manipulationen abfragen. Die betroffenen Körperregionen und ggf. aufgetretene Komplikationen sind zu dokumentieren. Eine Exploration im Hinblick auf psychiatrische Begleiterkrankungen ist sinnvoll.
Diagnosekriterien
Die diagnostischen Kriterien nach DSM-5 lassen sich sinngemäß wie folgt zusammenfassen:[9]
- Hautläsionen durch wiederholtes Manipulieren der Haut
- wiederholte Versuche, das Verhalten zu reduzieren oder zu beenden.
- klinisch bedeutsamer Leidensdruck oder relevante Einschränkungen wichtiger Lebensbereiche
- nicht auf die Wirkung einer Substanz oder eine andere körperliche Erkrankung zurückzuführen
- nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärbar
Differenzialdiagnosen
Abzugrenzen sind:
- primäre Dermatosen mit Pruritus, z.B. Skabies oder Ekzeme
- körperdysmorphe Störung: Hautmanipulation zur Korrektur eines vermeintlichen Aussehensmakels
- Dermatozoenwahn oder andere psychotische Ursachen
- substanzbedingte Hautmanipulationen, z.B. im Zusammenhang mit Kokain
- nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten
Eine Hauterkrankung kann gleichzeitig vorliegen. Entscheidend ist, ob sie das Ausmaß der Manipulationen ausreichend erklärt.
Therapie
Die Behandlung verbindet psychotherapeutische Maßnahmen mit einer bedarfsgerechten dermatologischen Versorgung.
Psychotherapie
Therapie der Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie, in erster Linie das Habit-Reversal-Training. Dabei lernen Betroffene, Auslöser und beginnende Manipulationen frühzeitig wahrzunehmen und durch eine konkurrierende, hautschonende Handlung zu ersetzen. Ergänzend kommen Reizkontrolle und Strategien zur Emotionsregulation zum Einsatz.[5]
Dermatologische Behandlung
Hautläsionen werden entsprechend ihrem Befund versorgt. Dazu gehören eine geeignete Wundbehandlung und bei Bedarf die Behandlung von Infektionen. Begleitende Hauterkrankungen werden mitbehandelt.
Medikamentöse Behandlung
Eine ergänzende medikamentöse Behandlung ist nach individueller Abwägung möglich. Sie erfolgt off label, da es keine speziell für die Erkrankung zugelassenen Wirkstoffe gibt. Die Evidenz ist aufgrund der geringen Studienanzahl beschränkt, eine Standardtherapie gibt es nicht. Mögliche Arzneistoffe sind:
In Einzelfällen wurden auch SSRI eingesetzt.
Begleitende depressive Störungen oder Angststörungen werden entsprechend ihrer Indikation behandelt.[5]
Prognose
Der Verlauf ist häufig chronisch und schubweise mit Rezidivneigung, wenn keine adäquate Behandlung erfolgt. Bei frühzeitiger Diagnose und Therapie kann sich die Symptomatik bessern. Ungünstige Prognosefaktoren sind komorbide psychische Störungen, anhaltende Stressbelastung und fehlende Behandlung.[7][6]
Quellen
- ↑ DGPPN: S3-Leitlinie Zwangsstörungen, Langversion, Version 2.0, Stand 30.06.2022, AWMF-Registernummer 038-017, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ 2,0 2,1 2,2 American Psychiatric Association. What Are Obsessive-Compulsive and Related Disorders? Abgerufen am 19.10.2026.
- ↑ World Health Organization. Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. Genf: WHO; 2024.
- ↑ BfArM. ICD-11: BfArM veröffentlicht Testversion der deutschen ICD-11-Übersetzung. 23.02.2026.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 Lochner C, Roos A, Stein DJ. Excoriation (skin-picking) disorder: a systematic review of treatment options. Neuropsychiatr Dis Treat. 2017;13:1867–1872.
- ↑ 6,0 6,1 Exkoriation (Skin-Picking) Disorder, MSD Manual Profi-Ausgabe, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ 7,0 7,1 Grant, Trichotillomania and Skin-Picking Disorder: An Update, Journal of Clinical Medicine, 2021, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ Skin-Picking (Excoriation) Disorder, MSD Manual Home Edition, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ Substance Abuse and Mental Health Services Administration. Table 3.28: Excoriation (Skin Picking) Disorder. In: Impact of the DSM-IV to DSM-5 Changes on the National Survey on Drug Use and Health. 2016.
- ↑ Grant JE et al. N-Acetylcysteine in the Treatment of Excoriation Disorder: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry. 2016;73(5):490–496.
- ↑ Grant JE et al. Double-Blind Placebo-Controlled Study of Memantine in Trichotillomania and Skin-Picking Disorder. Am J Psychiatry. 2023;180(5):348–356.