Schussverletzung
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LoslegenSynonyme: Vulnus sclopetarium, Schusswunde, Ballistisches Trauma
Englisch: gunshot wound, GSW
Definition
Eine Schussverletzung ist ein Trauma, das durch ein Projektil verursacht wird, das aus einer Schusswaffe abgefeuert wird und mit hoher kinetischer Energie auf den Körper auftrifft. Penetrierende Schussverletzungen (Steckschuss, Durchschuss) sind penetrierende Traumata. Der Prellschuss ohne Hautpenetration ist eine Sonderform des stumpfen Traumas.[1]
Einteilung
Man unterscheidet folgende Formen von Schussverletzungen.
...nach Eindringtiefe
- Prellschuss: Das Projektil dringt nicht in den Körper ein, sondern prallt vom Körper ab (z.B. bei Gummigeschossen). Dabei kommt es zu einer Kontusion des getroffenen Gewebes mit Bildung eines subkutanen Hämatoms.
- Streifschuss (Tangentialschuss): Die Körperoberfläche wird nur vom Geschoss gestreift.
- Steckschuss: Das Projektil tritt in den Körper ein und bleibt im Gewebe stecken.
- Durchschuss: Das Projektil tritt in den Körper ein ("Einschusswunde") und an einer anderen Stelle wieder aus ("Ausschusswunde").
...nach Schussdistanz
Beim Schuss wird Pulver entzündet und verbrennt zu heißem Gas. Dieses Gas beschleunigt ein Projektil. Das Pulver verbrennt jedoch nicht komplett zu Gas. Rückstände (= Schmauch) werden mit restlichem Pulver ebenfalls aus der Waffe beschleunigt. Da Schmauch leichter ist als Pulver fliegt er weniger weit. Je nach dem aus welcher Entfernung das Projektil abgefeuert wurde, ergibt sich eine spezielle Schusswunde.
Absoluter Nahschuss
- Waffe auf den Körper aufgesetzt, Stanzmarke bei starkem Aufdrücken
- Projektil, Pulver und Schmauch gehen in die Haut.
- Projektil geht durch Haut und Knochen (z.B. Schädel)
- Schmauch durchdringt den Knochen nicht, sondern breitet sich entlang dem geringsten Widerstand unter der Haut aus. Ausbildung einer Schmauchhöhle, Weichteilzerstörungen.
- Sternförmige Ausbreitung, Aufreißung der Haut, große Platzwunde
Relativer Nahschuss
Jeder Einschuss, der Schmauch und Pulver aufweist, aber keine Zeichen für einen aufgesetzten Schuss hat, ist ein relativer Nahschuss.
- näherer: Schmauch und Pulver
- weiterer: Pulver
- Schmauchhof in Haut oder Kleidung
- Kontusionsring
- Pulvereinsprengung
Fernschuss
- Schmauchablagerungen fehlen
- Ausschusswunde kann größer sein als die Einschusswunde
Sonderformen
- Winkelschuss: Richtungsänderung des Geschosses im Körper durch Auftreffen auf Gewebe unterschiedlicher Dichte (z.B. Knochen)
- Krönlein-Schuss: Schädeldurchschuss bei einem rasanten Geschoss mit Sprengung des Schädeldaches durch die temporäre Wundhöhle und vollständiger Exenteration des Gehirns
- Ringelschuss: Sonderform eines Steckschusses im Schädel:
- innerer Ringelschuss: Das Projektil durchdringt den Schädelknochen und wird dann von der Tabula interna an der Ausschussseite abgelenkt, sodass es der inneren Kontur der Schädelkalotte folgt.
- äußerer Ringelschuss: Das Projektil durchdringt zwar die Schädelkalotte, bewegt sich dann aber zwischen Tabula externa und Kopfschwarte.
- Gellert-Schuss: Das Projektil wird durch Streifen von Gegenständen auf seiner Flugbahn abgelenkt. Dadurch sind Schussverletzungen möglich, obwohl eigentlich in eine andere Richtung geschossen wurde (z.B. als Warnschuss). Durch die veränderte Flugbewegung sind atypische Einschusswunden mit fehlenden Einschusszeichen und adaptierbaren Wundrändern möglich.
Klinik
Häufig sind innere Organe lebensbedrohlich verletzt. Durch Aufprall auf Knochen kann das Geschoss von seiner Richtung abgelenkt werden. Splittert der Knochen, spricht man von einer Schussfraktur. Alle Schusswunden sind infektionsgefährdet und erfordern eine schweregrad-adaptierte chirurgische Versorgung.
Diagnostik
Die Diagnostik orientiert sich am klinischen Zustand des Patienten nach dem ABCDE-Schema (ATLS-Konzept). Bei hämodynamisch stabilen Patienten bildet die Ganzkörper-Computertomographie (Traumaspirale) den Standard zur Lokalisation von Projektil(en), Beurteilung von Organverletzungen und Planung des operativen Vorgehens.[1] Die bettseitige eFAST-Sonographie (extended Focussed Assessment with Sonography in Trauma) ermöglicht den raschen Nachweis freier intraabdomineller oder intrathorakaler Flüssigkeit. Bei hämodynamischer Instabilität kann die Bildgebung zugunsten einer sofortigen operativen Versorgung zurückgestellt werden.
Für forensische Zwecke sind Ein- und Ausschusswunden sorgfältig zu dokumentieren und fotografisch zu sichern. Kleidungsstücke sowie aufgefundene Projektile und Projektilteile sind als Asservate zu behandeln.
Therapie
Die Versorgung orientiert sich an den Grundsätzen der Damage Control Surgery (DCS) und der Damage Control Resuscitation (DCR) gemäß der S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung.[2]
Präklinisch stehen Blutungskontrolle (z.B. Tourniquet bei Extremitätenverletzungen, hämostatische Verbände, z.B. auf Chitosan-Basis), Atemwegssicherung und rascher Transport in ein Traumazentrum im Vordergrund.Innerklinisch umfasst die operative Therapie:
- Wunddebridement: Entfernung devitalisierten Gewebes und grober Fremdkörper; Schusswunden gelten als kontaminationsgefährdet und werden abhängig von Lokalisation, Kontaminationsgrad und Weichteilsituation häufig primär offen belassen
- Operative Blutstillung und Versorgung von Organverletzungen
- Frakturversorgung nach individueller Indikationsstellung (Schussfraktur)
- Antibiotische Prophylaxe bei penetrierenden Abdominalverletzungen und stark kontaminierten Wunden[3]
- Sekundärer Wundverschluss nach Infektausschluss (in der Regel nach 48–72 Stunden)
Komplikationen
- Wundinfektion, Sepsis (Schusswunden gelten als kontaminationsgefährdet)
- Pneumothorax, Hämatothorax bei thorakalen Verletzungen
- Peritonitis bei Perforation von Hohlorganen
- Hämorrhagischer Schock durch Gefäßverletzungen
- Neurologische Folgeschäden bei Rückenmark- oder Hirnverletzungen
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Prognose
Die Prognose ist abhängig von Lokalisation, ballistischen Eigenschaften des Projektils (Kaliber, Auftreffgeschwindigkeit, Verformungsverhalten) und der Zeit bis zur definitiven Versorgung. Kopfschüsse, insbesondere aufgesetzte Nahschüsse, sind häufig letal oder führen zu schweren bleibenden neurologischen Defiziten. Extremitätenverletzungen haben bei frühzeitiger Versorgung eine deutlich bessere Prognose.
siehe auch: Wundballistik
tl;dr
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Stefanopoulos PK, Aloizos S, Mikros G, Nikita AS, Tsiatis NE, Bissias C, Breglia GA, Janzon B. Assault rifle injuries in civilians: ballistics of wound patterns, assessment and initial management. Eur J Trauma Emerg Surg. 2024;50(6):2741-2751.
- ↑ DGU. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 187-023. Version 4.0. Stand 31.12.2022.
- ↑ Eardley WGP, Brown KV, Bonner TJ, Green AD, Clasper JC. Infection in conflict wounded. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2011;366(1562):204-18.