Urticaria factitia
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Loslegenvon lateinisch: facere - machen, ausführen; urtica - Brennnessel
Synonyme: Urtikaria factitia, Urticaria facticia, dermographische Urtikaria, symptomatischer urtikarieller Dermographismus
Englisch: factitious urticaria, symptomatic dermatographism urticaria (SDU)
Definition
Als Urticaria factitia bezeichnet man eine reaktive, stark juckende Quaddelbildung der Haut (Urtikaria) als unmittelbare Folge einer physikalischen Reizung in Form von Kratzen, Scheuern oder Reiben.
Epidemiologie
Die Urticaria factitia ist die häufigste Form der physikalischen Urtikaria.
Ätiologie
Die Ätiologie ist aktuell (2026) nicht geklärt. In etwa 80–90 % der Fälle liegt eine idiopathische Form vor. Als wichtigster Risikofaktor gilt eine vorliegende Atopie (insbesondere atopische Dermatitis, allergische Rhinitis, gleichzeitiges Vorliegen mehrerer atopischer Erkrankungen). Weitere mögliche Einflussfaktoren sind:
- psychischer Stress mit vermuteter Dysregulation der HPA-Achse
- Veränderungen des Darmmikrobioms mit verminderter Bildung kurzkettiger Fettsäuren
- autoimmune Schilddrüsenerkrankungen bzw. Schilddrüsenantikörper-Positivität
- weibliches Geschlecht
- höheres Alter
- Dyslipidämie
Pathophysiologie
Ursächlich für die Quaddelbildung ist eine reizbedingte lokale Mastzelldegranulation mit histamininduzierter Vasodilatation und kapillärer Permeabilitätssteigerung. Häufig ist die Erkrankung mit physisch oder psychisch belastenden Situationen (z.B. Operationen), Medikamenteneinnahme (z.B. Penicillin, Acetylsalicylsäure), Parasitosen oder Insektenstichreaktionen assoziiert.
Symptomatik
Die Urticaria factitia ist gekennzeichnet durch ein wellenartiges Auftreten von starkem Juckreiz, meist morgens nach dem Aufstehen oder abends beim Zubettgehen. Durch leichte Scherkräfte unter Druckeinwirkung (z.B. Reiben, Scheuern) entwickeln sich innerhalb von Minuten im Kontaktbereich sowie darüber hinaus linear angeordnete, konfluierende Quaddeln, begleitet von einem Reflexerythem. Häufig kann bereits das Reiben von Kleidung die Symptome auslösen.
Die Quaddeln sind i.d.R. nicht rund, sondern je nach Stimulus strich- bzw. streifenförmig angeordnet. Der Juckreiz führt zum Reiben, sodass ein Circulus vitiosus entsteht. Kratzartefakte finden sich bei der Urtikaria im Allgemeinen nicht.
Ähnlich wie beim urtikariellen Spätdermographismus existiert auch eine verzögert eintretende, lang anhaltende Verlaufsform (Urticaria factitia tarda).
Wichtig ist bei einer neu aufgetretenen Urticaria factitia die Abklärung auf ein Angioödem, das häufig als Komorbidität auftritt. Weiterhin kommt sie häufig in Kombination mit einer chronischen spontanen Urtikaria oder einer anderen physikalischen Urtikaria vor.
Diagnostik
Die Reizspezifität, die kurze Latenzzeit von 1 bis 5 Minuten bis zum Eintreten der Hautreaktion und die Dauer von meist 20 bis 30 Minuten ermöglichen eine differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber anderen Formen der physikalisch induzierten Urtikaria.
Entsprechend kann die Symptomatik durch Bestreichen der Haut mit einem stumpfen Gegenstand (Stift, Holzspatel) provoziert werden (Dermatographismus). Idealerweise verwendet man ein standardisiertes Dermographometer, mit dessen Spitze ein Druck von 20 bis 160 g/mm2 ausgeübt werden kann.
Differenzialdiagnosen
- urtikarieller Dermographismus: Latenzzeit 2–10 Minuten; Dauer 10–30 Minuten; kein Juckreiz, lokale Reaktion, kein Krankheitswert
- cholinergische Urtikaria: Latenzzeit 5–10 Minuten; Dauer 20–30 Minuten; Juckreiz möglich, keine strichförmigen, sondern stecknadelkopfgroße Quaddeln in streifiger Anordnung
Wichtig ist außerdem die Abgrenzung zur Urticaria pigmentosa (kutane Mastozytose), unter anderem durch Messung der Tryptase im Serum.
Therapie
Falls möglich, sollten Reizexpositionen vermieden werden. Die symptomatische Therapie besteht in der kontinuierlichen Gabe von H1-Rezeptorantagonisten, gegebenenfalls in bis zu vierfacher Dosis. Zur lokalen Therapie des Juckreizes eignen sich Zinkschüttelmixtur oder Cremes mit Polidocanol (bis 5 %) oder kühlendem Menthol.
Bei Therapieresistenz kommen Omalizumab, Montelukast, Ciclosporin oder eine UVB-Phototherapie infrage.
Prognose
Im Mittel dauert die Erkrankung 6 bis 7 Jahre an, bevor sie von selbst wieder verschwindet.