Partielle intravenöse Anästhesie
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LoslegenSynonym: partiell intravenöse Anästhesie
Englisch: partial intravenous anesthesia
Definition
Die partielle intravenöse Anästhesie, kurz PIVA, ist ein Verfahren der Allgemeinanästhesie, bei dem eine Inhalationsanästhesie durch intravenös verabreichte Sedativa, Analgetika oder Injektionsanästhetika supplementiert wird. Ziel ist es, die benötigte Konzentration des Inhalationsanästhetikums zu senken.[1] Der Begriff wird überwiegend in der Veterinärmedizin verwendet.
Abgrenzung
Die PIVA unterscheidet sich von der totalen intravenösen Anästhesie (TIVA) dadurch, dass die Narkoseaufrechterhaltung nicht vollständig intravenös erfolgt, sondern weiterhin auf einem Inhalationsanästhetikum beruht.
Die PIVA ist eine Form der balancierten Anästhesie. Sie kombiniert Wirkstoffe mit unterschiedlichen, teilweise überlappenden Wirkprofilen, um die erforderlichen Narkosekomponenten wie Hypnose, Analgesie und vegetative Abschirmung bedarfsgerecht abzudecken und die Dosis einzelner Substanzen zu begrenzen. Eine medikamentöse Muskelrelaxation ist kein obligater Bestandteil.[2] In der veterinärmedizinischen Literatur werden PIVA und balancierte Anästhesie teilweise synonym verwendet.[3] Der Begriff PIVA hebt dabei die intraoperative Bolus- oder Dauerinfusion der Zusatzsubstanzen hervor.
Anwendung
Bei der PIVA werden die intravenösen Komponenten je nach Wirkstoff als Bolus und/oder kontinuierliche Infusion verabreicht. Die Auswahl richtet sich nach gewünschter Sedierung, Analgesie und Narkosetiefe.[1] Während der Durchführung ist eine engmaschige Überwachung von Kreislauf, Atmung, Temperatur und Narkosetiefe erforderlich.[4]
Isofluran und Sevofluran ermöglichen eine gut steuerbare Narkoseaufrechterhaltung, ersetzen bei schmerzhaften Eingriffen jedoch keine bedarfsgerechte perioperative Analgesie. Wird die Narkose allein über das Inhalationsanästhetikum vertieft, sind vergleichsweise hohe Konzentrationen mit dosisabhängiger kardiodepressiver und atemdepressiver Wirkung erforderlich.[1] Je nach Wirkstoff, Dosierung und Spezies können die Zusatzsubstanzen den Bedarf an Inhalationsanästhetikum vermindern, gemessen als Senkung der minimalen alveolären Konzentration (MAC-sparender Effekt).[3]
Substanzen
Für die PIVA kommen vor allem folgende Substanzgruppen zum Einsatz:[1]
| Substanzgruppe | Beispiele | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Opioide | Fentanyl, Remifentanil, Morphin, Methadon | MAC-sparender Effekt spezies- und substanzabhängig, beim Hund ausgeprägt, bei der Katze geringer; Bradykardie, Atemdepression |
| α2-Agonisten | Dexmedetomidin, Medetomidin | Sedierung und Analgesie; Bradykardie, Anstieg des peripheren Gefäßwiderstands, Abfall des Herzzeitvolumens |
| Lokalanästhetika | Lidocain | analgetisch; speziesabhängige Nebenwirkungen |
| NMDA-Antagonisten | Ketamin | analgetisch und antihyperalgetisch; Kumulation bei langer Infusionsdauer |
| Injektionsanästhetika | Propofol, Alfaxalon | hypnotisch; zusätzliche Kreislauf- und Atemdepression möglich |
Muskelrelaxantien können das Anästhesieregime ergänzen, bewirken jedoch weder Hypnose noch Analgesie. Ihre Gabe begründet keine PIVA und rechtfertigt keine Reduktion der hypnotisch oder analgetisch wirksamen Medikation.
Veterinärmedizin
In der Kleintier- und Pferdeanästhesie ist die PIVA ein etabliertes Verfahren.[1] Beim Pferd werden intravenöse Supplemente eingesetzt, um die Menge des volatilen Anästhetikums zu reduzieren, die Qualität der Aufwachphase zu verbessern und eine multimodale Analgesie zu ermöglichen.[5][6] Ob diese Protokolle die kardiopulmonale Situation verbessern, ist jedoch nicht für alle Kombinationen belegt.[5]
Die Substanzauswahl ist speziesabhängig. Bei der Katze senkt Lidocain zwar den Isofluranbedarf, verursacht aber eine stärkere kardiovaskuläre Depression als eine äquipotente Isoflurandosis allein; zur MAC-Reduktion wird es bei Katzen daher nicht empfohlen.[7] Beim Pferd ist eine Lidocaininfusion mit Ataxie in der Aufwachphase assoziiert.[5]
Humanmedizin
In der Humanmedizin ist die Bezeichnung PIVA unüblich. Die Kombination eines volatilen Anästhetikums wie Sevofluran oder Desfluran mit einem Opioid wie Remifentanil oder Sufentanil wird dort als balancierte Anästhesie bezeichnet. Sie ist neben der TIVA das Standardverfahren der Narkoseaufrechterhaltung. Zusätzlich werden z.B. Lidocain, Ketamin oder Dexmedetomidin als opioidsparende Adjuvanzien eingesetzt, z.B. im Rahmen der opioidfreien oder opioidreduzierten Anästhesie.
Indikationen
Typische Anwendungsgebiete sind schmerzhafte Eingriffe und Operationen bei Hund, Katze und Pferd, bei denen eine Verbesserung von Analgesie und Narkosequalität angestrebt wird.[1] Sie wird auch genutzt, um bei Patienten mit erhöhtem Risiko für Nebenwirkungen inhalativer Anästhetika die benötigte volatile Wirkstoffmenge zu reduzieren.[8]
Risiken und Nebenwirkungen
Die Risiken ergeben sich aus den kombinierten Wirkungen der eingesetzten Inhalations- und i.v.-Anästhetika, insbesondere aus Kreislaufdepression, Atemdepression und dosisabhängiger Überdosierung.[1] Je nach verwendetem Wirkstoff können zusätzlich Bradykardie, Hypotonie, verminderte Ventilation und eine verstärkte Wirkung bei Kombination mehrerer zentral dämpfender Substanzen auftreten.[1] Durch die Infusionsanwendung kann es bei fehlender Anpassung an Wirkung und Narkosetiefe zu Kumulation und prolongierter Erholungsphase kommen.[8] Werden zusätzlich Muskelrelaxantien eingesetzt, kann eine unzureichende Narkosetiefe maskiert werden (Relaxansüberhang).
Kontraindikationen
Maßgeblich sind die Gegenanzeigen der jeweils verwendeten Wirkstoffe und das individuelle Narkoserisiko.[1] Vorsicht ist geboten bei Patienten mit schwerer kardiorespiratorischer Instabilität, da sowohl inhalative als auch intravenöse Anästhetika Kreislauf und Atmung zusätzlich beeinträchtigen können.[1] Einzelne Komponenten wie Opioide, α2-Agonisten, Ketamin oder Lidocain können je nach Spezies, Vorerkrankung, Alter und Organfunktion ungeeignet sein.[1]
Einschränkungen
Die Methode erlaubt keine eindeutige Zuordnung einzelner Wirkungen zu nur einem Anästhetikum, da sich die Effekte der kombinierten Substanzen überlagern.[1] Zudem steigt mit jeder zusätzlichen Substanz die Komplexität der Dosierung und Überwachung, wodurch Wechselwirkungen und kumulative Nebenwirkungen schwerer abschätzbar werden.[8] Die Narkosetiefe muss deshalb fortlaufend an klinische Parameter angepasst werden.[4] Die kontinuierliche Applikation erfordert Spritzen- oder Infusionspumpen und verursacht zusätzlichen personellen und finanziellen Aufwand.[8]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 Duke, Partial intravenous anesthesia in cats and dogs, Can Vet J, 2013
- ↑ Dzikiti, Intravenous anaesthesia in goats: a review, J S Afr Vet Assoc, 2013
- ↑ 3,0 3,1 Loomes, Partial IV anaesthesia in horses, Vet Times, abgerufen am 15.10.2026
- ↑ 4,0 4,1 Fachgruppe VAINS der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, Leitlinie Anästhesiologische Versorgung bei Hund und Katze, Langversion, 2021,
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Gozalo-Marcilla et al., Partial intravenous anaesthesia in the horse: a review of intravenous agents used to supplement equine inhalation anaesthesia. Part 1: lidocaine and ketamine, Vet Anaesth Analg, 2014
- ↑ Gozalo-Marcilla et al., Partial intravenous anaesthesia in the horse: a review of intravenous agents used to supplement equine inhalation anaesthesia. Part 2: opioids and alpha-2 adrenoceptor agonists, Vet Anaesth Analg, 2015
- ↑ Pypendop und Ilkiw, Assessment of the hemodynamic effects of lidocaine administered IV in isoflurane-anesthetized cats, Am J Vet Res, 2005
- ↑ 8,0 8,1 8,2 8,3 Update on total and partial IV anaesthesia, Vet Times, 2023, abgerufen am 15.10.2026