Kniegelenksendoprothese
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Knie-TEP, Knie-Totalendoprothese
Englisch: knee replacement
Definition
Die Kniegelenksendoprothese, kurz Knie-TEP, ist der operative Ersatz der Gelenkflächen des Kniegelenks durch ein künstliches Implantat. Sie kommt zum Einsatz, wenn eine fortgeschrittene Gelenkzerstörung mit strukturellem Schaden vorliegt und konservative sowie gelenkerhaltende Therapieoptionen nicht mehr ausreichen.
Epidemiologie
Die Implantation einer Knie-TEP zählt zu den häufigsten elektiven Eingriffen der Orthopädie. Laut Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) wurden 2024 bundesweit 173.252 primäre Kniegelenksimplantationen dokumentiert.[1] Zwischen 2022 und 2024 ist die Zahl der jährlich erfassten Knieversorgungen um mehr als 36.000 Eingriffe gestiegen, ein Trend, der primär mit der Alterung der Bevölkerung in Verbindung gebracht wird.
Aufbau
Eine Knie-TEP besteht aus mehreren Komponenten, die einzeln an die anatomischen Verhältnisse angepasst werden:
| Komponente | Werkstoff | Funktion |
|---|---|---|
| Femurkomponente | Kobalt-Chrom-Legierung, seltener Titan oder keramikbeschichtet | Ersatz der distalen Femurkondylen, artikuliert mit dem Inlay |
| Tibiakomponente (Tibiaplateau) | Titan oder Kobalt-Chrom-Legierung | Verankerung im Tibiaplateau, trägt das Inlay |
| Inlay (Gleitfläche) | Ultrahochmolekulares Polyethylen (UHMWPE) | Gleitpartner zwischen Femur- und Tibiakomponente |
| Patellakomponente (fakultativ) | Polyethylen | Ersatz der retropatellaren Gleitfläche |
Bezüglich der Beweglichkeit des Inlays unterscheidet man zusätzlich zwischen Fixed Bearing- und Mobile Bearing-Systemen. Die Verankerung im Knochen erfolgt zementiert, zementfrei (mit poröser oder hydroxylapatitbeschichteter Oberfläche zur ossären Einheilung) oder als Hybridtechnik mit unterschiedlicher Fixation von Femur- und Tibiakomponente.
Formen
In der Knieendoprothetik unterscheidet man verschiedene Prothesendesigns, die sich vor allem im Ausmaß des Gelenkersatzes und dem Kopplungsgrad unterscheiden:
- Schlittenprothese (unikondylärer Teilersatz eines Kompartments)
- Femoropatellarersatz (isolierter Ersatz des Femoropatellargelenks)
- Ungekoppelter Oberflächenersatz (Standardimplantat bei intakter Bandführung)
- Teilgekoppelter Oberflächenersatz (bei partieller Bandinsuffizienz)
- Gekoppelte Prothese (Scharnierprothese bei ausgeprägter Bandinstabilität oder größerem Knochenverlust, z.B. in der Revisionschirurgie oder nach Tumorresektion)
Das zu wählende Design ist abhängig von der Beinachse, der Bandstabilität, der anatomischen Gelenklinie, der Knochenqualität und vom Grad der Arthrose.
siehe auch: P.F.C. Sigma® RP-F Knieprothesensystem
Indikationen
Die Indikation zur Knie-TEP wird nach Ausschöpfung konservativer und gelenkerhaltender Maßnahmen gestellt, wenn ein struktureller Gelenkschaden mit über mindestens 3–6 Monate bestehenden, therapierefraktären Schmerzen und relevantem Leidensdruck vorliegt.[2] Hauptindikation ist die fortgeschrittene Gonarthrose. Weitere Indikationen sind:
- posttraumatische Arthrose des Kniegelenks
- Rheumatoide Arthritis mit destruierendem Gelenkbefall
- Osteonekrose des Kniegelenks
- tumorbedingte Knochendestruktion mit Notwendigkeit einer Resektion
Kontraindikationen
Eine floride Infektion des Kniegelenks oder eine aktive systemische Infektion ist eine absolute Kontraindikation für die elektive Implantation und muss vor der Operation ausgeschlossen bzw. saniert werden.
Weitere Kontraindikationen sind z.B.:
- schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit mit kritischer Extremitätenperfusion
- Insuffizienz des Streckapparates ohne Rekonstruktionsmöglichkeit
- nicht beherrschbare neurologische Erkrankungen mit fehlender muskulärer Kontrolle des Kniegelenks (z.B. schwere Charcot-Arthropathie)
- fehlende Kooperations- und Mobilisierungsfähigkeit
Durchführung
Präoperative Diagnostik
Im Rahmen der endoprothetischen Planung erfolgt in der Regel eine Ganzbeinaufnahme im Stehen zur exakten Bestimmung der Beinachse und Implantatplanung. Vor elektiver Operation muss bei aktiven Infektionen eine Fokussanierung (z.B. zahnärztlich, urologisch, dermatologisch) erfolgen, um das periprothetische Infektionsrisiko zu senken.
Operationsverfahren
Der Standardzugang ist der mediale parapatellare Zugang. Die Fixation der Komponenten erfolgt zementiert, zementfrei oder als Hybridtechnik. Die zementierte Verankerung ist weiterhin der weltweite Standard, während zementfreie Implantate insbesondere bei jüngeren, aktiven Patienten mit guter Knochenqualität eingesetzt werden.
Zur Optimierung von Beinachse und Weichteilbalance stehen mehrere Alignment-Konzepte zur Verfügung, darunter das klassische mechanische Alignment sowie kinematische und funktionelle Alignment-Techniken, die sich stärker an der individuellen prä-arthrotischen Gelenkanatomie orientieren. Zur Unterstützung der Schnittführung und Implantatpositionierung kommen zunehmend computernavigierte und robotergestützte Systeme sowie eine patientenspezifische Instrumentierung zum Einsatz.[3] Minimalinvasive Zugangstechniken mit reduzierter Weichteilschädigung werden bei ausgewählten Patienten angewendet, ohne dass sich hierfür bislang (2026) ein eindeutiger Vorteil gegenüber dem konventionellen Zugang belegen ließ.
Als Narkoseverfahren kommen sowohl die Allgemeinanästhesie als auch rückenmarksnahe Regionalverfahren (Spinalanästhesie, Periduralanästhesie) infrage. Letztere sind im Rahmen von Fast-Track-Konzepten mit einer schnelleren postoperativen Mobilisierung assoziiert. Ergänzend wird häufig eine periphere Nervenblockade (z.B. Femoralis- oder Adduktorenkanalblock) zur postoperativen Analgesie eingesetzt. Intraoperativ wird zur Verbesserung der Übersicht im Operationsgebiet meist eine Blutsperre angelegt, deren Anwendungsdauer aufgrund des Risikos einer Muskel- und Nervenschädigung zu begrenzen ist.
Postoperativer Verlauf
Die postoperative Behandlung folgt einem Fast-Track-Konzept mit dem Ziel einer raschen funktionellen Erholung:
- Frühmobilisation bereits am Operationstag oder ersten postoperativen Tag mit Vollbelastung, sofern es die Implantatfixation zulässt
- physiotherapeutisch angeleiteter Belastungsaufbau und Bewegungstherapie zur Wiederherstellung von Beweglichkeit und Muskelkraft
- medikamentöse Thromboseprophylaxe über den stationären Aufenthalt hinaus, üblicherweise mit niedermolekularem Heparin oder einem direkten oralen Antikoagulans
- multimodales Schmerzmanagement (u.a. Lokalanästhetika-Infiltration, nicht-opioide Analgetika, ergänzend Opioide) zur Ermöglichung der Frühmobilisation
Im Anschluss an den stationären Aufenthalt erfolgt häufig eine Anschlussheilbehandlung. Regelmäßige klinische und radiologische Nachuntersuchungen dienen der Verlaufskontrolle; Implantatdaten werden in der Regel im Endoprothesenpass dokumentiert.
Komplikationen
Zu den relevanten Komplikationen zählen:
- Periprothetische Infektion
- Periprothetische Fraktur
- Periprothetische Osteolyse und aseptische Lockerung
- Arthrofibrose mit eingeschränkter Beweglichkeit
- Tiefe Venenthrombose und Lungenembolie
- Verletzung des Nervus peroneus oder benachbarter Gefäße
Prognose
Nach gepoolten Registerdaten aus 14 nationalen Endoprothesenregistern liegt die 25-Jahres-Standzeit der Knie-TEP bei rund 82 %, die der unikondylären Schlittenprothese bei rund 70 %.[4] Die meisten Patienten profitieren von einer deutlichen Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung; ein Anteil von etwa 10–20 % der Operierten ist mit dem Ergebnis jedoch nicht oder nicht vollständig zufrieden, was unter anderem mit dem Ausmaß der individuell erreichten Funktionsziele zusammenhängt.
Quellen
- ↑ EPRD Deutsche Endoprothesenregister gGmbH. Jahresbericht 2025 online: Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft. 2025. Verfügbar unter: EPRD-Jahresbericht 2025.
- ↑ DGOU. S2k-Leitlinie: Indikation Knieendoprothese. AWMF-Registernummer 187-004. Update 1, 2023. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Indikation Knieendoprothese.
- ↑ Pagan CA, Karasavvidis T, Cohen-Rosenblum AR, Hannon CP, Lombardi AV, Vigdorchik JM. Technology in Total Knee Arthroplasty in 2023. J Arthroplasty. 2024;39(9 Suppl 2):S54-S59.
- ↑ Evans JT, Walker RW, Evans JP, Blom AW, Sayers A, Whitehouse MR. How long does a knee replacement last? A systematic review and meta-analysis of case series and national registry reports with more than 15 years of follow-up. Lancet. 2019;393(10172):655-663.