JCV-Test
Synonyme: Anti-JCV-Antikörper-Test, JCV-Antikörper-ELISA, Stratify-JCV-Test (kommerziell)
Englisch: JCV antibody test, anti-JC virus antibody assay
Definition
Der JCV-Test, kurz für John-Cunningham-Virus-Test, dient der serologischen Bestimmung von Antikörpern gegen das JC-Virus (JCV) im Blut. Er dient der Risikostratifizierung einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) bei Patienten unter immunsuppressiver Therapie. Ein positiver Befund zeigt eine stattgehabte Exposition gegenüber JCV an, ist jedoch kein Nachweis einer aktiven Infektion.
Hintergrund
Das JC-Virus infiziert die meisten Menschen bereits im Kindesalter; die Seroprävalenz beträgt je nach Population und Assay ca. 50–90 %.[1][2] Das Virusgenom persistiert latent vorwiegend in renalen Epithelzellen und lymphatischem Gewebe.[2] Unter Immunsuppression kann es sich reaktivieren. Ein Rearrangement des viralen Genoms führt zur Entstehung neurotroper Varianten, die sich in Gliazellen replizieren.[2] Die resultierende lytische Infektion der Oligodendrozyten manifestiert sich klinisch als PML.
Natalizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der für die Behandlung der schubförmig-remittierenden multiplen Sklerose (RRMS) zugelassen ist. Durch die Blockade von Integrin-Molekülen verhindert es die Migration von Lymphozyten in das ZNS, was einerseits die Wirksamkeit gegen MS begründet, andererseits das Risiko für opportunistische JCV-Infektionen erhöht. Die drei wesentlichen Risikofaktoren für eine PML unter Natalizumab sind: Nachweis von Anti-JCV-Antikörpern, Therapiedauer über 24 Monate sowie eine vorherige Behandlung mit Immunsuppressiva.[3]
Labormedizin
Probenmaterial
Als Untersuchungsmaterial wird venöses Serum oder EDTA-Plasma verwendet. Hämolyse und starke Lipämie können die Messung beeinflussen.
Nachweismethode
Für den Nachweis von Anti-JCV-Antikörpern werden verschiedene ELISA-basierte Testverfahren eingesetzt. Der am häufigsten verwendete ist der zweistufige STRATIFY JCV® DxSelect-Assay (Biogen/Focus Diagnostics). Er nutzt JCV-virusähnliche Partikel (VLPs) als Antigen, die auf Mikrotiterplatten aufgebracht sind. Das Patientenserum wird mit diesen Partikeln inkubiert. Gebundene JCV-spezifische Antikörper werden dann über peroxidasekonjugierte Sekundärantikörper nachgewiesen.
Der Assay ist zweistufig aufgebaut:
- Screening-ELISA: Quantifizierung der optischen Dichte (OD); das Ergebnis wird als quantitativer Index ausgegeben, der die optische Dichte der Antikörperreaktion widerspiegelt und als Korrelat des Antikörpertiters interpretiert wird.
- Bestätigungs-ELISA (kompetitive Inhibition): Wird bei grenzwertigen Ergebnissen durchgeführt, um Falsch-Positive auszuschließen.
Ein Indexwert > 0,4 gilt gemäß Herstellerangaben als seropositiv, < 0,2 als seronegativ; Werte im Bereich 0,2–0,4 sind als grenzwertig zu betrachten und bedürfen der Bestätigung.
Abgrenzung
Beim JCV-Serum/Liquor-Antikörperindex (AIJCV) werden Antikörperkonzentrationen in Serum und Liquor parallel bestimmt und ins Verhältnis gesetzt, um eine intrathekale Antikörpersynthese nachzuweisen. Der AIJCV ist kein etablierter Routineparameter, sondern bleibt Spezial- bzw. Referenzlabordiagnostik ohne breite assayübergreifende Standardisierung.
Der direkte Erregernachweis von JCV erfolgt per JCV-DNA-PCR im Liquor. Die Sensitivität variiert je nach Viruslast, Stadium und Labormethodik zwischen 60 und 95 %.[4] Bei 70 % der Natalizumab-assoziierten PML-Patienten lag die Viruslast im ersten Punktat unter 100 Kopien/ml – einer Schwelle, die in vielen Laboren unterhalb der Nachweisgrenze liegt.[5] In solchen Grenzfällen kann der AIJCV diagnostisch unterstützen: Bei über der Hälfte der Patienten mit initial niedriger Viruslast war der Index bereits beim ersten Punktionszeitpunkt pathologisch erhöht.[5]
Indikationen
Der JCV-Test dient vor allem dem PML-Risikomanagement bei Natalizumab-therapierten Patienten. Grundlage ist die Tatsache, dass nahezu alle bestätigten PML-Fälle unter Natalizumab bei Patienten mit vorherigem Nachweis von Anti-JCV-Antikörpern aufgetreten sind.
Der JCV-Test kann grundsätzlich auch bei anderen immunsuppressiven MS-Therapien eingesetzt werden, kommt aber hier nicht routinemäßig zur Anwendung.
Der JCV-Test ist nicht zur Diagnose einer PML geeignet.
Interpretation
Risikostratifizierung (Serum-ELISA)
| Befund | Klinische Einschätzung |
|---|---|
| Seronegativ | Kein Expositionsnachweis; PML-Risiko gering; halbjährliche Retestung empfohlen |
| Seropositiv, Index < 0,9 | Sehr niedriges PML-Risiko (assayspezifischer Schwellenwert, StratifyJCV) |
| Seropositiv, Index 0,9–1,5 | Intermediäres Risiko; engmaschige MRT-Kontrollen indiziert |
| Seropositiv, Index > 1,5 | Deutlich erhöhtes Risiko; individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich |
Bei seronegativen Patienten liegt die geschätzte PML-Inzidenz bei ≤ 0,09/1.000. Bei Seropositivität, vorangegangener Immunsuppression und einer Therapiedauer von 25–48 Monaten wurden in frühen Postmarketing-Kohorten Inzidenzen von bis zu 11,1/1.000 berichtet.[6] Der Indexwert erlaubt eine weitere Differenzierung innerhalb der seropositiven Gruppe: Patienten mit einem Index unter 0,9 tragen trotz Seropositivität ein sehr niedriges PML-Risiko; bei Indexwerten über 1,5 ist nach Kohortenanalysen von einem deutlich erhöhten Risiko in der Größenordnung von 1:100–1:200 auszugehen.[7] Diese Schwellenwerte sind methodenabhängig und nicht auf andere Testplattformen übertragbar.
Serum/Liquor-Antikörperindex (AIJCV)
Ein AIJCV ≥ 1,5 gilt als pathologisch und spricht für eine intrathekale Immunantwort gegen JCV im Sinne einer JCV-assoziierten ZNS-Erkrankung. Ein negativer Wert schließt eine PML nicht aus.[5]
Limitationen
Trotz negativem Serostatus wurde in Stichprobenuntersuchungen bei einem Teil der MS-Patienten eine PCR-Virusnachweis beschrieben.[2] Die jährliche Serokonversionsrate beträgt ca. 2–3 %[2], weshalb seronegative Patienten regelmäßig retestiert werden sollten. Die Liquor-PCR ist zudem in Einzelproben nur bei 60–95 % der PML-Fälle positiv, abhängig von Viruslast und Stadium; ein initial negativer Befund schließt die Diagnose nicht aus und macht Verlaufskontrollen erforderlich.[4]
Quellen
- ↑ Kean JM, Rao S, Wang M, Garcea RL. Seroepidemiology of human polyomaviruses. PLoS Pathog. 2009;5(3):e1000363.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Gorelik L, Lerner M, Bixler S, et al. Anti-JC virus antibodies: implications for PML risk stratification. Ann Neurol. 2010;68(3):295-303.
- ↑ Schwab N et al. PML risk stratification using anti-JCV antibody index and L-selectin. Mult Scler. 2015;22(8):1048-60.
- ↑ 4,0 4,1 Berger JR, Aksamit AJ, Clifford DB, et al. PML diagnostic criteria: consensus statement from the AAN Neuroinfectious Disease Section. Neurology. 2013;80(15):1430-1438.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Warnke C, von Geldern G, Markwerth P, et al. Cerebrospinal fluid JC virus antibody index for diagnosis of natalizumab-associated progressive multifocal leukoencephalopathy. Ann Neurol. 2014;76(6):792-801.
- ↑ Bloomgren G, Richman S, Hotermans C, et al. Risk of natalizumab-associated progressive multifocal leukoencephalopathy. N Engl J Med. 2012;366(20):1870-1880.
- ↑ Plavina T, Subramanyam M, Bloomgren G, et al. Anti-JC virus antibody levels in serum or plasma further define risk of natalizumab-associated progressive multifocal leukoencephalopathy. Ann Neurol. 2014;76(6):802-812.