Intensivmedizin
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LoslegenEnglisch: intensive care medicine
Definition
Die Intensivmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Diagnostik und Therapie lebensbedrohlicher Zustände und Krankheiten befasst. Es ist eng mit der Notfallmedizin verzahnt.
Zielsetzung
Intensivmedizinische Maßnahmen dienen der Sicherung der Vitalfunktionen. Stabilisierung und ätiologische Diagnostik laufen dabei parallel; die Behandlung lebensbedrohlicher Zustände muss nicht auf eine gesicherte Diagnose warten.
Hintergrund
Intensivmedizin behandelt viele Patienten mit schwerwiegenden, zum Teil prognostisch ungünstigen Erkrankungen. Ethische Fragen über Therapiezieländerungen oder Palliativmaßnahmen sind häufig Gegenstand klinischer Entscheidungsprozesse. Im klinischen Alltag gewinnen ökonomische Rahmenbedingungen zunehmend an Bedeutung und erfordern eine sorgfältige Abwägung medizinischer und struktureller Faktoren.
Abgrenzung
In Deutschland ist "Intensivmedizin" keine eigenständige Facharztbezeichnung, sondern als Zusatzweiterbildung an verschiedene Fachgebiete angebunden. Gemäß der Musterweiterbildungsordnung (MWBO) 2018 der Bundesärztekammer sind folgende Basisgebiete zur Erlangung der Zusatzweiterbildung Intensivmedizin zugelassen: Anästhesiologie, Chirurgie, Innere Medizin, Kinder- und Jugendmedizin, Neurochirurgie und Neurologie.[1] Der Bezeichnung "Intensivmedizin" wird die jeweilige Facharztbezeichnung als Adjektiv vorangestellt, z. B. "Facharzt für internistische Intensivmedizin". In Österreich existiert mit dem Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin eine eigenständige kombinierte Facharztbezeichnung (ÄAO 2015), die in Deutschland in dieser Form nicht üblich ist.
Berufsbild
Intensivmedizinische Versorgung erfolgt meist interdisziplinär und multiprofessionell. Sie umfasst neben ärztlicher Diagnostik und Therapie auch spezialisierte Intensivpflege, Physiotherapie, Atemtherapie, Ernährungstherapie und weitere unterstützende Berufsgruppen. Zunehmend werden Intensivstationen, Intermediate-Care-Einheiten und verwandte Versorgungsbereiche organisatorisch in größeren intensivmedizinischen Zentren gebündelt. Zentrale Prinzipien der klinischen Arbeit sind Patientenorientierung, strukturierte Kommunikation und interprofessionelles Teamwork.
Aspekte der Intensivmedizin
Monitoring
Das Monitoring der Vitalfunktionen mittels kontinuierlicher Erfassung von physikalischen Daten umfasst unter anderem folgende Parameter:
- Herztätigkeit
- Sauerstoffsättigung in verschiedenen Kompartimenten
- Blutdruck
- Hirndruck (ICP)
- Zentralvenendruck (ZVD)
- Pulmonalarteriendruck (PAP)
- Pulse Contour Cardiac Output (PiCCO)
Engmaschige Laborkontrollen lassen Funktionsstörungen kurzfristig erkennen und behandeln. Zur Diagnosesicherung dienen alle endoskopischen und bildgebenden Verfahren. Der Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) hat sich als bettseitiges Verfahren zur raschen Beurteilung von Herz, Lunge und Abdomen etabliert.
Beatmung
Die Beatmung, verbunden mit Atemwegssicherung durch endotracheale Intubation oder Tracheotomie, dient der Therapie der respiratorischen Insuffizienz. Ergänzend stehen nicht-invasive Beatmungsverfahren (NIV) zur Verfügung. Die High-Flow-Sauerstofftherapie über nasale Kanüle (HFNC) stellt eine weitere nicht-invasive Option bei akuter Hypoxämie dar.
Kreislauftherapie
Bei hämodynamischer Instabilität, insbesondere im Schock, werden vasoaktive Substanzen eingesetzt (Katecholamintherapie). Mittel der ersten Wahl bei distributivem Schock – z. B. beim septischen Schock – ist Noradrenalin. Weitere Katecholamine wie Adrenalin und Dobutamin kommen bei kardiogenem Schock oder additiv zum Einsatz. Bei therapierefraktärem Schock werden nicht-adrenerge Vasopressoren wie Vasopressin ergänzt, um die Katecholaminlast zu reduzieren.[2]
Organersatzverfahren
Invasive Zugänge zu Gefäßen und Körperhöhlen ermöglichen Organersatzverfahren wie die intermittierende Hämodialyse oder die kontinuierliche Nierenersatztherapie. Bei schwerem pulmonalem oder kardiogenem Versagen kommt die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) zum Einsatz.
Analgosedierung
Eine zielorientierte Analgosedierung ist Grundlage der intensivmedizinischen Therapie. Ziel ist eine ausreichende Analgesie bei minimaler Sedierung. Das ABCDEF-Bundle (Schmerzerfassung, spontane Aufwach- und Atemversuche, individuelle Sedierungstiefe, Delirmanagement, frühe Mobilisierung, Familienintegration) reduziert nachweislich die Delirinzidenz und verbessert funktionelle Langzeitergebnisse.[3]
Ernährung
Die frühzeitige enterale Ernährung ist bei kritisch kranken Patienten gegenüber der parenteralen Ernährung bevorzugt. Aktuelle (2026) Evidenz zeigt, dass in der Akutphase eine zurückhaltende, individualisierte Ernährungsstrategie mit Vermeidung von Überernährung sinnvoll ist. In der Erholungsphase rückt der Erhalt der Muskelmasse in den Vordergrund.[4]
Infektionsmanagement
Nosokomiale Infektionen zählen zu den häufigsten Komplikationen auf Intensivstationen. Beatmungsassoziierte Pneumonien (VAP) und katheterassoziierte Blutstrominfektionen (CLABSI) sind von besonderer Relevanz. Regelhaftes Infektionsscreening, konsequentes Hygienemanagement und Antibiotic Stewardship sind wesentliche Präventionsmaßnahmen.
Lagerungstherapie
Lagerungsmaßnahmen beeinflussen das Ventilations-Perfusions-Verhältnis und die Atemmechanik erheblich. Bei schwerem ARDS ist die Bauchlagerung für mindestens 16 Stunden täglich eine evidenzbasierte Maßnahme mit nachgewiesenem Mortalitätsvorteil.[5][6]
Intensivmedizinische Arbeitsplätze
Weblinks
Quellen
- ↑ Bundesärztekammer. Musterweiterbildungsordnung 2018 (MWBO 2018): Zusatzweiterbildung Intensivmedizin. Verfügbar unter: MWBO 2018. Zuletzt abgerufen: 2024.
- ↑ Graham JD, Lanspa MJ, Peltan ID. Resuscitation Targets, Fluids, and Vasoactives in Septic Shock. Clin Chest Med. 2025;47(1):33-43. doi: 10.1016/j.ccm.2025.10.003.
- ↑ Sosnowski K, Lin F, Chaboyer W et al. The effect of the ABCDE/ABCDEF bundle on delirium, functional outcomes, and quality of life in critically ill patients: A systematic review and meta-analysis. Int J Nurs Stud. 2023;138:104410. PMID 36577261.
- ↑ Peake SL, Ridley EJ, Reignier J. Nutrition support in the ICU: current evidence and evolving standards. Intensive Care Med. 2026;52(6):1284-1289. PMID 42228011.
- ↑ Guérin C, Reignier J, Richard JC et al. Prone positioning in severe acute respiratory distress syndrome. N Engl J Med. 2013;368(23):2159-68. PMID 23688302.
- ↑ Harris BR, Oeckler RA, Collino F et al. The Impact of Patient Positioning on the Compromised Respiratory System. Respir Care. 2026. PMID 42300995.