Blutegeltherapie
Synonym: Hirudotherapie
Englisch: leech therapy
Definition
Die Blutegeltherapie ist ein therapeutisches Verfahren, bei dem medizinische Blutegel zur lokalen Behandlung eingesetzt werden. Die Wirkung beruht auf dem Saugakt und der Abgabe pharmakologisch wirksamer Substanzen aus dem Speichel des Blutegels.
Geschichte
Die Blutegeltherapie hat eine lange medizinische Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Bereits im alten Ägypten, in Griechenland und im Römischen Reich wurden Blutegel im Rahmen der Humoralpathologie zur Behandlung verschiedenster Erkrankungen eingesetzt. Besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit erlebte die Therapie eine Blütezeit, als der Aderlass als zentrales therapeutisches Prinzip galt.
Im 19. Jahrhundert kam es in Europa zu einem massenhaften Einsatz von Blutegeln, was zeitweise sogar zu einer Übernutzung natürlicher Bestände führte. Mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlich geprägten Medizin und moderner Pharmakotherapie verlor die Blutegeltherapie im 20. Jahrhundert zunächst an Bedeutung. Seit den 1980er-Jahren erfährt sie jedoch eine Renaissance, insbesondere in der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie.
Wirkmechanismus
Der Speichel des Blutegels enthält zahlreiche bioaktive Substanzen, darunter Hirudin (Thrombininhibitor), Calin (Thrombozytenaggregationshemmer), Hyaluronidase sowie entzündungshemmende und analgetische Peptide. Diese führen lokal zu einer antikoagulatorischen, entzündungshemmenden, abschwellenden und schmerzlindernden Wirkung. Zusätzlich kommt es durch den prolongierten Nachbluteffekt zu einer lokalen venösen Entstauung.
Anwendungsgebiete
In der evidenzbasierten Medizin wird die Blutegeltherapie vor allem im Bereich der rekonstruktiven Chirurgie bei Lappenplastiken und Replantationen eingesetzt, um venöse Stauungen im Gewebe zu beseitigen. Therapeutisch verwendete Arten sind Hirudo medicinalis und Hirudo verbana, die unter arzneimittelrechtlichen Vorgaben gezüchtet werden.
In der Komplementärmedizin ist die Verwendung vielfältiger. Sie umfasst u.a.:
Ablauf
Die Blutegel werden mit einem Holzspatel aus ihrem Wasserglas gefischt und in ein kleines Glasgefäß gesetzt. In diesem werden sie direkt auf die Körperstelle gesetzt, an der die Egel saugen sollen. Vom Festsaugen des Blutegels spürt der Patient in der Regel nichts, das Festbeißen erzeugt allenfalls einen leichten ziehenden Schmerz. Meist dauert die Blutmahlzeit des Egels zwischen 1 bis 3 Stunden.
Die Bissstellen der Egel bluten nach dem Abfallen in etwa noch 8 bis 24 Stunden leicht nach. Der Patient wird mit einer sterilen Wundauflage und einem saugfähigen Verband versorgt, der einige Stunden liegen bleibt. Nach dem Stillstand der Nachblutung sind die Bissstellen mit einem mehr oder weniger großen Hämatom umgeben, das nach einigen Tagen komplett verschwunden ist.
Kontraindikationen
- Gerinnungsstörungen
- Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmung mit hohem Blutungsrisiko
- Immunsuppression
- Anämie
- Schwangerschaft
- Allergie gegen Blutegelspeichel
- Infektionen oder Hautläsionen im Anwendungsgebiet
Evidenzlage
Insgesamt ist die wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit der Blutegeltherapie begrenzt. Für die Gonarthrose zeigen randomisierte kontrollierte Studien eine kurzfristige Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung gegenüber Kontrollgruppen. Für weitere Indikationen ist die Datenlage heterogen oder unzureichend. Entsprechend wird die Blutegeltherapie in Leitlinien meist als ergänzende oder optionale Maßnahme eingeordnet.
Literatur
- Michalsen et al., Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee: a randomized, controlled trial, Ann Intern Med, 2003
- Schmiedel, Leitfaden Naturheilkunde, Elsevier-Verlag, 2025