Yersiniose
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Loslegennach dem Schweizer Arzt und Bakteriologen Alexandre Émile Jean Yersin (1863-1943)
Synonyme: Yersinien-Enteritis, Pseudoappendizitis, Yersinien-Gastroenteritis, Yersinien-Enterokolitis
Englisch: yersiniosis
Definition
Die Yersiniose ist eine Infektionskrankheit, die durch eine Infektion mit den Bakterienarten Yersinia enterocolitica und Yersinia pseudotuberculosis hervorgerufen wird.
Erreger
Yersinien kommen weltweit vor und sind im Tierreich weit verbreitet. Für humanpathogene Yersinia-enterocolitica-Stämme sind Haus- und Wildschweine das wichtigste Reservoir. Die Übertragung erfolgt insbesondere fäkal-oral über kontaminiertes, unzureichend erhitztes Schweinefleisch und mangelhafte Küchenhygiene.
Die wesentlich seltenere Infektion mit Yersinia pseudotuberculosis wird vor allem über durch Wildtiere kontaminierte Lebensmittel übertragen. Nicht pasteurisierte Milch, kontaminiertes Wasser sowie pflanzliche Lebensmittel können ebenfalls Infektionsquellen sein.[1][2]
Eine besondere Eigenschaft von Yersinien ist ihre Kältetoleranz. Yersinia enterocolitica kann sich auch bei niedrigen Temperaturen (beispielsweise bei der Kühlung von Lebensmitteln) vermehren.
Epidemiologie
2024 wurden in Deutschland 3.040 Yersiniosen gemeldet. Dies entspricht einer Inzidenz von 3,6 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. 99,7 % der Erkrankungen wurden durch Yersinia enterocolitica und 0,3 % durch Yersinia pseudotuberculosis verursacht. Bei den typisierten Yersinia-enterocolitica-Isolaten war der Serotyp O:3 mit 80 % am häufigsten, gefolgt von O:9 mit 8 % sowie O:5,27 und O:8 mit jeweils 4 %. Besonders häufig betroffen sind Kleinkinder. Eine ausgeprägte Saisonalität ist in Deutschland nicht zuverlässig erkennbar.[1]
Pathophysiologie
Die Pathogenität der Yersinien beruht auf verschiedenen Virulenzfaktoren. Über das Oberflächenprotein Invasin können die Erreger M-Zellen des intestinalen Epithels infiltrieren und in das lymphatische Gewebe eindringen. Das Ysc-Typ-III-Sekretionssystem ermöglicht die Translokation von Yersinia-Outer-Proteinen (Yops) in Wirtszellen. Diese hemmen unter anderem die Phagozytose und modulieren die lokale Immunantwort. Die daraus resultierende Entzündungsreaktion kann zur Lymphadenitis mesenterialis und zur Enterokolitis führen.
Klinik
Die Yersiniose weist unterschiedliche Verlaufsformen auf. Prinzipiell besteht ein Zusammenhang zwischen dem Erkrankungsalter und der Verlaufsform. Die Inkubationszeit beträgt etwa 5 Tage (Spannweite 1–14 Tage).[2]
Yersinien-Gastroenteritis
Die Yersinien-Gastroenteritis tritt insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern auf. Sie verläuft typischerweise als akute, meist selbstlimitierende Gastroenteritis beziehungsweise Enterokolitis mit Diarrhö, abdominalen Schmerzen und Fieber. Die Diarrhö kann wässrig, gelegentlich auch blutig sein. Erbrechen kann ebenfalls auftreten.
Die Erkrankung dauert häufig etwa ein bis zwei Wochen, wobei länger anhaltende gastrointestinale Beschwerden möglich sind.
Pseudoappendizitis (Lymphadenitis mesenterialis)
Die Pseudoappendizitis bei Yersinien-Infektion zeigt sich meistens bei älteren Kindern und Jugendlichen. Es kommt zu einer Lymphadenitis mesenterica, d.h. einer Schwellung und Entzündung der Lymphknoten im Bereich des Mesenteriums, häufig auch mit Lymphknotenkonglomeraten um die Appendix vermiformis herum.
Bildgebend können vergrößerte mesenteriale Lymphknoten, insbesondere im ileozökalen Bereich, nachweisbar sein. Die Appendix kann dabei unauffällig sein. Bei unklarer Befundkonstellation ist eine weiterführende bildgebende Diagnostik oder in Einzelfällen eine diagnostische Laparoskopie erforderlich.
Enterokolitis
Die Yersinien-Enterokolitis verläuft als bakterielle Gastroenteritis vom Penetrationstyp. Die Infektion befällt bevorzugt das lymphatische Gewebe im Bereich von Zökum und terminalem Ileum. Bei endoskopischer Untersuchung kann sich ein rechtsseitiger Kolonbefall mit Aphthen oder Ulzerationen im terminalen Ileum zeigen.[2]
Es kommt zur Diarrhö und kolikartigen Bauchschmerzen, die 10-14 Tage andauern, gelegentlich aber auch in eine chronische, nach symptomfreien Intervallen wiederkehrende Diarrhö- und Schmerzsymptomatik übergehen.
Komplikationen
Bei Immunsuppression kann es zu einer Sepsis durch Yersinien kommen. Häufiger ist jedoch eine reaktive Arthritis, die bevorzugt HLA-B27-positive Erkrankte betrifft und Wochen bis Monate nach der Erstinfektion auftritt. Selten kann eine reaktive Arthritis mit extraartikulären Manifestationen wie Urethritis beziehungsweise Zervizitis und Konjunktivitis auftreten; auch eine Uveitis ist möglich.[3]
Septische Verläufe sowie das Entstehen einer Osteomyelitis oder von Leberabszessen sind bekannt, insbesondere bei Immunsuppression.
Diagnostik
Der direkte Erregernachweis erfolgt aus Stuhl, Biopsiematerial beziehungsweise mesenterialen Lymphknoten oder bei Sepsisverdacht aus Blut durch Bakterienkultur und/oder molekularbiologisch. Als direkter labordiagnostischer Nachweis gelten auch der Nachweis eines Virulenzgens, z.B. virF oder ail, sowie eine spezifische PCR. Nach molekularem Nachweis sollte zur Bestätigung und weiterführenden Charakterisierung eine Kultur angestrebt werden.[4][1] Nach 48 h Inkubation zeigt sich ein Wachstum auf:
- Blut-Agar oder McConkey-Agar
- Yersinia-Selektivagar (Zusatz von Cefsulodin, Irgasan und Novobiocin)
Gutes Keimwachstum besteht auch auf einigen Salmonella-/Shigella-Selektivmedien. Die Vermehrungsfähigkeit ist bis 4 °C erhalten, daher ist eine Kälteanreicherung aus kontaminiertem Material möglich. Diese kann insbesondere bei niedriger Erregerkonzentration hilfreich sein, gehört aber nicht zur routinemäßigen Standarddiagnostik.
Serologische Nachweismethoden umfassen die Bestimmung des Titers spezifischer Yersinia-Antikörper für die häufigsten Serotypen von Yersinia enterocolitica. Beweisend ist ein deutlicher, je nach Labormethode unterschiedlicher Titeranstieg.
Therapie
Die Therapie der Yersiniose ist bei Verlaufsformen mit Diarrhö in der Regel symptomatisch und erfolgt durch Rehydratation und weitere supportive Maßnahmen.
Bei akuter Yersinien-Infektion ohne Hinweis auf Sepsis oder komplizierten Verlauf soll keine antimikrobielle Therapie erfolgen. Bei schwerer oder protrahierter Symptomatik kann, bei Bakteriämie oder Sepsis soll eine antimikrobielle Therapie unter Berücksichtigung des Antibiogramms durchgeführt werden. In der Regel wird Ceftriaxon in einer Dosierung von 2 g/Tag i.v. über 7–14 Tage eingesetzt. Bei Kontraindikation, z.B. Medikamentenallergie, und bei vorliegendem Antibiogramm kann alternativ Ciprofloxacin (2 × 400 mg i.v. für 7–14 Tage) gegeben werden. Für eine Enterokolitis wird eine Therapiedauer von 5–7 Tagen, für eine Bakteriämie von 7–14 Tagen empfohlen.[1]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Prävention
Zur Prävention sind eine konsequente Lebensmittel- und Küchenhygiene erforderlich. Schweinefleisch sollte vollständig durchgegart und nicht pasteurisierte Milch vermieden werden. Die getrennte Verarbeitung von rohem Fleisch und verzehrfertigen Lebensmitteln sowie sorgfältige Händehygiene reduzieren das Übertragungsrisiko.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 RKI-Ratgeber Yersiniose, abgerufen am 15.08.2026
- ↑ 2,0 2,1 2,2 S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen, AWMF-Registernummer 021-024, abgerufen am 15.08.2026
- ↑ Reactive Arthritis, abgerufen am 15.08.2026
- ↑ Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024, abgerufen am 15.08.2026