Raynaud-Syndrom
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Loslegennach dem französischen Arzt Maurice Raynaud (1834–1881)
Synonyme: Raynaud-Phänomen, Morbus Raynaud, Weißfingerkrankheit, Digitus mortuus, Reilscher Finger
Englisch: Raynaud's phenomenon
Definition
Beim Raynaud-Syndrom handelt es sich um eine episodisch auftretende vasospastische Durchblutungsstörung der Akren, die zu charakteristischen Farbveränderungen vorwiegend an den Fingern und Zehen führt.
- ICD10-Code: I73.0
Terminologie
In der aktuellen Literatur wird zunehmend der Begriff "Raynaud-Phänomen" als Überbegriff bevorzugt.[1]
Epidemiologie
Einteilung
Man unterscheidet zwei Formen des Raynaud-Syndroms:
Primäres Raynaud-Syndrom
Das primäre (idiopathische) Raynaud-Syndrom tritt ohne erkennbare Ursachen auf. Es ist eine Ausschlussdiagnose. Charakteristisch sind ein junges Erkrankungsalter, eine symmetrische Beteiligung, eine typische Aussparung des Daumens, eine unauffällige Nagelfalz-Kapillarmikroskopie sowie negative Autoantikörper-Befunde.[2]
Sekundäres Raynaud-Syndrom
Das sekundäre Raynaud-Syndrom ist eine Begleitstörung, die auf andere Ursachen zurückgeführt werden kann, z.B. auf
- Autoimmunerkrankungen bzw. Autoantikörper
- Gefäßerkrankungen
- Traumata oder Überlastungen
- Gifte
- Medikamente
Pathogenese
Die genaue Pathogenese ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden vaskuläre, neurale und intravaskuläre Mechanismen.[2]
- Vaskulär: Beim primären Raynaud-Syndrom liegt eine funktionelle Störung der thermoregulatorischen arteriovenösen Anastomosen vor. Beim sekundären Raynaud-Syndrom kommen strukturelle Gefäßveränderungen hinzu, insbesondere eine endotheliale Dysfunktion mit gesteigerter Endothelin-1-Freisetzung.
- Neural: Eine kälteinduzierte Erhöhung des sympathischen Tonus führt über α2C-Adrenozeptoren der glatten Gefäßmuskulatur zu Vasospasmen.
- Intravaskulär: Thrombozytenaktivierung, erhöhte Blutviskosität und Freisetzung vasoaktiver Substanzen (Thromboxan, Serotonin) begünstigen die Hypoperfusion.
Genetische Untersuchungen identifizierten u.a. die Gene ADRA2A und IRX1 als prädisponierende Faktoren.[2]
Auslöser
Typische Auslöser sind:
- Kälteexposition
- Emotionaler Stress
- Rauchen
- Vibrationsexposition
- Vasokonstriktiva
Symptome
- Plötzlich auftretende Blässe (Ischämie)
- Zyanose der Finger oder Zehen im Bereich der Akren
- Reaktive Hyperämie mit Rötung, Kribbeln und Klopfen
- Schmerzen (selten)
- Taubheitsgefühl
Die typische Abfolge des Vasospasmusereignisses (weiß – blau – rot) bezeichnet man auch als Trikolore-Phänomen.
Die Symptome können über Minuten bis Stunden anhalten. Bei längerem Bestehen werden das versorgte Gewebe und die Gefäße dauerhaft geschädigt. Typische Spätfolgen sind trophische Störungen oder Nekrosen. Die normale Durchblutung wird mit der Erwärmung der Akren wiederhergestellt.
Diagnostik
Die Diagnose des Raynaud-Syndroms ist primär klinisch.[1] Wesentlich ist die Differenzierung zwischen primärer und sekundärer Form.
Klinische Untersuchung
Im Zentrum der Diagnostik stehen eine sorgfältige Anamnese und die körperliche Untersuchung. Vom Patienten angefertigte Fotodokumentationen vasospastischer Episoden können den klinischen Verdacht stützen. Die körperliche Untersuchung umfasst eine Inspektion auf Sklerodaktylie, digitale Ulzera, Pitting-Narben und Kalzinose sowie die seitenvergleichende Palpation der Pulse und Blutdruckmessung beidseits zur Erfassung makrovaskulärer Pathologien. Kälteprovokationstests zur Auslösung einer Attacke werden nicht mehr empfohlen.[1]
Labor
Zur Basisdiagnostik gehören Blutbild, CRP und BSG. Bei Verdacht auf eine sekundäre Form werden ANA bestimmt. Bei positivem Befund werden ergänzend extrahierbare nukleäre Antigene (ENA), Kryoglobuline, Kälteagglutinine sowie ggf. Schilddrüsenwerte untersucht. Ferner erfolgt eine Serumeiweiß-Elektrophorese. Ein primäres Raynaud-Syndrom setzt definitionsgemäß einen normalen Untersuchungsbefund, eine unauffällige Kapillaroskopie sowie negative bzw. niedrigtitrige Autoantikörper voraus.[2]
Nailfold-Kapillaroskopie
Die Nailfold-Kapillaroskopie gilt als Goldstandard zur Differenzierung zwischen primärer und sekundärer Form. Vor der Untersuchung sollten Koffein, Nikotin und vasokonstriktorisch wirkende Medikamente für vier bis sechs Stunden gemieden werden. Bei primärem Raynaud-Syndrom zeigt sich typischerweise ein normales Kapillarmuster. Erweiterte Kapillaren mit einem Durchmesser >50 µm, eine verminderte Kapillardichte (<7–10 Kapillaren pro Millimeter), Mikrohämorrhagien sowie büschelartige Kapillarneubildungen sprechen für ein Sklerodermie-Muster und damit für eine sekundäre Form. Kapillarverlust und Kapillarvergrößerung sind unabhängige Prädiktoren für die Progression zu einer manifesten Sklerodermie.
Bildgebung
Bei Verdacht auf vasookklusive Ursachen kommen Duplexsonographie, CT-Angiographie oder MR-Angiographie zum Einsatz. Funktionelle Verfahren wie Thermographie, Laser-Doppler-Imaging und Perfusionsszintigraphie können ergänzend genutzt werden.
Therapie
Die Therapie ist abhängig von der Art und vom Schweregrad des Raynaud-Syndroms. Bei einem sekundären Raynaud-Syndrom steht die Behandlung der auslösenden Grunderkrankung im Vordergrund.
Das primäre Raynaud-Syndrom muss bei geringer Ausprägung in der Regel nicht behandelt werden, sondern wird durch entsprechende Präventionsmaßnahmen (Warmhalten der Akren) abgemildert.
Medikamentös kommen vor allem Dihydropyridine zum Einsatz, in schwereren Fällen PDE-5-Hemmer, Endothelin-Rezeptorantagonisten oder Prostacyclin bzw. Prostaglandinanaloga wie Alprostadil.
Wenn sich die Symptomatik mit medikamentösen Maßnahmen nicht ausreichend kontrollieren lässt, kann eine Sympathektomie erfolgen. Dabei wird in der Regel das Ganglion stellatum und das 2. und 3. Thorakalganglion ausgeschaltet. Die Nebenwirkungen dieser Therapie sind allerdings beträchtlich, da die Schweißsekretion gestört wird und durch die Denervierung der Gefäße eine regionale Hyperämie auftritt.
Ergänzend werden physiotherapeutische Maßnahmen eingesetzt, insbesondere ein gezieltes Hand- und Fingertraining sowie Wärmeanwendungen zur Vasodilatation. Kontrastbäder im Sinne eines Gefäßtrainings können das vegetative Gefäßverhalten günstig beeinflussen.
Prognose
Das primäre Raynaud-Syndrom verläuft meist mild und führt nicht zu bleibenden Gewebeschäden. Etwa 12–20 % der Patienten mit zunächst primärem Raynaud-Syndrom entwickeln im Verlauf eine Bindegewebserkrankung, insbesondere eine Sklerodermie. Die Prognose des sekundären Raynaud-Syndroms hängt entscheidend von der Grunderkrankung ab.[2]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Belch J, Carlizza A, Carpentier PH, et al. ESVM guidelines – the diagnosis and management of Raynaud's phenomenon. Vasa. 2017;46(6):413-423.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Ture HY, Lee NY, Kim NR, Nam EJ. Raynaud's Phenomenon: A Current Update on Pathogenesis, Diagnostic Workup, and Treatment. Vasc Specialist Int. 2024;40:26.