Nabelvenenkatheter
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LoslegenEnglisch: umbilical venous catheter, UVC
Definition
Der Nabelvenenkatheter, kurz NVK, ist ein Venenkatheter, der über die Vena umbilicalis in den venösen Kreislauf des Neugeborenen eingeführt wird. Er stellt den bevorzugten venösen Gefäßzugang während der Neugeborenenreanimation und bei schwerer kardiorespiratorischer Anpassungsstörung nach der Geburt dar.[1]
Hintergrund
Fetaler und postnataler Kreislauf
Im fetalen Kreislauf übernimmt die Vena umbilicalis den Sauerstoff- und Nährstofftransport von der Plazenta zur Leber und weiter über den Ductus venosus in die Vena cava inferior. Weitere Kurzschlussverbindungen des fetalen Kreislaufs sind das Foramen ovale und der Ductus arteriosus.
Nach Abnabelung und Beginn der Lungenatmung stellen sich diese Shunts zunächst funktionell (innerhalb von Minuten bis Stunden) und im weiteren Verlauf strukturell (innerhalb von Tagen bis Wochen) auf postnatale Kreislaufverhältnisse um. Während dieser Übergangsphase bietet die Vena umbilicalis eine praktikable Gefäßzugangsmöglichkeit, die gegebenenfalls noch einige Tage nach der Geburt genutzt werden kann.[1][2]
Bei zentraler Katheterlage dient der Ductus venosus als „Wegschienung" bis zur Vena cava inferior. Bei peripherer Lage (Katheterspitze unter Hautnabelniveau, vor der Pfortaderaufzweigung) ermöglicht er den freien Abfluss der Infusionslösung.
Epidemiologie
Etwa 10 % aller Neugeborenen benötigen nach der Geburt Unterstützungsmaßnahmen, rund 1 % erfordert eine umfangreiche Reanimation.[3] Die Anlage eines periphervenösen Katheters gelingt bei Neugeborenen in zeitkritischen Situationen häufig nicht oder nur mit erheblichem Zeitverlust. Der NVK stellt deshalb in dieser Altersgruppe den schnellsten und zuverlässigsten venösen Notfallzugang dar.[2]
Indikationen
Indikationen für die Anlage eines Gefäßzugangs mittels NVK im neonatalen Notfall sind:[1]
- Neugeborenenreanimation
- hämodynamisch relevanter Blutverlust (z.B. bei vorzeitiger Plazentalösung oder Nabelschnurblutung)
- Schockzeichen bei schwerer kardiorespiratorischer Anpassungsstörung oder Asphyxie:
- Blässe
- verlängerte Rekapillarisierungszeit
- Atemstörung
- reduzierte Vigilanz
Als unterstützende Maßnahme ist ein Gefäßzugang zudem indiziert bei persistierender Bradykardie < 60/min trotz suffizienter Ventilation sowie bei drohender oder manifester Hypoglykämie.[2]
Formen
Langer Katheter
Bei elektiver Anlage und entsprechender Erfahrung wird ein langer, doppellumiger Nabelvenenkatheter (z.B. 20 cm) über Vena umbilicalis und Ductus venosus bis zum Übergang Vena cava inferior / rechter Vorhof vorgeschoben. Die Katheterspitze liegt damit zentralvenös. Der Katheter wird am Nabelstumpf angenäht und kann für mehrere Tage belassen werden.[2] Diese Technik ist jedoch zeitaufwendig und birgt das Risiko der intrahepatischen Fehllage in einem Pfortaderast, was zu Thrombose oder Extravasat führen kann.
Kurzer Katheter (Notfallzugang)
Im Notfall wird bevorzugt ein kurzer Katheter eingesetzt (z.B. Knopfkanüle oder als Rückfallebene eine 14-G- oder 16-G-Venenverweilkanüle ohne Stahlmandrin). Die Katheterspitze liegt unter Hautnabelniveau in der Vena umbilicalis, proximal der Pfortaderaufzweigung. Diese Anwendung stellt einen Off-Label-Use dar; bei vitaler Indikation ist sie jedoch gerechtfertigt.[2]
Cave: Der Katheter muss vor Verwendung entlüftet und als geschlossenes System betrieben werden, um das Risiko einer Luftembolie zu minimieren.[1]
Durchführung
Material
Für die Notfallanlage eines kurzen NVK werden benötigt:
- Hautdesinfektionsmittel, sterile Kompressen
- Nabelband (ca. 5 mm breit, 15 cm Länge; Notfallersatz: Mullbinde)
- Skalpell (Größe 10)
- chirurgische und anatomische Pinzette
- Knopfkanüle oder 14-G/16-G-Venenverweilkanüle
- Nabelklemme (Notfallersatz: Mullbinde)
- Spritze mit NaCl 0,9 %, Verlängerungsleitung und Dreiwegehahn
Anlage
- Haut rund um den Nabel und den Nabelschnurstumpf desinfizieren; Nabelband distal des Hautnabels locker um den Nabelschnuransatz legen und einen lockeren Knoten binden.
- Nabelschnur mit dem Skalpell auf ca. 3–5 cm ab Hautnabel kürzen – möglichst glatte Schnittfläche erzielen.
- Schnittfläche nochmals desinfizieren; Nabelschnurgefäße identifizieren: Die Vena umbilicalis liegt typischerweise bei ca. 12 Uhr mit großem, dünnwandigem Lumen; die beiden Nabelarterien liegen bei ca. 4 und 8 Uhr mit engerem, kontrahiertem Lumen.
- Katheter ca. 5–7 cm tief einführen, sodass die Spitze knapp unter Hautnabelniveau liegt. Bei Widerstand Katheter leicht drehen und unter gleichzeitiger Spülung vorschieben.
- Korrekte Lage durch Aspiration von Blut mit einer NaCl-0,9%-gefüllten Spritze bestätigen.
- Leitung und Katheter mit 5 ml NaCl 0,9 % spülen.
- Nabelklemme auf das distale Ende des Nabelschnurstumpfes setzen, um den Katheter zu sichern; Infusion oder Medikamente über den seitlichen Anschluss des Dreiwegehahns applizieren und nachspülen.
Cave: Bei unzureichendem Verschluss durch das Nabelband kann es nach dem Kürzen der Nabelschnur zu relevantem Blutverlust aus den offenen Gefäßen kommen.[2]
Lagekontrolle
Die primäre Lagekontrolle erfolgt klinisch: Aspiration von Blut sowie mühelose Spülbarkeit ohne wesentlichen Widerstand zeigen eine korrekte Position an. Im stationären Umfeld (neonatologische Intensivstation) ist eine radiologische oder sonographische Lagekontrolle indiziert; die korrekte Lage eines langen Katheters entspricht der Projektion auf den 8.–9. Brustwirbelkörper.
Komplikationen
Der NVK ist mit infektiösen und mechanischen Komplikationen assoziiert, deren Inzidenz mit zunehmender Liegedauer steigt:
- Katheter-assoziierte Blutbahninfektionen (CLABSI): ca. 3/1.000 Kathetertage; die Infektionsrate steigt deutlich ab einer Liegedauer von mehr als 7–10 Tagen[4]
- Thrombose: Pfortader- oder Vena-cava-inferior-Thrombosen
- Hepatische Extravasate: Intrahepatische Fehllage in einem Pfortaderast kann zu Leberparenchymschäden führen; sonographisch in bis zu einem Drittel der Kathetersierungen nachweisbar[5]
- Katheter-Dislokation und Fehllage: erhöhtes Thrombose- und Extravasatrisiko bei intrahepatischer Lage
- Kardiale Arrhythmie: bei zu tief eingeführtem Katheter (Spitze im rechten Vorhof oder Ventrikel)
In einer deutschsprachigen Umfrage in NICU-Zentren in Deutschland und Österreich betrugen die Komplikationsraten für NVK mit einer Liegedauer von 1–10 Tagen: Infektionen ca. 4 %, Thrombosen ca. 7 %, Dislokation ca. 5 %.[6]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Madar J, Roehr CC, Ainsworth S et al. Versorgung und Reanimation des Neugeborenen nach der Geburt. Notfall Rettungsmed. 2021;24:462–527.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Krauth A. Nabelvenenkatheter – Schritt für Schritt. Notfallmedizin up2date. 2020;15:345–352.
- ↑ Zubi ZBH, Abdullah AFB, Helmi MABM et al. Indications, Measurements, and Complications of Ten Essential Neonatal Procedures. Int J Pediatr. 2023;2023:3241607.
- ↑ Corso L, Buttera M, Candia F et al. Infectious Risks Related to Umbilical Venous Catheter Dwell Time and Its Replacement in Newborns: A Narrative Review of Current Evidence. Life (Basel). 2023;13(1):123.
- ↑ Derinkuyu BE, Boyunaga OL, Damar C et al. Hepatic Complications of Umbilical Venous Catheters in the Neonatal Period: The Ultrasound Spectrum. J Ultrasound Med. 2018;37(6):1335–1344.
- ↑ Hess S, Poryo M, Böttger R et al. Umbilical venous catheter- and peripherally inserted central catheter-associated complications in preterm infants with birth weight < 1250 g. Wien Med Wochenschr. 2023;173(7-8):161–167.