HIV-assoziierte neurokognitive Störung
Englisch: HIV-associated neurocognitive disorder
Definition
Die HIV-assoziierte neurokognitive Störung, kurz HAND, ist ein Oberbegriff für ein Spektrum von neurologischen Komplikationen, die bei HIV-infizierten Personen auftreten.
Epidemiologie
Trotz der Einführung der antiretroviralen Therapie (ART) bleibt die Prävalenz von HAND unter HIV-Infizierten hoch (30–50 %). Während der Anteil von Menschen mit HIV-assoziierter Demenz (HAD) nach ART sinkt, treten die milderen Formen vermehrt auf. Dies lässt sich teilweise dadurch begründen, dass eine HAND auch durch medikamententoxische Effekte ausgelöst werden kann.
Ätiologie
Ursächlich ist eine frühe Invasion des HI-Virus in das ZNS (nachweisbar innerhalb von 8–15 Tagen nach Infektion). Risikofaktoren für die Entwicklung einer HAND sind dabei:
- Hohes Alter
- Niedriger CD4-Nadir
- Hohe Viruslast in Blut und/oder Liquor
- Begleiterkrankungen (Hepatitis C, vaskuläre Erkrankungen, Substanzmissbrauch)
Pathogenese
Aktuell (2026) bestehen mehrere pathogenetische Ansätze:
- Zerstörung der Blut-Hirn-Schranke (BHS) durch direkt toxische Effekte von viralen Proteinen (gp120, Tat) auf Tight Junctions der Endothelzellen
- Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine durch die Aktivierung von Mikroglia nach ZNS-Infektion
Klassifikation
Die klinische Klassifikation erfolgt nach den Frascati-Kriterien in drei Schweregrade:
- Asymptomatische neurokognitive Beeinträchtigung (ANI): Leichte Defizite in kognitiven Bereichen ohne merkliche Einschränkung des Alltags
- Milde neurokognitive Störung (MND): Kognitive Defizite, die die Alltagsfunktion negativ beeinträchtigen
- HIV-assoziierte Demenz (HAD): schwere Form mit Verlust von kognitiven und motorischen Fähigkeiten
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt als Ausschlussdiagnose und umfasst:
- Neuropsychologische Testung
- Screening-Tools (MoCA, International HIV-Dementia Scale (IHDS), Short Neuro-AIDS Screening (SNAS))
- Bildgebung (MRT)
- Liquoruntersuchung
Differentialdiagnosen
- Alzheimer-Demenz
- Depression
- Opportunistische Infektionen (ZNS-Toxoplasmose, Kryptokokken-Meningitis, PML)
- HIV-Begleiterkrankungen (Vitamin-B12-Mangel, Syphilis, vaskuläre Demenz)
Therapie
Der Fokus liegt zunächst auf der Optimierung der ART. Die konsequente Unterdrückung der Viruslast ist die wichtigste Maßnahme, wobei auf neurotoxische Nebenwirkungen antiviraler Medikamente geachtet werden sollte. Zusätzlich kann eine symptomatische Therapie mit Antidepressiva erfolgen.
Eine multidisziplinäre Betreuung der Patienten durch Infektiologie und Neurologie sowie regelmäßige Screenings werden empfohlen.
Quellen
- Thompson et al., HIV-Associated Neurocognitive Disorder: A Look into Cellular and Molecular Pathology, Int J Mol Sci, 2024
- Mustafa et al., HIV-Associated Neurocognitive Disorder (HAND) and Alzheimer's Disease Pathogenesis: Future Directions for Diagnosis and Treatment, Int J Mol Sci, 2024
- Wagstaff et al., HIV associated neurocognitive disorder screening and diagnosis pathways in Australia: a scoping review and international implications, AIDS Care, 2024