Ösophaguskarzinom
Synonym: Ösophaguscarcinom, Ösophagus-CA
Englisch: esophageal cancer, esophageal carcinoma
Definition
Einteilung
Man unterteilt Ösophaguskarzinome pathohistologisch in:
- Plattenepithelkarzinome (esophageal squamous-cell carcinoma, ESCC)
- Adenokarzinome (esophageal adenocarcinoma, EAC)
- undifferenzierte Karzinome (selten)
Aufgrund ihrer Lokalisation nehmen Adenokarzinome des ösophagogastralen Übergangs (AEG) dabei eine Sonderrolle ein.
Epidemiologie
Die Häufigkeit von Ösophaguskarzinomen beträgt zwischen 3 und 5 von 100.000, je nach Gebiet. Besonders zahlreich sind sie in Südostasien. In Deutschland kommt es zu etwa 5.700 Neuerkrankungen/Jahr.[1]
Während in Industrieländern früher Plattenepithelkarzinome dominierten, machen sie aktuell etwa 42 % der Ösophaguskarzinome aus, während Adenokarzinome inzwischen etwa 48 % erreichen. Bei Männern liegt der Anteil der Adenokarzinome mit etwa 51 % bereits über dem der Plattenepithelkarzinome. Adenokarzinome treten dabei fast ausschließlich im distalen Ösophagus bzw. am ösophagogastralen Übergang auf. Weltweit überwiegen jedoch weiterhin die Plattenepithelkarzinome, insbesondere im sogenannten „Asian esophageal cancer belt“, wo die Inzidenz regional auf bis zu 100 pro 100.000 Einwohner ansteigen kann.[2]
Ätiologie
Was genau ein Ösophaguskarzinom verursacht, ist nicht bekannt. Es handelt sich wie bei anderen Krebsarten wahrscheinlich um eine multifaktorielle Genese, die durch das Zusammenwirken interner (Genom, Immunsystem) und externer Einflüsse (Noxen) gekennzeichnet ist. Eine erhöhte Inzidenz ist bei Nikotinabusus[3], Alkoholabusus[4], Nutzung von Pflanzendrogen (Betelnuss)[5] sowie bei vermehrter Aufnahme von Nitrosaminen oder Aflatoxinen (Gift aus Schimmelpilzen) erwiesen.
Ein Ösophaguskarzinom entwickelt sich in der Regel aus einer Präkanzerose. Dazu gehören u.a.:
Pathologie
Etwa 2/3 der Ösophaguskarzinome sind Plattenepithelkarzinome mit intramuralem, ulzerösem, polypösem oder diffus infiltrierendem Wachstum.
1/3 der Ösophaguskarzinome sind Adenokarzinome; v.a. bei Vorliegen eines Barrett-Ösophagus. Selten sieht man ein adenoidzystisches Adenokarzinom oder ein undifferenziertes kleinzelliges Adenokarzinom.
Zur Verteilung der verschiedenen Pathohistologien des Ösophaguskarzinoms gibt es in der Literatur sehr unterschiedliche Angaben. Sie sind abhängig von der betrachteten Population (Region, Geschlecht usw.). Die o.a. Zahlen beziehen sich auf Deutschland. Tendenziell hat der Anteil der Adenokarzinome in westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten zugenommen[6], während in Schwellenländern nach wie vor Plattenepithelkarzinome deutlich überwiegen.
Die Karzinome sind meist an den physiologischen Engen der mittleren oder distalen Speiseröhre lokalisiert.
Adenokarzinom der Speiseröhre. HE-Färbung. Histologiepräparat freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch die Pathologie der Uniklinik Köln
Metastasierung
Oft kommt es bei Ösophaguskarzinom zu einer lymphogenen Metastasierung der Krebszellen. Der Ösophagus besitzt ein longitudinales Lymphgefäßnetz, das eine weite kraniokaudale Streuung ermöglicht. Tumoren des mittleren und oberen Ösophagus metastasieren häufig in die zervikalen und supraklavikulären Lymphknoten, Tumoren des unteren Drittels eher in abdominale (z. B. perigastrische) Lymphknoten. Darüber hinaus ist eine Metastasierung in paratracheale Lymphknoten und posteriore mediastinale Lymphknoten möglich.
Im Gegensatz zu anderen Organen besteht am Ösophagus kein streng hierarchischer Lymphabfluss, sodass häufiger Skip-Metastasen vorkommen.[7]
Symptomatik
Die klinische Symptomatik des Ösophaguskarzinoms ist anfangs oft unspezifisch, weshalb die Erkrankung häufig erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert wird. Leitsymptom ist eine progrediente Dysphagie, die zunächst bei fester Nahrung auftritt und im Verlauf auch flüssige Kost betrifft. Begleitend kann eine Odynophagie bestehen.
Häufig kommt es zu ungewolltem Gewichtsverlust infolge von Inappetenz und reduzierter Nahrungsaufnahme. Ebenfalls typisch ist eine Pseudohypersalivation, da Speichel nicht mehr suffizient abgeschluckt werden kann.
Weitere mögliche Symptome sind:
- retrosternale Schmerzen oder Druckgefühl hinter dem Brustbein
- Regurgitation unverdauter Nahrung
- Nausea und Erbrechen
- persistierender Husten oder Heiserkeit (z.B. bei Infiltration des Nervus laryngeus recurrens)
- zervikale Lymphadenopathie als Hinweis auf lymphogene Metastasierung
Vereinzelt treten auch paraneoplastische Syndrome auf, z.B. eine Hyperkalzämie durch Sekretion von PTHrP.
Die Symptomprogression korreliert häufig mit dem Tumorwachstum und der luminalen Einengung des Ösophagus. Frühkarzinome bleiben hingegen oft asymptomatisch und werden meist zufällig im Rahmen einer Ösophagogastroduodenoskopie entdeckt.
Komplikationen
In fortgeschrittenen Stadien können tumorbedingte Komplikationen auftreten, z.B.:
- obere gastrointestinale Blutungen
- Stenosierung
- Ösophagitis
- Aspiration mit rezidivierenden Pneumonien
- ösophagotracheale Fistel
- ausgeprägte Mangelernährung (Kachexie)
Diagnostik
Die Diagnostik umfasst eine Anamnese, die körperliche Untersuchung sowie diverse apparative Verfahren. Sie dient der Diagnosesicherung sowie dem Staging und Grading des Tumors.
Endoskopie
Die Diagnose eines Ösophaguskarzinoms erfolgt primär durch eine Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) mit histologischer Sicherung durch Biopsie. Die Endoskopie dient der Bestimmung von Lokalisation und Ausdehnung des Tumors sowie der Erfassung begleitender Schleimhautveränderungen, insbesondere eines Barrett-Ösophagus im distalen Ösophagus. Mittels hochauflösender Videoendoskopie lassen sich auch diskrete Veränderungen von Farbe, Relief und Mukosaarchitektur erkennen. Die Detektion von Dysplasien und Frühkarzinomen kann zusätzlich durch Chromoendoskopie oder digitale bildverbessernde Verfahren wie Narrow-Band-Imaging verbessert werden.[2]
Pathohistologie
Die feingewebliche Untersuchung des Biopsats erlaubt die Differenzierung zwischen ESCC und EAC sowie die Bestimmung des Differenzierungsgrads (Grading). Die Immunhistochemie wird dabei zum Nachweis molekularer Marker (z.B. HER2, PD-L1) eingesetzt. Die Beurteilung der Invasionstiefe (pT-Stadium) sowie des Lymphknotenbefalls erfolgt postoperativ im Rahmen der histopathologischen Aufarbeitung des Resektats und ist prognostisch von Bedeutung.
Endosonographie
Die Endosonographie (EUS) besitzt aufgrund ihrer hohen lokalen Ortsauflösung die höchste Treffsicherheit für die Beurteilung der Tumorinvasionstiefe. Sie ist besonders für das lokale Staging wichtig. Sie hilft bei der Einschätzung der Infiltration angrenzender Strukturen und des regionären Lymphknotenbefalls. Ihre Grenzen liegen in der Untersucherabhängigkeit sowie in der eingeschränkten technischen Durchführbarkeit bei hochgradig stenosierenden Tumoren.
Bildgebung
Die kontrastmittelgestützte CT von Hals, Thorax und Abdomen ist ein Standardbestandteil des primären Stagings. Sie dient vor allem der Beurteilung der extraösophagealen Tumorausdehnung, des mediastinalen bzw. abdominalen Befalls. Darüber hinaus ermöglicht sie den Nachweis von Fernmetastasen, insbesondere in Lunge und Leber.
Die MRT ist ein Ersatz- oder Ergänzungsverfahren, etwa bei Kontrastmittelkontraindikationen oder zur besseren Beurteilung von Lebermetastasen bzw. Tumoren des ösophagogastralen Übergangs.
Ein Röntgen-Breischluck kann in speziellen Situationen sinnvoll sein, insbesondere zur Abklärung lokaler Komplikationen wie Fisteln oder Perforationen.
Die PET/CT kann aber bei lokal fortgeschrittenen Tumoren zusätzlich zur Metastasensuche eingesetzt werden, wenn eine kurative Therapieintention besteht oder das Ergebnis therapeutische Konsequenzen hat. Ihr Nutzen liegt im Ausschluss okkulter Fernmetastasen, in der OP-Planung und in der Planung einer Strahlentherapie. Gleichzeitig ist die Aussagekraft für lokoregionäre Lymphknotenmetastasen begrenzt, da die Methode zwar eine hohe Spezifität, aber nur eine eingeschränkte Sensitivität aufweist.
Tumormarker
Die Bestimmung zirkulierender Tumormarker (z.B. SCC, CEA, CA19-9) ist derzeit (2026) kein Bestandteil der leitliniengerechten Primärdiagnostik und wird auch nicht zur Therapieüberwachung empfohlen.[8]
Die Flüssigbiopsie zum Nachweis tumorassoziierter Biomarker (z.B. ctDNA, miRNA) oder zirkulierender Tumorzellen (CTC) im Blut ist noch Gegenstand der Forschung.
Tumorgenomik
Die Tumorgenomik spielt derzeit (2026) beim Ösophaguskarzinom noch eine geringere Rolle als bei anderen Malignomen. Sie gewinnt jedoch zunehmend als Ansatz für zielgerichtete Therapien an Bedeutung. Beim ESCC lassen sich häufig TP53-Mutationen sowie Mutationen von KRAS, SMAD4 und CDKN2A nachweisen, beim EAC Mutationen von TP53, NOTCH1 und PIK3CA.
Therapie
Die Therapie des Ösophaguskarzinoms erfolgt stadienabhängig und interdisziplinär, wobei in kurativer Intention in der Regel ein multimodales Behandlungskonzept verfolgt wird.
- Bei lokal fortgeschrittenen, resektablen Tumoren ist entweder eine neoadjuvante Radiochemotherapie mit anschließender Operation (trimodales Konzept) oder – insbesondere bei Adenokarzinomen des ösophagogastralen Übergangs – eine perioperative Chemotherapie indiziert.
- Bei nicht resektablen Tumoren oder inoperablen Patienten erfolgt eine definitive Radiochemotherapie mit kurativem Ansatz.
Im Rahmen der neoadjuvanten Radiochemotherapie werden platinbasierte Kombinationsprotokolle eingesetzt, typischerweise Cisplatin/5-Fluorouracil oder Carboplatin/Paclitaxel (z.B. CROSS-Protokoll) in Kombination mit simultaner Bestrahlung. Bei Adenokarzinomen kommt häufig eine perioperative Chemotherapie zum Einsatz. Hier gilt insbesondere das FLOT-Schema (5-Fluorouracil, Leucovorin, Oxaliplatin, Docetaxel) als aktueller Standard in der perioperativen Behandlung.[8][2]
Endoskopische Therapie
Bei sehr frühen Tumorstadien, die auf die Mukosa begrenzt sind und kein relevantes Risiko für Lymphknotenmetastasen aufweisen, kann eine endoskopische Therapie mittels endoskopischer Mukosaresektion (EMR) oder endoskopischer Submukosadissektion (ESD) kurativ eingesetzt werden.[8][2]
Operative Therapie
Die operative Therapie besteht in der Regel in einer Ösophagektomie mit systematischer Lymphadenektomie. Die Rekonstruktion erfolgt meist durch Magenhochzug mit Ösophagogastrostomie. Die Operation kann offen, minimal-invasiv (thorakoskopisch/laparoskopisch) oder robotisch assistiert durchgeführt werden, wobei minimal-invasive bzw. Hybridverfahren zunehmend bevorzugt werden.[8][2]
Zielgerichtete Therapie
Zusätzlich können – abhängig von Biomarkern, Histologie, Tumorgenom und Stadium – zielgerichtete Therapien oder Immuntherapien (z.B. HER2-gerichtete Therapie oder Checkpoint-Inhibitoren bei PD-L1-Expression) eingesetzt werden.[8][2] Verwendete Substanzen sind zum Beispiel Nivolumab, Ipilimumab, Ramucirumab, Tislelizumab, Trastuzumab und Zolbetuximab.
Palliativtherapie
In palliativen Situationen steht die Symptomkontrolle im Vordergrund. Hier kommen platinbasierte Chemotherapiekombinationen (z.B. Fluoropyrimidin + Cisplatin oder Oxaliplatin) zum Einsatz. Zur lokalen Symptomkontrolle kommen endoskopische Verfahren infrage, z.B. Stentimplantation zur Behandlung der Dysphagie.[8][2]
Prognose
Die Prognose ist in der Regel ungünstig. Die relativen 5-Jahres-Überlebensraten liegen bei etwa 25 % für Frauen und 27 % für Männer. Nur ein kleinerer Teil der Tumoren wird in einem frühen Stadium diagnostiziert. Bei Palliativmaßnahmen beträgt die Überlebenszeit selten mehr als 6 Monate.
Quellen
- ↑ Behrens, A. et al.: Barrett-Karzinom der Speiseröhre. Prognoseverbesserung durch Innovationen in Diagnostik und Therapie; Dtsch Arztebl Int 2011; 108(18): 313-9; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0313
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Lorenzen et al.: Onkopedia Leitlinie Ösophaguskarzinom, zuletzt abgerufen am 25.03.2026
- ↑ Castellsagué X, Muñoz N, De Stefani E, Victora CG, Castelletto R, Rolón PA, Quintana MJ. Independent and joint effects of tobacco smoking and alcohol drinking on the risk of esophageal cancer in men and women. Int J Cancer. 1999 Aug 27;82(5):657-64. doi: 10.1002/(sici)1097-0215(19990827)82:5<657::aid-ijc7>3.0.co;2-c. PMID: 10417762.
- ↑ Peng Q, Chen H, Huo JR. Alcohol consumption and corresponding factors: A novel perspective on the risk factors of esophageal cancer. Oncol Lett. 2016 May;11(5):3231-3239. doi: 10.3892/ol.2016.4401. Epub 2016 Apr 1. PMID: 27123096; PMCID: PMC4840924.
- ↑ Phukan RK, Ali MS, Chetia CK, Mahanta J. Betel nut and tobacco chewing; potential risk factors of cancer of oesophagus in Assam, India. Br J Cancer. 2001 Sep 1;85(5):661-7. doi: 10.1054/bjoc.2001.1920. PMID: 11531248; PMCID: PMC2364125.
- ↑ Brown LM, Devesa SS, Chow WH: Incidence of adenocarcinoma of the esophagus among white Americans by sex, stage, and age. J Natl Cancer Inst 2008; 100: 1184–7
- ↑ Prenzel KL, Bollschweiler E, Schröder W, Mönig SP, Drebber U, Vallboehmer D, Hölscher AH. Prognostic relevance of skip metastases in esophageal cancer. Ann Thorac Surg. 2010 Nov;90(5):1662-7. doi: 10.1016/j.athoracsur.2010.07.008. PMID: 20971285.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 8,5 Ebert et al: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Plattenepithelkarzinome und Adenokarzinome des Ösophagus, 2023, zuletzt abgerufen am 25.03.2026