West-Nil-Virus
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LoslegenSynonym: Orthoflavivirus nilense
Englisch: west nile virus
Definition
Das West-Nil-Virus, kurz WNV, ist ein behülltes, einzelsträngiges RNA-Virus mit Positivstrang-Genom ((+)-ssRNA) aus der Familie der Flaviviridae. Es ist ein durch Stechmücken übertragenes Arbovirus und Erreger des West-Nil-Fiebers.[1]
Taxonomie
- Bereich: Riboviria
- Reich: Orthornavirae
- Phylum: Kitrinoviricota
- Klasse: Flasuviricetes
- Ordnung: Amarillovirales
- Familie: Flaviviridae
- Gattung: Orthoflavivirus
- Art: Orthoflavivirus nilense
- Gattung: Orthoflavivirus
- Familie: Flaviviridae
- Ordnung: Amarillovirales
- Klasse: Flasuviricetes
- Phylum: Kitrinoviricota
- Reich: Orthornavirae
Im April 2023 wurde durch die ICTV die Gattung Flavivirus in Orthoflavivirus umbenannt und ein binärer Artname eingeführt. Die Art heißt seither Orthoflavivirus nilense. Der gebräuchliche Virusname „West-Nil-Virus" bleibt davon unberührt.[2]
siehe Hauptartikel: Virustaxonomie
Morphologie
Das WNV-Virion ist sphärisch, von einer Lipidhülle umgeben und misst etwa 50 nm im Durchmesser. Das Genom umfasst rund 11.000 Nukleotide und kodiert für drei Strukturproteine (Kapsid C, Prämembran prM/M, Hülle E) sowie sieben Nichtstrukturproteine. Phylogenetisch werden mehrere Linien unterschieden. Humanmedizinisch bedeutsam sind vor allem die Linien 1 und 2. In Europa zirkulieren beide Linien, in Deutschland überwiegend Linie 2.[1]
Vorkommen
Das Virus kommt in tropischen und gemäßigten Breiten vor und hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Nordamerika und Europa ausgebreitet. Begünstigt wird dies durch den Klimawandel mit milderen Wintern und längeren Wärmephasen.[1]
...in Deutschland
In Deutschland wurde 2018 erstmals eine Zirkulation des WNV bei Vögeln und Pferden nachgewiesen. Seit 2019 werden auch autochthone, also im Inland erworbene, Humaninfektionen registriert. Das Virus hat sich in Teilen Ost- und Mitteldeutschlands (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) endemisch etabliert. 2025 wurde erstmals ein autochthoner Fall in Bayern registriert. Insgesamt wurden 2025 vier autochthone Infektionen gemeldet, davon drei mit neurologischen Komplikationen und eine im Rahmen einer Blutspende entdeckt. Die Übertragungssaison reicht typischerweise von Juli bis Ende September.[3]
Infektionsweg
Das West-Nil-Virus zirkuliert in einem enzootischen Zyklus zwischen Vögeln und Stechmücken. Vögel dienen als amplifizierende Reservoirwirte. Übertragen wird das Virus über Stechmücken, vor allem der Gattung Culex, daneben Aedes und Ochlerotatus. Auch die Asiatische Tigermücke, die sich in Europa ausbreitet, gilt als kompetenter Vektor. Säugetiere wie Menschen und Pferde werden als Fehlwirte infiziert. Ihre niedrige Virämie reicht für eine Weiterübertragung nicht aus.[1] Eine Übertragung von Mensch zu Mensch über Atemwege oder Kontakt findet nicht statt. Selten sind Übertragungen über Blutprodukte, Organtransplantation, diaplazentar oder über die Muttermilch.
Pathogenese
Nach dem Stich einer infizierten Mücke repliziert das Virus zunächst lokal in der Haut, unter anderem in dendritischen Langerhans-Zellen. Über die Lymphknoten kommt es innerhalb von etwa 3–7 Tagen zu einer ersten (primären) Virämie mit Aussaat in periphere Organe. Die Replikation läuft im Zytoplasma an Membranen des endoplasmatischen Retikulums ab. Die Virusreifung erfolgt über den Sekretionsweg, die Freisetzung durch Exozytose. Eine erneute (sekundäre) Virämie kann die systemische Ausbreitung vermitteln. Die einsetzende Antikörperbildung (IgM ab etwa Tag 4–8) begrenzt in der Regel die Virämie. Bei einem kleinen Teil der Infizierten überwindet das Virus die Blut-Hirn-Schranke und infiziert Neuronen und Gliazellen, was zu neuroinvasiven Verläufen führt.
Symptome
Etwa 80 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch. In rund 20 % der Fälle treten grippeähnliche Symptome auf, bekannt als West-Nil-Fieber. Etwa 1 % der Infizierten entwickelt schwere neuroinvasive Verläufe wie Enzephalitis und Meningitis, die tödlich enden können. Besonders gefährdet sind ältere und immungeschwächte Personen.[1]
Diagnostik
Das virale Genom kann durch Nukleinsäureextraktion aus Gewebeproben, Blut oder Liquor mittels RT-PCR nachgewiesen werden. Für die serologische Diagnostik stehen EIA zur Bestimmung von IgG- und IgM-Antikörpern zur Verfügung. Zur Bestätigung dient ein Neutralisationstest. Eine Kreuzreaktivität WNV-spezifischer Antikörper mit anderen Orthoflaviviren wie dem Gelbfieber-Virus, dem Dengue-Virus (Typ 1–4) oder dem FSME-Virus (Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist möglich.
Therapie
Eine kausale Therapie steht bisher (2026) nicht zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch. Ein zugelassener Humanimpfstoff existiert nicht.
Für Pferde sind Impfstoffe verfügbar.[1]
Prävention
Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist der Schutz vor Mückenstichen durch lange, helle Kleidung und Repellents. Ergänzend kommt die Vektorkontrolle mit Insektiziden zum Einsatz.
Meldepflicht
Der direkte und indirekte Erregernachweis ist nach §7 Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Singh P et al. West Nile Virus in a changing climate: epidemiology, pathology, advances in diagnosis and treatment, vaccine designing and control strategies. Emerg Microbes Infect. 2025;14(1):2437244.
- ↑ Postler TS, Kuhn JH et al. Renaming of the genus Flavivirus to Orthoflavivirus and extension of binomial species names within the family Flaviviridae. Arch Virol. 2023.
- ↑ Robert Koch-Institut. West-Nil-Fieber im Überblick. Stand: 2026.