Retifanlimab
Handelsname: Zynyz®
Definition
Retifanlimab ist ein PD-1-Inhibitor, der zur Behandlung des Merkelzellkarzinoms eingesetzt wird.
Wirkmechanismus
Der humanisierte monoklonale IgG4-Antikörper wird rekombinant in CHO-Zellen hergestellt und richtet sich gegen den Programmed-cell-death-Rezeptor 1 (PD-1). Retifanlimab bindet an PD-1 auf T-Lymphozyten und blockiert die Interaktion mit den Liganden PD-L1 und PD-L2. Dadurch wird die inhibitorische Signalübertragung über den PD-1-Signalweg aufgehoben, sodass die T-Zell-Aktivität gegen Tumorzellen verstärkt wird.[1][2]
Pharmakokinetik
Die Pharmakokinetik von Retifanlimab wurde anhand von Daten von 634 Patienten mit verschiedenen Tumorerkrankungen charakterisiert. Für die empfohlene Dosis von 500 mg alle 4 Wochen betrugen Cmax und AUC im steady state im Mittel 193 mg/l bzw. 2.190 Tag*mg/l. Das Verteilungsvolumen im steady state beträgt im Mittel 6,1 l. Retifanlimab wird wie andere Antikörper wahrscheinlich über unspezifische Proteinabbauprozesse katabolisiert. Die Clearance beträgt im geometrischen Mittel 0,314 l/Tag. Die Plasmahalbwertszeit liegt bei 14,6 Tagen nach der ersten Dosis und bei 18,7 Tagen im steady state. Für leicht bis mäßig eingeschränkte Nierenfunktion sowie für leichte Leberfunktionsstörungen wurden keine klinisch bedeutsamen Unterschiede der Clearance beschrieben.[1]
Indikationen
Retifanlimab ist in der EU zugelassen als Monotherapie zur Erstbehandlung erwachsener Patienten mit metastasiertem oder rezidivierendem, lokal fortgeschrittenem Merkelzellkarzinom, das nicht für eine kurative Operation oder Strahlentherapie geeignet ist.[1]
Darreichungsform
Retifanlimab ist als Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung erhältlich. Eine Durchstechflasche enthält 500 mg/20 ml.[1]
Dosierung
Die empfohlene Dosis beträgt 500 mg Retifanlimab alle 4 Wochen als intravenöse Infusion über 30 Minuten.[1] Die Behandlung wird bis zum Fortschreiten der Erkrankung, bis zu inakzeptabler Toxizität oder für maximal 2 Jahre fortgeführt.[2] Dosisreduktionen sind nicht vorgesehen. Bei immunvermittelten Nebenwirkungen oder infusionsbedingten Reaktionen kann eine Therapieunterbrechung oder ein endgültiges Absetzen erforderlich sein.[1]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen sind Fatigue, Exanthem, Diarrhoe, Anämie, Pruritus, Arthralgie, Obstipation, Übelkeit, Fieber und verminderter Appetit.[1]
Wie bei anderen PD-1-Inhibitoren treten außerdem immunvermittelte Nebenwirkungen auf, darunter:
- Pneumonitis
- Kolitis
- Hepatitis
- Endokrinopathien, z.B. Hypothyreose, Hyperthyreose oder Hypophysitis
- Nephritis
- immunvermittelte Hautreaktionen
- infusionsbedingte Reaktionen[1]
Schwerwiegende Nebenwirkungen sind überwiegend immunvermittelt und können potenziell letal verlaufen.[1]
Wechselwirkungen
Formale pharmakokinetische Interaktionsstudien wurden nicht durchgeführt. Da Retifanlimab durch Katabolismus eliminiert wird, sind metabolische Wechselwirkungen über CYP-Enzyme oder Transporter nicht zu erwarten.[1] Die Anwendung systemischer Kortikosteroide oder anderer Immunsuppressiva vor Therapiebeginn sollte, abgesehen von physiologischen Kortikosteroiddosen bis 10 mg/Tag Prednison oder Äquivalent, möglichst vermieden werden, da eine Beeinträchtigung der pharmakodynamischen Aktivität nicht ausgeschlossen werden kann. Zur Behandlung immunvermittelter Nebenwirkungen können Kortikosteroide nach Beginn der Therapie eingesetzt werden.[1]
Kontraindikationen
Retifanlimab ist kontraindiziert bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile.[1]
Während der Schwangerschaft wird die Anwendung nicht empfohlen, da aufgrund des Wirkmechanismus eine fetale Schädigung möglich ist. Frauen im gebärfähigen Alter sollen während der Behandlung und bis mindestens 4 Monate nach der letzten Dosis eine zuverlässige Kontrazeption anwenden. In der Stillzeit ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Ein Risiko für den gestillten Säugling kann insbesondere kurz nach der Geburt nicht ausgeschlossen werden.[1]
Zulassung
Retifanlimab ist seit März 2023 in den USA zur Behandlung des Merkelzellkarzinoms zugelassen. Seit Mai 2025 besteht in den USA zudem eine Zulassung für das Plattenepithelkarzinom des Analkanals (SCAC), einerseits in Kombination mit Carboplatin und Paclitaxel zur Erstbehandlung des inoperabel lokal rezidivierenden oder metastasierten SCAC, andererseits als Monotherapie bei Progress unter oder Unverträglichkeit gegenüber platinbasierter Chemotherapie.[3]
In der EU ist Retifanlimab seit April 2024 ausschließlich zur Erstbehandlung des metastasierten oder rezidivierenden lokal fortgeschrittenen Merkelzellkarzinoms zugelassen. Die Martkeinführung erfolgte in Deutschland im März 2026. Die Zulassung beruht im Wesentlichen auf der einarmigen, multiregionalen Open-Label-Studie POD1UM-201 bei Patienten mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem, rezidiviertem MCC, das nicht kurativ operiert oder bestrahlt werden konnte.[1][4]Nach Angaben der EMA sprachen etwa 54 % der Patienten auf die Therapie an; etwa 17 % erzielten ein vollständiges und etwa 37 % ein partielles Ansprechen. Die Ansprechdauer lag im Mittel bei 25 Monaten, bevor es zum Fortschreiten der Erkrankung kam.[2]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 EMA-Fachinformation ZYNYZ, zuletzt abgerufen am 17.03.2026
- ↑ 2,0 2,1 2,2 EMA: Zynyz, zuletzt abgerufen am 17.03.2026
- ↑ Pharmazeutische Zeitung: Neuer Checkpoint-Inhibitor kommt, zuletzt abgerufen am 17.03.2026
- ↑ ClinicalTrials.gov: POD1UM-201, zuletzt abgerufen am 17.03.2026