Tourniquet-Syndrom
von englisch: tourniquet - Stauschlauch
Synonyme: Postischämie-Syndrom, postischämisches Syndrom, Stauschlau-Syndrom, Post-Tourniquet-Syndrom
Definition
Das Tourniquet-Syndrom ist eine akut lebensbedrohliche Komplikation, die bei der Wiederherstellung der Durchblutung (Reperfusion) nach prolongierter Extremitätenischämie auftreten kann (z.B. nach arteriellem Gefäßverschluss, Tourniquet/Blutsperre oder Strangulation). Es handelt sich um eine schwere Ausprägung des Reperfusionsschadens mit lokalen und systemischen Folgen.
Terminologie
Der Begriff Post-Tourniquet-Syndrom wird in der Literatur uneinheitlich verwendet. Meist bezeichnet es ein selbstlimitierendes lokales Beschwerdebild nach operativer Blutsperre (Schwellung, Steifigkeit, Muskelschwäche), in anderen Fällen wird es synonym zum Tourniquet-Syndrom im Sinne einer schweren systemischen Komplikation verwendet.
Ätiologie
- Revaskularisation bei operativer Embolektomie oder Lysetherapie im Rahmen einer Thromboembolie
- Strangulation einer Extremität
- Blutsperre
- Leriche-Syndrom
Pathophysiologie
Eine prolongierte Ischämie (häufig > 6 h) verursacht eine Gewebsnekrose (siehe auch: Rhabdomyolyse) mit Bildung und Akkumulation toxischer Substanzen – insbesondere Kalium, Myoglobin und Laktat.
Wird das Gewebe postischämisch reperfundiert, bildet sich im nekrotischen Gewebe aufgrund der gesteigerten Gefäßwandpermeabilität ein Ödem mit Gefahr eines volumenverlustbedingten hypovolämischen Schocks. Durch ödembedingte Gefäßkompression (Kompartmentsyndrom) kann im Sinne eines Circulus vitiosus die Ischämie noch verstärkt werden.
Kalium, Myoglobin und Laktat werden aus dem Gewebe ausgeschwemmt und verursachen:
- Hyperkaliämie mit entsprechenden kardialen Komplikationen (u.a. Herzrhythmusstörungen)
- Crush-Niere mit Komplikation eines akuten Nierenversagens (ANV) und
- metabolische Azidose
Therapie
Das Tourniquet-Syndrom ist ein akut lebensbedrohlicher Zustand, der eine intensivmedizinische Überwachung erfordert. Regelmäßige BGA-Analysen und Elektrolytkontrollen (v.a. Kalium) sind obligat.
Im Vordergrund stehen frühe Volumentherapie, Stabilisierung des Kreislaufs und Akuttherapie der Hyperkaliämie. Ein akutes Nierenversagens wird behandelt bis hin zur Nierenersatztherapie bei refraktärer Hyperkaliämie, schwerer Azidose oder Oligo-/Anurie. Diuretika und Bicarbonat sollten nicht routinemäßig zur Prophylaxe eingesetzt werden, sondern nur selektiv nach klinischer Situation.
Bei Verdacht auf Kompartmentsyndrom ist eine rasche chirurgische Evaluation und ggf. Fasziotomie indiziert.