Zyklopie
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Zyklozephalie, Cyclopie
Englisch: cyclopia, cyclocephaly, synophthalmia, cyclopia syndrome
Definition
Die Zyklopie ist eine sehr seltene angeborene Fehlbildung, bei der ein einzelnes Auge oder zwei teilweise verschmolzene Augen in einer einzigen, median gelegenen Orbita liegen. Sie ist die schwerste Gesichtsfehlbildung im Spektrum der Holoprosenzephalie.[1]
Terminologie
Epidemiologie
Ätiologie
Die Ursachen der Zyklopie sind heterogen und entsprechen weitgehend denen der Holoprosenzephalie. Viele Fälle treten sporadisch auf. Zu den bekannten Ursachen und Risikofaktoren zählen:
- Chromosomenanomalien: In etwa einem Drittel der Fälle liegt eine Chromosomenstörung vor, am häufigsten eine Trisomie 13 (Pätau-Syndrom). Auch Triploidien kommen vor.[1]
- Monogene Ursachen: Mutationen in Genen der Vorderhirnentwicklung, insbesondere SHH, ZIC2, SIX3 und TGIF1. Die Ausprägung ist selbst innerhalb einer Familie sehr variabel.[2]
- Mütterliche Faktoren: schlecht eingestellter Diabetes mellitus in der Schwangerschaft
- Störungen der Cholesterinsynthese, z.B. beim Smith-Lemli-Opitz-Syndrom
- Teratogene: Im Tiermodell löst das Alkaloid Cyclopamin aus der Pflanze Veratrum californicum durch Hemmung des Hedgehog-Signalwegs eine Zyklopie aus.
Pathophysiologie
Die Augen entstehen aus einem zunächst einheitlichen, median gelegenen Augenfeld im Prosencephalon. Normalerweise wird dieses Augenfeld durch Signale der Prächordalplatte, vor allem Sonic Hedgehog (SHH), in zwei seitliche Anlagen geteilt. Aus diesen stülpen sich die beiden Augenbläschen aus.[2]
Ist diese Signalgebung gestört, bleibt die Teilung des Augenfelds aus. Es entsteht nur eine mediane Augenanlage. Gleichzeitig unterbleibt die Teilung des Prosencephalons in zwei Großhirnhemisphären. Diese Störung entsteht zwischen dem 18. und 28. Entwicklungstag.[3] Da sich auch der Stirnnasenwulst nicht regulär entwickelt, fehlt die Nase. Stattdessen bildet sich häufig ein rüsselartiger Hautfortsatz (Proboscis) oberhalb der Orbita.
Einteilung
Nach der Ausprägung der Augenanlage unterscheidet man verschiedene Formen der Zyklopie:
- Zyklopie im engeren Sinn: ein einzelnes Auge in einer medianen Orbita
- Synophthalmie: zwei teilweise verschmolzene Augen in einer gemeinsamen medianen Orbita
- Mediane Orbita ohne erkennbare Augenstrukturen (Anophthalmie)
Die Zyklopie bildet das schwerste Ende eines Spektrums von Gesichtsfehlbildungen bei Holoprosenzephalie. In der Regel liegt eine alobäre Holoprosenzephalie vor.[3]
Symptome
Das Leitsymptom ist die einzelne, rautenförmige Orbita in der Mittellinie des Gesichts. Die Augenlider sind meist fehlgebildet oder verschmolzen. Häufig finden sich weitere Fehlbildungen:[3]
- Gesicht: Proboscis oberhalb der Orbita, fehlende Nase, Mikrostomie oder fehlende Mundöffnung (Astomie), Lippen- oder Gaumenspalten, tiefsitzende oder fehlende Ohren
- Gehirn: alobäre Holoprosenzephalie, Mikrozephalie
- Augen: hypoplastischer oder fehlender Sehnerv, unvollständig getrennte äußere Augenmuskeln, Lidkolobome
- Extrafaziale Fehlbildungen: z.B. Polydaktylie, Omphalozele, Fehlbildungen der Nieren und des Genitales
Diagnostik
Pränataldiagnostik
Die Diagnose wird in der Regel pränatal per Ultraschall gestellt. Hinweise ergeben sich aus den intrakraniellen Befunden der Holoprosenzephalie (z.B. ein einzelner Ventrikel und fusionierte Thalami) und aus der Gesichtsfehlbildung. Die Diagnose gelingt häufig im späten ersten oder im zweiten Trimenon.[3] Die aktuelle S2e-Leitlinie zur Ersttrimester-Diagnostik empfiehlt bei der Untersuchung in der 11. bis 13+6. Schwangerschaftswoche eine Fehlbildungsdiagnostik.[4]
Zur weiteren Abklärung dienen:
- 3D-Ultraschall zur Darstellung des Gesichts
- Fetale Magnetresonanztomographie zur genaueren Beurteilung der Hirnfehlbildung
- Invasive Diagnostik (Chorionzottenbiopsie, Amniozentese) mit Chromosomenanalyse und gegebenenfalls molekulargenetischer Untersuchung
Postnatale Diagnostik
Nach der Geburt oder nach einem Schwangerschaftsabbruch sichern die äußere Untersuchung, die Chromosomenanalyse und gegebenenfalls eine Obduktion die Diagnose. Diese Befunde sind für die genetische Beratung der Eltern entscheidend.
Therapie
Eine ursächliche Therapie existiert nicht. Nach detaillierter Pränataldiagnostik und genetischer Beratung wird den Eltern ein Schwangerschaftsabbruch angeboten.[3] Wird die Schwangerschaft fortgeführt, erfolgt nach der Geburt eine palliative Versorgung des Neugeborenen.
Prognose
Die Zyklopie ist mit dem Leben nicht vereinbar. Ein Großteil der Feten verstirbt intrauterin. Lebend geborene Kinder überleben meist nur Minuten bis Stunden.[3]
Das Wiederholungsrisiko hängt von der Ursache ab:[3]
- Bei unauffälligem Chromosomensatz liegt es bei etwa 6 %.
- Bei einer Chromosomenanomalie liegt es bei etwa 1 %.
- Bei autosomal-dominanter bzw. autosomal-rezessiver Vererbung liegt es bei 50 % bzw. 25 %.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Orioli et al. Cyclopia: an epidemiologic study in a large dataset from the International Clearinghouse of Birth Defects Surveillance and Research. Am J Med Genet C Semin Med Genet. 2011;157C(4):344-357.
- ↑ 2,0 2,1 Roessler E, Muenke M. The molecular genetics of holoprosencephaly. Am J Med Genet C Semin Med Genet. 2010;154C(1):52-61.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 Matalliotakis et al. Cyclopia: the face predicts the future. Cureus. 2021;13(8):e17114.
- ↑ AWMF. S2e-Leitlinie: Ersttrimester Diagnostik und Therapie @ 11–13+6 Schwangerschaftswochen. AWMF-Registernummer 085-002. 2024.