Stiff-Limb-Syndrom
Englisch: stiff limb syndrome
Definition
Das Stiff-Limb-Syndrom, kurz SLS, ist eine seltene, fokale Variante der Stiff-Person-Spektrum-Erkrankung. Es ist gekennzeichnet durch persistierende Rigidität und schmerzhafte, stimulusinduzierbare Spasmen einer umschriebenen Extremität, meist eines Beins. Im Gegensatz zum klassischen Stiff-Person-Syndrom (SPS) steht die Extremitätenbeteiligung und nicht die axiale Rumpfmuskulatur im Vordergrund.
Epidemiologie
Das SLS ist eine seltene Erkrankung, die etwa 20 % der Fälle des Stiff-Person-Spektrums ausmacht. Im Gegensatz zum klassischen SPS, bei dem Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind, besteht keine klare Geschlechtspräferenz. Systemische Autoimmunerkrankungen sind seltener assoziiert.
Ätiopathogenese
Die Erkrankung beruht auf einer gestörten inhibitorischen Neurotransmission mit Beteiligung GABAerger und teilweise glycinerger Systeme. Anti-GAD65-Antikörper sind seltener nachweisbar als beim klassischen SPS. Antikörper gegen den Glycinrezeptor (Anti-GlyR-AK) sind weniger charakteristisch für das SLS als vielmehr für die progressive Enzephalomyelitis mit Rigidität und Myoklonien (PERM) und treten beim SLS nur vereinzelt auf. Paraneoplastische Verläufe mit Anti-Amphiphysin-Antikörpern sind selten und sind vor allem mit Mammakarzinom und dem kleinzelligen Lungenkarzinom assoziiert. Etwa ein Drittel der Fälle ist seronegativ.
Klinik
Typisch ist eine fokale Rigidität mit schmerzhaften, stimulusabhängigen Spasmen, meist an einem Bein. Häufig bestehen dystonieartig wirkende Fehlstellungen wie eine Equinovarus-Stellung (Spitzfuß mit Einwärtsdrehung) sowie eine progrediente Gangstörung. Eine Hyperlordose wie beim klassischen SPS fehlt in der Regel.
Diagnostik
Neurologische Untersuchung
Die Diagnose des Stiff-Limb-Syndroms wird in erster Linie klinisch durch die neurologische Untersuchung gestellt und basiert auf der Kombination aus persistierender fokaler Rigidität und stimulusabhängigen schmerzhaften Spasmen.
Elektrophysiologie
In der Elektromyographie (EMG) findet sich typischerweise eine kontinuierliche motorische Aktivität von Agonisten und Antagonisten in Form von Kokontraktionen.
Antikörperdiagnostik
Serologisch können Autoantikörper nachweisbar sein, am häufigsten Anti-GAD65, jedoch seltener und oft in niedrigeren Titerhöhen als beim klassischen Stiff-Person-Syndrom. Zusätzlich können Antikörper gegen den Glycinrezeptor oder Amphiphysin vorkommen.
Liquor
Der Liquor ist häufig unauffällig oder zeigt nur diskrete entzündliche Veränderungen, gelegentlich finden sich Hinweise auf eine intrathekale Antikörpersynthese.
Magnetresonanztomographie
Die MRT von Gehirn und Rückenmark ist in der Regel unauffällig und dient vor allem dem Ausschluss anderer Ursachen. In unklaren Fällen kann eine FDG-PET-Untersuchung als ergänzendes diagnostisches Mittel erwogen werden.
Differenzialdiagnostik
Wichtig ist eine sorgfältige Differenzialdiagnostik, insbesondere gegenüber funktionellen Bewegungsstörungen, Myelopathien und dystonen Syndromen.
Therapie
Die Therapie folgt den Prinzipien der SPS-Behandlung, allerdings ist das Ansprechen variabel und insgesamt geringer.
Symptomatische Therapie
- Benzodiazepine (z.B. Diazepam, Clonazepam)
- Baclofen (oral oder intrathekal)
- Botulinumtoxin A bei fokaler Rigidität
Immuntherapie
- Intravenöse Immunglobuline (IVIG)
- Glukokortikoide
- Plasmapherese bei schweren, progredienten oder therapierefraktären Verläufen
Die Evidenz speziell für SLS ist begrenzt.
Prognose
Der Verlauf ist meist chronisch und kann zu relevanter funktioneller Einschränkung führen. Spontanremissionen sind selten. Der Krankheitsverlauf ist insgesamt variabel. Innerhalb des Stiff-Person-Spektrums zeigt das klassische Stiff-Person-Syndrom in der Regel das beste Therapieansprechen, das Stiff-Limb-Syndrom ein intermediäres und weniger gut vorhersagbares Ansprechen, während die progressive Enzephalomyelitis mit Rigidität und Myoklonien (PERM) die ungünstigste Prognose hat und fulminant verlaufen kann.
Literatur
- Martinez-Hernandez E et al. Clinical and Immunologic Investigations in Patients With Stiff-Person Spectrum Disorder. JAMA Neurology. 2016
- Barker RA et al. Review of 23 patients affected by the stiff man syndrome: clinical subdivision into stiff trunk (man) syndrome, stiff limb syndrome, and progressive encephalomyelitis with rigidity. BMJ Neurology. 1998
- Wang Y et al. Expanding clinical profiles and prognostic markers in stiff person syndrome spectrum disorders. Journal of Neurology. 2024
- Dalakas MC. Stiff‑person Syndrome and GAD Antibody‑spectrum Disorders: GABAergic Neuronal Excitability, Immunopathogenesis and Update on Antibody Therapies. Neurotherapeutics. 2022