Sauerstoffgabe im Rettungsdienst
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Sauerstoffabgabe im Rettungsdienst, präklinische Sauerstofftherapie
Englisch: prehospital oxygen therapy
Definition
Die Sauerstoffgabe im Rettungsdienst bezeichnet die präklinische Applikation von medizinischem Sauerstoff zur Behandlung einer Hypoxämie bei Notfallpatienten. Sie orientiert sich an pulsoximetrisch gemessenen Zielbereichen der Sauerstoffsättigung (SpO2) und richtet sich nach Schwere der Hypoxämie, Grunderkrankung und der Verfügbarkeit eines verlässlichen Messsignals.[1]
Indikation
Sauerstoff wird verabreicht, um eine bestehende Hypoxämie zu beheben, nicht um eine Atemnot zu behandeln.[1] Im präklinischen Bereich fehlt in der Regel die Möglichkeit einer arteriellen Blutgasanalyse, sodass die Pulsoximetrie zur Einschätzung und Verlaufskontrolle unverzichtbar ist.[1] Ist das Pulsoximetriesignal unzuverlässig oder nicht ableitbar (z.B. bei Zentralisation durch Schock oder Unterkühlung), ist Sauerstoff so zu verabreichen, als stünde kein Pulsoximeter zur Verfügung.[1]
Außerhalb kritischer Situationen wird vor Sauerstoffgabe auch präklinisch eine Pulsoximetrie zur Einschätzung empfohlen.[1] Eine engmaschige Überwachung von Atemfrequenz, Puls, Blutdruck, Bewusstseinslage und SpO2 ergänzt die Indikationsstellung.
Applikationssysteme
Im Rettungsdienst stehen verschiedene Applikationssysteme zur Verfügung, deren Auswahl sich nach dem benötigten FiO2, dem Atemmuster und dem Hyperkapnierisiko des Patienten richtet
| Applikationssystem | FiO2 | Eigenschaften |
|---|---|---|
| Nasenbrille | 0,26–0,54 |
|
| Einfache Gesichtsmaske | 0,40–0,60 |
|
| Venturi-Maske | 0,24–0,60 |
|
| Reservoirmaske | 0,60–0,90 |
|
| High-Flow-Sauerstofftherapie (HFNC) | bis 1,0 |
|
| nichtinvasive Beatmung (NIV/CPAP) | 0,21–1,0 |
|
Cave: Einfache Gesichtsmasken und Reservoirmasken sollen bei Hyperkapnierisiko und bei Flussraten unter 5 L/min nicht verwendet werden.[1]
Zielbereiche und Dosierung
Im präklinischen Bereich gelten dieselben SpO₂-Zielbereiche wie im klinischen Bereich. Die Sauerstofftherapie wird auf eine pulsoximetrische Sauerstoffsättigung von 92 bis 96 % titriert. Bei Patienten mit Hyperkapnierisiko (z.B. COPD-Exazerbation) wird ein Zielbereich von 88 bis 92 % angestrebt.[1] Nur wenn die SpO2 außerklinisch nicht zuverlässig ableitbar ist oder der Patient kritisch krank ist (z.B. während einer Reanimation, Polytrauma, Ertrinken), soll Sauerstoff hochdosiert (100 % bzw. 15 L/min) verabreicht werden.[1] Für die initiale Dosisfindung bei bekanntem SpO2-Ausgangswert hat sich folgendes Stufenschema bewährt:
| SpO2 bei Raumluft | Startdosis (ohne Hyperkapnierisiko) | Startdosis (mit Hyperkapnierisiko) |
|---|---|---|
| < 85 % | > 5 L/min bzw. Venturi-Maske > 40 % (rot) | – |
| 85–91 % | 2–4 L/min bzw. Venturi-Maske 28 % (weiß) oder 35 % (gelb) | – |
| < 88 % | – | 1–2 L/min bzw. Venturi-Maske 24 % (blau) oder 28 % (weiß) |
| ≥ 92 % (bzw. ≥ 88 % bei Hyperkapnierisiko) | keine O2-Gabe (Ausnahmen: Reanimation, CO-Vergiftung, Clusterkopfschmerz) | keine O2-Gabe |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Eine randomisierte Studie an 405 Patienten mit vermuteter COPD-Exazerbation verglich eine hochdosierte Sauerstoffgabe mit einer titrierten Sauerstoffgabe. Die titrierte Gabe senkte die Mortalität um 58 % gegenüber der hochdosierten Gabe und reduzierte zudem Hyperkapnie und respiratorische Azidose.[3] Eine multizentrische Studie (STOP-COPD) prüft aktuell (2026) erneut, ob eine titrierte gegenüber einer unselektiert hochdosierten Sauerstoffgabe bei der Verneblung inhalativer Bronchodilatatoren die 30-Tage-Mortalität senkt.[4]
Sonderfälle
Kardiopulmonale Reanimation
Während der kardiopulmonalen Reanimation soll der höchstmögliche Sauerstofffluss verwendet werden (FiO2 1,0).[1] Nach Wiedereintritt der spontanen Zirkulation (ROSC) soll bei zuverlässig überwachbarer Sättigung ein Zielbereich von 92 bis 96 % angestrebt werden, da Hyperoxämie nach Reanimation in Metaanalysen mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert war.[1]
Kohlenmonoxid-Vergiftung
Bei Kohlenmonoxid-Vergiftung ist eine unverzügliche hochdosierte Sauerstoffgabe unabhängig von der gemessenen Sättigung für bis zu 6 Stunden sinnvoll, da Carboxyhämoglobin die Pulsoximetrie verfälscht.[1]
Clusterkopfschmerz
Bei Clusterkopfschmerz soll Sauerstoff mit einer Flussrate von mindestens 12 L/min über mindestens 15 Minuten über eine Reservoirmaske verabreicht werden.[1]
Rechtliche Rahmenbedingungen
Sauerstoff gilt als Notfallmedikament und wird im Rettungsdienst regelhaft auch durch nicht-ärztliches Personal als Erstmaßnahme im Rahmen des rechtfertigenden Notstands verabreicht.[1] Das Notfallsanitätergesetz (NotSanG) regelt die Ausbildung zur eigenverantwortlichen Durchführung notfallmedizinischer Maßnahmen. In Ausnahmesituationen können ärztliche Tätigkeiten wie die Sauerstoffgabe an Notfallsanitäter delegiert werden, die für die Durchführung dann selbst verantwortlich sind.[1] Eine regelmäßige Schulung des Rettungsdienstpersonals zur Sauerstofftherapie wird empfohlen.[1]
Risiken und Limitationen
Eine unkontrollierte, zu hoch dosierte Sauerstoffgabe kann zu Hyperoxämie führen, die in mehreren Metaanalysen – etwa nach Reanimation oder Schlaganfall – mit einer erhöhten Mortalität assoziiert war.[1] Bei Patienten mit Hyperkapnierisiko besteht die Gefahr eines hyperkapnischen Atemversagens durch eine zu hohe Sauerstoffdosis.[1] Eine ältere Übersichtsarbeit zur präklinischen Sauerstofftherapie betont, dass diese auf die Behandlung einer nachgewiesenen oder vermuteten Hypoxämie ausgerichtet und auf Normoxämie titriert werden sollte.[5]
Die Pulsoximetrie selbst unterliegt präklinisch Fehlerquellen: Zentralisation, Nagellack, künstliche Fingernägel, Schmutz oder Blut können das Messergebnis verfälschen, und einfache Zweiwellenlängen-Pulsoximeter können eine Kohlenmonoxidvergiftung nicht von einer normalen Sauerstoffsättigung unterscheiden.
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 1,20 1,21 AWMF. S3-Leitlinie: Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen. AWMF-Registernummer 020-021. Langversion 1.0, Juni 2021 (Gültigkeit bis 31.05.2026 verlängert, mittlerweile abgelaufen, Überarbeitung läuft). Verfügbar unter: S3-Leitlinie Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen.
- ↑ Scquizzato T, Imbriaco G, Moro F, Losiggio R, Cabrini L, Consolo F, et al. Non-Invasive Ventilation in the Prehospital Emergency Setting: A Systematic Review and Meta-Analysis. Prehosp Emerg Care. 2022;27(5):566-574.
- ↑ Austin MA, Wills KE, Blizzard L, Walters EH, Wood-Baker R. Effect of high flow oxygen on mortality in chronic obstructive pulmonary disease patients in prehospital setting: randomised controlled trial. BMJ. 2010;341:c5462.
- ↑ Jensen ASR, Valentin JB, Mulvad MG, Hagenau V, Skaarup SH, Johnsen SP, et al. Standard vs. targeted oxygen therapy prehospitally for chronic obstructive pulmonary disease (STOP-COPD): study protocol for a randomised controlled trial. Trials. 2024;25(1):85.
- ↑ Branson RD, Johannigman JA. Pre-hospital oxygen therapy. Respir Care. 2013;58(1):86-97.