Postthrombotisches Syndrom
Englisch: post-thrombotic syndrome, postphlebitic syndrome, venous stress disorder
Definition
Das postthrombotische Syndrom, kurz PTS, ist eine chronische venöse Insuffizienz infolge einer tiefen Venenthrombose. Es entsteht durch einen persistierenden Blutstau in den Venen (venöse Hypertonie). Klinisch manifestiert sich das PTS Monate bis Jahre nach dem thrombotischen Ereignis.
- ICD10-Code: I87.0
Epidemiologie
Ein postthrombotisches Syndrom entsteht meist nach Mehretagenthrombosen, selten nach einer Unterschenkelvenenthrombose. Es tritt bei etwa 20–50 % der Patienten nach einer tiefen Venenthrombose auf und ist die häufigste Langzeitkomplikation dieser Erkrankung.
siehe auch: chronisch-venöse Insuffizienz
Pathophysiologie
Die Grundlage eines PTS ist eine persistierende venöse Hypertonie durch:
- Obstruktion: residuale Thrombuslast bzw. inkomplette Rekanalisation
- Reflux: Destruktion der Venenklappen durch thrombotische und entzündliche Prozesse
- Wandschaden: chronische Entzündung mit Fibrosierung der Venenwand.
Symptome
Durch venöse Abfluss- und Rückflussstörungen in den Extremitäten treten zunächst Symptome wie Schweregefühl, Spannungsschmerzen, Ödeme und Bewegungseinschränkungen auf. Im weiteren Verlauf sieht man trophische Störungen der Haut mit Verdünnung des Epithels und Pigmentierungen. Nach kleineren Verletzungen kommt es leicht zu Wundheilungsstörungen und chronischen Ulzerationen.
Die Beschwerden verstärken sich typischerweise bei längerem Stehen oder Sitzen und bessern sich durch Hochlagerung oder Kompressionstherapie. Im fortgeschrittenen Stadium können Dermatoliposklerose, Atrophie blanche und ein Ulcus cruris venosum auftreten.
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt vor allem klinisch und apparativ. Als bildgebendes Verfahren der Wahl gilt heute (2026) die farbkodierte Duplexsonografie. Mit ihr lassen sich venöse Obstruktionen, Refluxstrecken sowie postthrombotische Veränderungen der tiefen und oberflächlichen Venen darstellen.
Die früher häufig eingesetzte Phlebografie wird mittlerweile nicht mehr routinemäßig durchgeführt. Sie bleibt speziellen Fragestellungen vorbehalten, z.B. bei Verdacht auf eine proximale Abflussbehinderung oder zur Planung interventioneller Verfahren.
Ein postthrombotisches Syndrom kann sich auch nach unbemerkten oder initial nicht diagnostizierten Thrombosen entwickeln und erst Jahre später klinisch manifest werden.
Zur standardisierten klinischen Beurteilung des Schweregrads wird der Villalta-Score verwendet. Dabei werden typische Symptome und klinische Zeichen wie Schmerzen, Schweregefühl, Ödeme, Hautveränderungen und Ulzerationen bewertet.
Stadieneinteilung
Die Einteilung erfolgt gemäß der S2k-Leitlinie anhand des Villalta-Scores:
- 0–4 Punkte: kein postthrombotisches Syndrom
- 5–9 Punkte: leichtes postthrombotisches Syndrom
- 10–14 Punkte: mäßiges postthrombotisches Syndrom
- ≥ 15 Punkte oder Vorliegen eines Ulkus: schweres postthrombotisches Syndrom.
Ätiologische Abklärung
Bei ausgeprägtem, früh auftretendem oder rezidivierendem postthrombotischem Syndrom sollte eine weiterführende Ursachenabklärung erfolgen. Zu berücksichtigen sind insbesondere:
- Thrombophilie (z.B. Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombinmutation)
- anatomische Abflussbehinderungen wie das May-Thurner-Syndrom
- chronische Obstruktionen der Iliakalvenen oder der Vena cava inferior
Ein entsprechender Verdacht besteht vor allem bei jungen Patienten, linksseitiger iliofemoraler Thrombose oder Rezidivthrombosen.
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach der Ausprägung der Symptome. Grundlage der Behandlung ist i.d.R. eine konsequente Kompressionstherapie. Krankengymnastik und regelmäßige Bewegung sind weitere Bestandteile der Behandlung, um die Muskelpumpe zu stärken.
Weitere Therapieoptionen umfassen:
- individuelle Antikoagulation zur Rezidivprophylaxe
- interventionelle Verfahren wie endovaskuläre Rekanalisation und Stentimplantation bei venöser Obstruktion
- stadiengerechte Therapie bei Ulcus cruris venosum
Prävention
Die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung eines postthrombotischen Syndroms ist die adäquate Behandlung der akuten tiefen Venenthrombose mit frühzeitiger Antikoagulation und Mobilisation. Der Stellenwert der routinemäßigen Kompression zur Primärprävention wird aktuell (2026) diskutiert.
Quellen
- AWMF-Leitlinie Venenthrombose und Lungenembolie, abgerufen am 27. April 2026
- Calderon Martinez und Garza Morales, Postthrombotic Syndrome, StatPearls, 2025
- De Maeseneer et al., European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2022 Clinical Practice Guidelines on the Management of Chronic Venous Disease of the Lower Limbs, Eur J Vasc Endovasc Surg, 2022
- Kahn et al., The post-thrombotic syndrome: evidence-based prevention, diagnosis, and treatment strategies. A scientific statement from the American Heart Association, Circulation, 2014
- Villalta Score, abgerufen am 27. April 2026