Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung
Abkürzung: NMOSD
Englisch: Neuromyelitis optica spectrum disorder
Definition
Als Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen, kurz NMOSD, werden seltene entzündliche Autoimmunerkrankungen des Zentralnervensystems bezeichnet. Sie betreffen vor allem den Sehnerv (Nervus opticus), das Rückenmark oder den Hirnstamm.
Epidemiologie
Ätiologie
Die Ursachen von NMOSD sind nicht vollständig geklärt. Anhand des Antikörperstatus werden zwei Subgruppen unterschieden:
- AQP4-IgG-positive NMOSD: In der Mehrzahl der Fälle (ca. 70–80 %) liegen Autoantikörper gegen Aquaporin-4 (AQP4), ein Wasserkanalprotein auf den Endfüßen von Astrozyten, vor. Diese Antikörper aktivieren das Komplementsystem, was zu astrozytärer Zelllyse und sekundärer Demyelinisierung führt.
- Seronegative NMOSD: Bei ca. 20–25 % der Patienten lassen sich weder AQP4-IgG noch MOG-IgG nachweisen. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang weitgehend ungeklärt.
Antikörper gegen das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) verursachen eine klinisch ähnliche, pathophysiologisch jedoch eigenständige Erkrankung (MOG-IgG-positive Erkrankung, MOGAD), die heute als separate Entität gilt und nicht mehr den NMOSD zugerechnet wird.
NMOSD und MOGAD sind klinisch ähnlich, aber pathophysiologisch und therapeutisch unterschiedlich. Eine Antikörperdiagnostik ist für die Therapieplanung essenziell.
Symptome
NMOSD verläuft in der Regel schubweise. Typische Leitsymptome sind:
- ein- oder beidseitige Sehstörung bzw. Amaurosis infolge einer Optikusneuritis
- Querschnittsyndrom mit teils aufsteigender Symptomatik und häufig begleitender Blasen- und Darmfunktionsstörung
- Area-postrema-Syndrom: unstillbares Erbrechen, Übelkeit und Schluckauf durch Befall der Area postrema im Hirnstamm (bei ca. 30 % der Patienten)[6]
- Tonische Spasmen und neuropathischer Schmerz
- Symptomatische Hirnstammläsionen (z. B. Diplopie, Dysarthrie, Dysphagie)
Innerhalb des ersten Jahres nach Krankheitsbeginn erleiden 55 % der AQP4-IgG-positiven Patienten einen Schub.[7] Binnen fünf Jahren erblinden 41 % der Patienten auf mindestens einem Auge und 23 % werden rollstuhlpflichtig.[8]
Diagnostik
Diagnosekriterien
Die Diagnose wird nach den internationalen IPND-Kriterien (International Panel for NMO Diagnosis, Wingerchuk et al. 2015) gestellt. Diese unterscheiden zwischen AQP4-IgG-seropositiver und -seronegativer NMOSD und definieren sogenannte kern-klinische Syndrome (Core Clinical Syndromes), darunter Optikusneuritis, akute Myelitis, Area-postrema-Syndrom sowie weitere Hirnstamm- und Zerebralläsionen.
Klinisch-radiologischer Befund
Typisch ist die meist beidseitige Optikusneuritis in Kombination mit einer Myelitis mit Querschnittssyndrom. Das kranielle MRT kann unauffällig sein oder charakteristische Läsionen zeigen, während das spinale MRT meist einen langstreckigen Befall über mehr als drei Rückenmarkssegmente zeigt (Longitudinale extensive transverse Myelitis, LETM). Die Herde erscheinen in der T2-Wichtung hyperintens. Im Akutschub reichern sie in der T1-Wichtung nach Kontrastmittelgabe an. In axialen T2-gewichteten Aufnahmen des Rückenmarks können zudem punktförmige stark hyperintense Läsionen auftreten („bright spotty lesions").
Labor
Im Blutserum oder Liquor lassen sich in etwa 70–80 % der Fälle AQP4-IgG nachweisen. Im Gegensatz zur multiplen Sklerose finden sich bei NMOSD in der Mehrzahl keine oligoklonalen Banden bei der isoelektrischen Fokussierung der Liquorproteine.
Als neuerer Verlaufsmarker spielen Neurofilament-Leichtketten (NfL) im Serum eine zunehmende Rolle. Erhöhte NfL-Werte korrelieren mit Schubaktivität und axonalem Schaden.
Bei negativem AQP4-IgG-Befund sollte stets auch MOG-IgG bestimmt werden.
Pathohistologie
Kennzeichnend für die Erkrankung ist der Abbau der Myelinschicht zentraler Nerven sowie damit einhergehende Neuritis nervi optici und Myelitis. Histologisch können MS-ähnliche Entmarkungsherde nachgewiesen werden. Im Vordergrund steht jedoch die astrozytäre Zellschädigung mit Nekrose von Astrozyten als primärem Läsionsmechanismus, die von sekundärer Demyelinisierung und in schweren Fällen irreversibler Gewebenekrose begleitet wird.
Differentialdiagnosen
- Multiple Sklerose
- MOGAD
- Retrobulbärneuritis anderer Genese
- Chronisch rezidivierende Immunoptikusneuropathie (CRION)
- Autoimmune Myelitis anderer Ursache (z. B. bei SLE, Sjögren-Syndrom)
Therapie
Schubtherapie
Im akuten Schub erfolgt die Behandlung mit hochdosiertem intravenösem Glukokortikoid (Methylprednisolon). Bei unzureichendem Ansprechen kommen Plasmapherese oder intravenöse Immunglobuline zum Einsatz.
Langzeittherapie (Schubprophylaxe)
Ziel der Langzeittherapie ist die Verhinderung weiterer Schübe, da jeder Schub irreversible Behinderungen akkumulieren kann. Es stehen zugelassene und Off-Label-Optionen zur Verfügung:
Zugelassene Biologika (für AQP4-IgG-positive NMOSD):
- Eculizumab: monoklonaler Antikörper, bindet Komplementfaktor C5 und hemmt die Komplementkaskade
- Ravulizumab: langwirksamer Anti-C5-Antikörper, bindet ebenfalls den Komplementfaktor C5
- Inebilizumab: bindet CD19 auf B-Zellen und führt zu deren Depletion
- Satralizumab: bindet den Interleukin-6-Rezeptor (IL-6R) und hemmt die IL-6-Signalkaskade
Off-Label-Optionen (häufig eingesetzt, insbesondere bei AQP4-IgG-negativer NMOSD):
- Rituximab: Anti-CD20-Antikörper, depletiert B-Zellen; breite klinische Erfahrung
- Azathioprin: Immunsuppressivum, oft in Kombination mit oralen Glukokortikoiden
- Mycophenolatmofetil: Hemmung der Purinsynthese in Lymphozyten
Immunmodulatorische Therapien, die bei multipler Sklerose eingesetzt werden (z. B. Interferon-beta, Natalizumab), können bei NMOSD zu einer Verschlechterung führen und sind kontraindiziert.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Prognose
Krankheitsschübe der NMOSD remittieren nur schlecht: 76 % der Patienten erholen sich nur partiell oder gar nicht nach dem ersten Schub, 83 % aller weiteren Schübe zeigen nur partielle oder keine Remission.[4] Irreversible Behinderungen können durch jeden Schub akkumulieren[9] und rasch zu schweren Behinderungen und frühzeitigem Tod führen.[10]
Quellen
- ↑ Dutra et al., Neuromyelitis Optica Spectrum Disorders: Spectrum of MR Imaging Findings and Their Differential Diagnosis, Radiographics, 2018
- ↑ Flanagan et al., Epidemiology of aquaporin-4 autoimmunity and neuromyelitis optica spectrum, Ann Neurol, 2016
- ↑ Cabrera-Gómez et al., An epidemiological study of neuromyelitis optica in Cuba, J Neurol, 2009
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Jarius et al., Contrasting disease patterns in seropositive and seronegative neuromyelitis optica: A multicentre study of 175 patients, J Neuroinflammation, 2012
- ↑ Wingerchuk et al., The spectrum of neuromyelitis optica, Lancet Neurol, 2007
- ↑ Shosha et al., Area postrema syndrome: Frequency, criteria, and severity in AQP4-IgG-positive NMOSD, Neurology, 2018
- ↑ Kim et al., New insights into neuromyelitis optica, J Clin Neurol, 2011
- ↑ Jiao et al., Updated estimate of AQP4-IgG serostatus and disability outcome in neuromyelitis optica, Neurology, 2013
- ↑ Wingerchuk und Weinshenker, Neuromyelitis optica: clinical predictors of a relapsing course and survival, Neurology, 2003
- ↑ Kitley et al., Prognostic factors and disease course in aquaporin-4 antibody-positive patients with neuromyelitis optica spectrum disorder from the United Kingdom and Japan, Brain, 2012
Literatur
- Jarius und Wildemann, 'Noteomielite' accompanied by acute amaurosis (1844). An early case of neuromyelitis optica, J Neurol Sci, 2012
Weblinks
NEMOS – Neuromyelitis‑optica‑Studiengruppe, abgerufen am 11.05.2026