Fremdkörperingestion
Englisch: foreign body ingestion
Definition
Als Fremdkörperingestion bezeichnet man das absichtliche oder unbeabsichtigte Verschlucken von Fremdkörpern mit Passage in den Gastrointestinaltrakt. Sie ist insbesondere im Kindesalter eine häufige Ursache für notfallmedizinische Vorstellungen.
Epidemiologie
Der überwiegende Anteil der Fälle betrifft Kleinkinder. Darüber hinaus kann das Verschlucken von Gegenständen Symptom einer komplexen psychiatrischen Störung (z.B. Pica-Syndrom) sein oder im Kontext einer demenziellen Erkrankung auch bei älteren Menschen auftreten. Über 80 % der Fremdkörper passieren den Gastrointestinaltrakt vollständig und werden spontan ausgeschieden.
Pathophysiologie
Fremdkörper passieren den Gastrointestinaltrakt in der Regel spontan per vias naturales, können jedoch an Engstellen (z.B. oberer oder unterer Ösophagussphinkter, Pylorus, Ileozökalklappe) verbleiben und dort die Schleimhaut chemisch schädigen, komprimieren oder perforieren. Weiterhin können sie zu einer Obstruktion des Darmlumes führen.
Knopfbatterien oder Magnete können bereits innerhalb kurzer Zeit zu schweren Gewebeschäden führen und sind daher ein Notfall.
Einteilung
Bisher (2026) gibt es keine allgemein anerkannte Klassifikation. Eine Einteilung kann anhand der Fremdkörperbeschaffenheit vorgenommen werden:
- stumpfe Objekte (z.B. Batterien, Münzen, Spielzeugteile)
- scharfe Objekte (z.B. Nadeln, Zahnstocher oder Fischgräten)
- lange Objekte (z.B. Drähte oder Stifte)
- Nahrungsbolus (z.B. nach Einnahme einer größeren Menge Flohsamenschalen)
- besondere Fremdkörper (z.B. Drogenpäckchen bei Bodypackern)
Symptome
Die Symptome nach Fremdkörperingestion sind vielfältig und unspezifisch. Kernsymptome sind:
Alarmzeichen sind eine ausgeprägte Schluckunfähigkeit mit Speichelverhalt, Atemnot oder Stridor, thorakale Schmerzen, Hämatemesis sowie Zeichen eines akuten Abdomens. Insbesondere bei Knopfbatterien können initial auch geringe oder fehlende Symptome vorliegen.
Besonderheiten gibt es nach Verschlucken großer und scharfer Objekte, Batterien und Magneten.
Stumpfe Objekte
Stumpfe Objekte verlassen den Verdauungstrakt in der Regel auf natürlichem Weg. Größere Objekte können jedoch etwa im oberen Ösophagussphinkter verbleiben, was zu einer Kompression des Larynx und einer damit verbundenen Atemnot führen kann.
Scharfe Objekte
Nach der Ingestion spitzer Gegenstände zeigen sich Symptome wie Irritation oder Schmerz in der Regel in der Speiseröhre. Bei weiterem Vordringen sind Perforationen, Fisteln oder Abszesse in jedem Abschnitt des Verdauungstraktes möglich.
Knopfbatterien
Nach dem Verschlucken von Knopfbatterien können diese in der Speiseröhre zu lokalen Verätzungen führen. Durch den Stromfluss im feuchten Milieu entstehen Hydroxidionen, wodurch sich ein alkalisches Milieu bildet. Nach wenigen Minuten treten erste Veränderungen der Schleimhaut auf. Nach mehreren Stunden ist das Ausmaß der Verätzung häufig so groß, dass die Schädigung der Speiseröhre mit einer Stenosierung verbunden ist, die anschließend durch eine Bougierung behandelt werden muss.
Magnete
Starke Magnete können im Darm durch gegenseitige Anziehung eine Gewebekompression auslösen, was zur Ischämie und Perforation führen kann (Drucknekrose).
Diagnostik
Während erwachsene Patienten in der Regel von der oralen Aufnahme eines Fremdkörpers berichten können, ist die Anamnese bei Kleinkindern, psychiatrischen Patienten oder Demenzkranken erschwert.
Bei Verdacht auf Fremdkörperingestion ist je nach Einschätzung der Gefährdung die Durchführung einer Bildgebung (Röntgen-Thorax, Abdomenübersicht, CT) oder eine endoskopische Exploration indiziert. Radioluzente Objekte (Holz, Kunststoff) werden durch konventionelles Röntgen allerdings nicht erfasst.
Ergänzend wird der Stuhl der Betroffenen beobachtet.
Differentialdiagnosen
Es kommen differentialdiagnostisch Ursachen in Frage, bei denen eine Verengung des Ösophagus im Vordergrund steht (z.B. Steakhousesyndrom oder Ösophagusstriktur). Darüber hinaus kommen funktionelle Einschränkungen (z.B. bei Achalasie oder Ösophagitis) oder Tumore in Frage.
Therapie
Das therapeutische Vorgehen richtet sich nach Art, Größe, Anzahl und Lokalisation des Fremdkörpers sowie nach dem klinischen Zustand des Patienten.
Nach Verschlucken von Knopfbatterien wird bei Erwachsenen und Kindern ab 1 Jahr die Gabe von 10 ml Honig alle 10 Minuten bis maximal 6 Dosen bis zur endoskopischen Entfernung empfohlen. Bei Säuglingen ist Honig aufgrund von bekannten Botulismusfällen kontraindiziert. Hier kann eine Sucralfat-Suspension mit 1 g/10 ml verabreicht werden (alle 10 Minuten 10 ml trinken bis zu dreimal). Bei ösophagealer Lage besteht eine sofortige Indikation zur notfallmäßigen endoskopischen Entfernung.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Bei stumpfen Objekten unter 2–2,5 cm Durchmesser, die den Magen bereits passiert haben und keine Beschwerden verursachen, ist eine konservative Behandlung (Beobachtung und Stuhlkontrolle) empfohlen.
Nach Verschlucken spitzer, langer oder scharfkantiger Objekte sollte primär eine zeitnahe endoskopische Entfernung (Fremdkörperextraktion) unter Verwendung geeigneter Schutzsysteme (z.B. Overtube oder Schutzkappen) erfolgen.
Chirurgische Intervention
Eine chirurgische Intervention ist bei nicht endoskopisch erreichbaren Fremdkörpern oder bei Komplikationen wie Perforation indiziert.
Quellen
- ESGE, Removal of foreign bodies in the upper gastrointestinal tract in adults, 2016
- AWMF, S2k – Leitlinie: Interdisziplinäre Versorgung von Kindern nach Fremdkörperaspiration oder Fremdkörperingestion, 2024
- Kindernotfall Bonn - Knopfzellbatterie: Große Gefahr für Kinder durch Verschlucken!, abgerufen am 04.03.2026