Finasterid
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LoslegenHandelsnamen: Propecia®, Proscar®, Finapil®, Prosmin®, Fynzur® u. a.
Synonym: Finasteridum
Englisch: finasteride
Definition
Finasterid ist ein Arzneimittel aus der Gruppe der 5-Alpha-Reduktasehemmer, der zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (BPH) und der androgenetischen Alopezie eingesetzt wird. Der Wirkstoff hemmt hochselektiv das Enzym Steroid-5α-Reduktase vom Typ II.
Chemie
Finasterid hat die chemische Summenformel C23H36N2O2 und liegt bei Zimmertemperatur als weißes, kristallines Pulver vor. Nach der IUPAC-Nomenklatur nennt sich das Molekül N-tert-Butyl-3-oxo-4-aza-5α-androst-1-en-17β-carbamid. Der Schmelzpunkt von Finasterid liegt bei 252 – 254 °C, die Molmasse beträgt 372,54 g/mol.
In den Alkoholen Methanol, Ethanol, 1-Propanol, sowie in Methylenchlorid ist die Substanz leicht löslich. In Wasser ist Finasterid dagegen praktisch unlöslich.[1] In Salzsäure, Natronlauge und Propylenglycol ist es ebenfalls kaum zu lösen.[1]
Wirkmechanismus
Finasterid ist ein Inhibitor der Steroid-5α-Reduktase vom Typ II.. Es beeinflusst die Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT). Letzteres besitzt im Vergleich zu Testosteron eine stärkere Bindungsaffinität und längere Bindungsdauer am Androgenrezeptor. Es ist dadurch etwa fünfmal potenter als Testosteron. Eine eigene Affinität zum Androgenrezeptor besteht nicht.
DHT verkürzt die Dauer der Anagenphase im Haarwachstumszyklus, wodurch Haarausfall beschleunigt wird. Da die Sensitivität der Haarfollikel gegenüber Androgenen auf der Kopfhaut unterschiedlich ausgeprägt ist, kommt es zum typischen Bild des Haarausfalls. Der Scheitelbereich lichtet sich schneller, die Kopfseiten und die Hinterkopfregion reagieren weniger sensibel auf Androgen und bilden so den typischen Resthaarkranz. Finasterid soll diesem Prozess entgegenwirken, indem es die DHT-Bildung reduziert und dadurch den Haarverlust potenziell verlangsamt.
Bei der BPH stimuliert DHT das Wachstum der Epithelzellen, was zur Prostatavergrößerung beiträgt. Auch hier unterbindet Finasterid die Testosteronumwandlung in DHT. Dadurch werden das Prostatavolumen und das Risiko für akuten Harnverhalt und operative Eingriffe reduziert.
Pharmakokinetik
Finasterid wird nach oraler Gabe gut resorbiert, die Bioverfügbarkeit liegt bei ca. 80 %. Die Plasmaproteinbindung beträgt etwa 90 %. Der Wirkstoff wird hepatisch über CYP3A4 metabolisiert. Die Plasmahalbwertszeit liegt bei Erwachsenen bei etwa 5–6 Stunden, bei älteren Patienten kann sie auf über 8 Stunden verlängert sein.[2] Die Ausscheidung erfolgt über die Fäzes und über den Urin.[2]
Indikationen
Für die Indikation androgenetische Alopezie ist Finasterid (Propecia®) laut Fachinformation nur bei Männern im Alter von 18–41 Jahren in frühen Stadien zugelassen; eine Wirksamkeit bei bitemporalem Zurückweichen des Haaransatzes oder bei Haarverlust im Endstadium ist nicht belegt.[5]
Darreichungsformen
Dosierung
Die Dosierung beträgt:
- 5 mg/Tag bei der BPH
- 1 mg/Tag bei Haarausfall
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nach Absetzen bildet sich die Wirkung innerhalb von 6 Monaten zurück, nach 9–12 Monaten ist der Ausgangszustand meist wieder erreicht.[6]
Nebenwirkungen
- Libidoverlust
- erektile Dysfunktion
- Ejakulationsstörungen beziehungsweise vermindertes Ejakulatvolumen
- Brustveränderungen und Gynäkomastie
- Depression und Suizidgedanken[7]
- Erhöhung bestimmter Leberenzyme (v. a. γ-GT)
- abnehmende Körperbehaarung
- Sehstörungen
- trockene Augen
- möglicher Zusammenhang mit Brustkrebs beim Mann (Datenlage uneinheitlich)
2025 bestätigte die EMA im Rahmen ihrer Pharmakovigilanz Suizidgedanken als Nebenwirkung von oralem Finasterid; für Dutasterid wurde kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen, jedoch wurde die Fachinformation wegen des vergleichbaren Wirkmechanismus (möglicher Klasseneffekt) vorsorglich um einen entsprechenden Warnhinweis ergänzt.[7]
In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017, in der 11.909 Behandlungsfälle aufgearbeitet wurden, entwickelten 1,4 % der mit Finasterid behandelten Männer eine persistente erektile Dysfunktion (PED). Jüngere Männer, die länger als 205 Tage mit Finasterid behandelt wurden, hatten gegenüber kürzer behandelten Männern ein etwa 5-fach erhöhtes Risiko für eine PED.[8][9]
Zum Brustkrebsrisiko liegt eine uneinheitliche Studienlage vor: Eine dänisch-finnisch-norwegisch-schwedische Registerkohortenstudie fand 2018 eine erhöhte Inzidenzratio für Brustkrebs bei Finasterid-Anwendern. Die Autoren wiesen jedoch selbst auf mögliche Surveillance-Bias sowie eine eingeschränkte Confounder-Adjustierung hin und werteten die Ergebnisse nicht als eindeutigen Kausalitätsbeleg.[10] Eine spätere, größer angelegte und stärker confoundervariablen-adjustierte Fall-Kontroll-Studie aus denselben Ländern fand hingegen keinen Zusammenhang, auch ohne erkennbare Dosis-Wirkungs-Beziehung.[11] Eine daran anschließende Metaanalyse von fünf Studien ergab eine gepoolte Risikoschätzung von 1,00 (95%-KI 0,78–1,27) ohne Heterogenität zwischen den Einzelstudien.[11]
Post-Finasterid-Syndrom
Als Post-Finasterid-Syndrom (PFS) werden sexuelle, psychische und kognitive Beschwerden bezeichnet, die über das Therapieende hinaus fortbestehen sollen. Mehrere Zulassungsbehörden (u. a. FDA, EMA, MHRA) haben ihre Fachinformationen entsprechend ergänzt, ohne das PFS als eigenständige Diagnose formal anzuerkennen. Die tatsächliche Existenz und Häufigkeit des Syndroms sind wissenschaftlich umstritten; belastbare kontrollierte Studien fehlen bislang, ein Teil der Fachwelt diskutiert einen relevanten Beitrag von Nocebo-Effekten.[12]
Besondere Hinweise
Unter Finasterid ist der PSA-Wert erniedrigt. Dies muss bei der Bewertung des PSA-Werts zur Abschätzung eines Prostatakarzinom-Risikos berücksichtigt werden.
Wechselwirkungen
Finasterid wird über CYP3A4 metabolisiert; klinisch relevante Wechselwirkungen wurden bislang jedoch nicht identifiziert, und der Wirkstoff scheint das Cytochrom-P450-System selbst nicht zu beeinflussen.[1]
Kontraindikationen
Streng kontraindiziert ist Finasterid während der Schwangerschaft, da es zu Entwicklungsstörungen der äußeren männlichen Geschlechtsorgane beim männlichen Fötus kommen kann. Schwangere und Frauen, die schwanger werden könnten, dürfen zerbrochene oder zerstoßene Finasteridtabletten nicht berühren. Intakte Filmtabletten verhindern bei normaler Handhabung den Kontakt mit dem Wirkstoff.
Darüber hinaus ist Finasterid für Frauen in keinem der großen Zulassungsgebiete zugelassen. Prinzipiell sollte Finasterid nicht von Personen unter 18 Jahren eingenommen werden, da hierzu keine Studien vorliegen.
Dopingmittel
Finasterid galt früher als Dopingmittel. Das Medikament selber besitzt zwar keinerlei leistungssteigernden Effekt, jedoch konnten durch seine Wirkung keine anabolen Steroide nachgewiesen werden. Mittlerweile sind die Analyseverfahren so genau, dass dieser Effekt heute nicht mehr relevant ist.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 FDA-Arzneimittelinformation (Finasteride), abgerufen am 17.08.2026
- ↑ 2,0 2,1 Chaudhary et al., Finasteride, Expert Opin Drug Metab Toxicol, 2010
- ↑ AWMF-Leitlinie, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ Kanti et al., Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men - short version, J Eur Acad Dermatol Venereol, 2018
- ↑ Propecia Fachinformation (Organon Österreich), abgerufen am 17.08.2026
- ↑ Gelbe Liste: Finasterid, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ 7,0 7,1 BfArM: Rote-Hand-Brief zu Finasterid, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ Kiguradze et al., Persistent erectile dysfunction in men exposed to the 5α-reductase inhibitors, finasteride, or dutasteride, PeerJ, 2017
- ↑ Deutsches Ärzteblatt: Psychiatrische und sexuelle Nebenwirkungen von Finasterid, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ Meijer et al., Finasteride treatment and male breast cancer: a register-based cohort study in four Nordic countries, Cancer Med, 2018
- ↑ 11,0 11,1 Kjærulff et al., Finasteride Use and Risk of Male Breast Cancer: A Case-Control Study Using Individual-Level Registry Data from Denmark, Finland, and Sweden, Cancer Epidemiol Biomarkers Prev, 2019
- ↑ Rivetti, Post-Finasteride Syndrome or Pre-Existing Vulnerability? Rethinking Patient Selection, J Cosmet Dermatol, 2025