Budesonid
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenHandelsnamen: Budesonid acis®, Jorveza®, Kinpeygo®, Budo-San®
Synonym: Budesonidum
Englisch: budesonide
Definition
Budesonid ist ein synthetisch hergestelltes, nichthalogeniertes Glukokortikoid mit ausgeprägter lokaler antiinflammatorischer Wirkung. Es wird in verschiedenen galenischen Zubereitungen eingesetzt und findet Anwendung bei Erkrankungen der Atemwege, des Gastrointestinaltraktes, der Leber und der Niere.
Chemie
Budesonid ist ein synthetisches Kortikosteroid mit einem Acetalring an Position 16,17. Die Summenformel lautet C₂₅H₃₄O₆, die Molekularmasse beträgt 430,5 g/mol. Die CAS-Nr. ist 51333-22-3.
Die Substanz liegt als Gemisch zweier Epimere (22R und 22S) vor; das 22R-Epimer besitzt eine etwa doppelt so hohe Glukokortikoidrezeptor-Affinität wie das 22S-Epimer. Mit einem Oktanol-Wasser-Verteilungskoeffizienten (logP) von ca. 3,4 ist Budesonid im Vergleich zu anderen inhalierbaren Kortikosteroiden wie Fluticasonpropionat weniger lipophil, was seine pharmakokinetischen Eigenschaften wesentlich beeinflusst.[1]
Wirkmechanismus
Budesonid wirkt durch Bindung an zytosolische Glukokortikoidrezeptoren. Nach Penetration der Zellmembran bindet der Wirkstoff intrazellulär an den Rezeptor und transloziert als Ligand-Rezeptor-Komplex in den Zellkern. Dort moduliert er die Genexpression auf zwei Wegen:
- durch direkte DNA-Bindung (Transaktivierung) werden antiinflammatorische Proteine hochreguliert
- durch Interaktion mit Transkriptionsfaktoren wie NF-κB und AP-1 (Transrepression) wird die Synthese proinflammatorischer Zytokine, Chemokine und Adhäsionsmoleküle gehemmt.
Primäre Zielzellen sind Immunzellen (insbesondere Eosinophile, T-Lymphozyten, Mastzellen), Epithelzellen und Endothelzellen.[2]
Bei der ösophagealen Anwendung wirkt Budesonid lokal an der Ösophagusmukosa und supprimiert die charakteristische eosinophile Gewebsinflammation.
Pharmakokinetik
Budesonid wird hepatisch über das CYP3A4-Isoenzym des Cytochrom-P450-Systems zu biologisch inaktiven Metaboliten abgebaut und unterliegt einem ausgeprägten First-pass-Effekt von ca. 90 %. Die systemische Bioverfügbarkeit ist bei oraler und rektaler Anwendung entsprechend gering (ca. 10–15 %), was das günstige lokale Wirksamkeits-/Nebenwirkungsprofil gegenüber systemischen Glukokortikoiden begründet.[2]
Bei inhalativer Applikation ist die pulmonal deponierte Fraktion stark abhängig von Inhalatortyp, Partikelgröße und Inhalationstechnik. Typische Lungendepositionen liegen je nach Gerät zwischen 10 und 40 % der verabreichten Dosis. Der nicht-pulmonal deponierte Anteil wird überwiegend geschluckt und unterliegt ebenfalls dem hepatischen First-pass-Effekt, sodass kaum systemische Wirkungen entstehen.[3]
Spezielle Retardformulierung werden bei einer IgA-Nephropathie eingesetzt. Durch die Retardierung wird Budesonid gezielt im terminalen Ileum und proximalen Kolon freisetzt, wo IgA-produzierende Peyer-Plaques und Plasmazellen konzentriert sind.
Indikationen
Respiratorisch
- Asthma bronchiale (inhalativ, als Monotherapie oder in Fixkombination mit Formoterol)
- COPD mit eosinophilem Phänotyp und erhöhtem Exazerbationsrisiko (inhalativ, stets in Kombination mit einem Bronchodilatator; eine ICS-Monotherapie ist bei COPD nicht indiziert)
- Rhinitis allergica, allergische Sinusitis (nasal)
- Nasenpolypen (nasal)
- Pseudokrupp (inhalativ oder oral)
Gastrointestinal und hepatisch
- Morbus Crohn (ileozäkaler Befall, leichte bis mittelschwere Aktivität, oral retardiert)
- Colitis ulcerosa (milde bis moderate Aktivität, als MMX-Formulierung)
- Mikroskopische Kolitis (Collagene Kolitis, lymphozytäre Kolitis): Budesonid ist Mittel der Wahl[4]
- Eosinophile Ösophagitis (als orodispersible Schmelztablette Jorveza®)[5]
- Autoimmunhepatitis: Bei fehlender Leberzirrhose ist Budesonid (Budenofalk®) aufgrund des hohen First-pass-Effekts eine wirksame Alternative zu Prednisolon; bei Zirrhose entfällt dieser Effekt, weshalb Budesonid dort kontraindiziert ist
Nephrologisch
- Primäre IgA-Nephropathie mit erhöhtem Progressionsrisiko (als retardiertes Präparat Kinpeygo®)[6]
Darreichungsformen
Budesonid ist in verschiedenen, indikationsspezifisch entwickelten Darreichungsformen verfügbar:
| Darreichungsform | Beispielpräparate | Hauptindikation |
|---|---|---|
| Pulverinhalator, Dosieraerosol, Verneblerlösung | Budesonid acis®, Budo-San® | Asthma, COPD |
| Nasenspray | diverse Generika | Rhinitis allergica, Nasenpolypen |
| Retardkapseln (oral) | Budenofalk®, Entocort® | Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Autoimmunhepatitis |
| Rektalschaum/Einlauf | Budenofalk® Rektalschaum | Distale Colitis ulcerosa |
| Orodispersible Schmelztabletten | Jorveza® | Eosinophile Ösophagitis |
| Retardkapseln (magensaftresistent) | Kinpeygo® | IgA-Nephropathie |
Dosierung
Die Dosierung variiert je nach Indikation und Darreichungsform erheblich:
| Indikation | Applikationsweg | Übliche Dosierung Erwachsene |
|---|---|---|
| Asthma bronchiale | Inhalativ | 200–1.600 µg/Tag (je nach Schweregrad) |
| COPD (stets in Kombination) | Inhalativ | Abhängig von der Fixkombination |
| Rhinitis allergica | Nasal | 128–256 µg/Tag |
| Morbus Crohn (aktiv) | Oral, retardiert | 9 mg/Tag für 8 Wochen, dann ausschleichen |
| Mikroskopische Kolitis | Oral, retardiert | 9 mg/Tag für 6–8 Wochen |
| Eosinophile Ösophagitis | Schmelztablette | 1 mg zweimal täglich |
| Autoimmunhepatitis | Oral, retardiert | 3 mg dreimal täglich (9 mg/Tag) |
| IgA-Nephropathie | Oral, retardiert (Kinpeygo®) | 16 mg einmal täglich |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Art und Häufigkeit der Nebenwirkungen hängen wesentlich von Darreichungsform, Dosis und Anwendungsdauer ab. Aufgrund des ausgeprägten First-pass-Effekts sind systemische Nebenwirkungen bei therapeutisch dosierten lokalen Präparaten deutlich seltener als unter systemischer Glukokortikoidtherapie.
Lokale Nebenwirkungen bei inhalativer Anwendung:
- Oropharyngeale und ösophageale Candidose (häufigste lokale Komplikation; Mundspülen nach Inhalation senkt das Risiko)
- Dysphonie (Heiserkeit)
- Rachenreizung, Reizhusten
Lokale Nebenwirkungen bei nasaler Anwendung:
- Schleimhautreizung, Epistaxis
Systemische Nebenwirkungen (insbesondere bei hoher Dosis, Langzeittherapie oder CYP3A4-Inhibition):
- Endokrin: Cushing-Syndrom, sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz, Hyperglykämie, Diabetes mellitus, Hypokaliämie
- Psyche: Depression, Euphorie, Hyperaktivität, Angst, Aggression
- Gefäße: Hypertonie, erhöhtes Thrombose-Risiko
- Haut: Exanthem, Petechien, Kontaktdermatitis
- Bei Kinpeygo® (IgA-Nephropathie) zusätzlich relevant: Akne, periphere Ödeme, Gewichtszunahme, Leukozytose
Cave: CYP3A4-Inhibitoren können den First-pass-Effekt abschwächen und das systemische Nebenwirkungsprofil deutlich verstärken (→ Wechselwirkungen).
Wechselwirkungen
Budesonid wird hepatisch über CYP3A4 metabolisiert. Starke CYP3A4-Inhibitoren erhöhen die Plasmaspiegel erheblich und können systemische Glukokortikoidwirkungen bis hin zu Cushing-ähnlichen Symptomen auslösen:
- Azol-Antimykotika (z.B. Itraconazol, Ketoconazol)
- Makrolidantibiotika (z.B. Clarithromycin, Erythromycin)
- Proteaseinhibitoren (z.B. Ritonavir)
- Grapefruitsaft (enthält natürliche Furanocumarine als CYP3A4-Inhibitoren)
CYP3A4-Induktoren (z.B. Rifampicin, Johanniskraut) können die Wirksamkeit von Budesonid vermindern.
Cave: Die gleichzeitige Anwendung mit systemischen Glukokortikoiden kann additive Nebenwirkungen verstärken.
Kontraindikationen
Die Kontraindikationen variieren nach Darreichungsform und Präparat:
- Aktive Tuberkulose oder schwere, nicht adäquat behandelte systemische Infektionen (unabhängig von der Darreichungsform)
- Schwere unbehandelte Atemwegsinfektionen ohne begleitende antiinfektive Therapie (bei inhalativer Anwendung)
- Systemische Mykosen
- Budenofalk® (Autoimmunhepatitis): kontraindiziert bei Leberzirrhose, da der First-pass-Effekt entfällt und eine systemische Steroidexposition resultiert
- Kinpeygo® (IgA-Nephropathie): kontraindiziert bei schwerer Leberfunktionsstörung (Child-Pugh-Klasse C)
Zulassung
Jorveza® (orodispersible Budesonid-Schmelztablette) ist seit 2018 in der Europäischen Union zur Behandlung der eosinophilen Ösophagitis zugelassen; die ursprüngliche Zulassung für Erwachsene wurde nachfolgend auf Kinder ab 2 Jahren ausgeweitet.
Kinpeygo® (retardiertes Budesonid) erhielt 2022 eine bedingte EU-Zulassung zur Behandlung der primären IgA-Nephropathie bei Erwachsenen mit relevantem Progressionsrisiko (Proteinurie ≥ 1 g/Tag). Im Jahr 2024 wurde die bedingte Zulassung in eine reguläre EU-Standardzulassung überführt.
Quellen
- ↑ Brattsand R, Selroos O. May a different kinetic mode explain the high efficacy/safety profile of inhaled budesonide? Pulm Pharmacol Ther. 2022;77:102167.
- ↑ 2,0 2,1 Hemperly A, Sandborn WJ, Vande Casteele N. Clinical Pharmacology in Adult and Pediatric Inflammatory Bowel Disease. Inflamm Bowel Dis. 2018;24(12):2527-2542.
- ↑ Brattsand R, Selroos O. May a different kinetic mode explain the high efficacy/safety profile of inhaled budesonide? Pulm Pharmacol Ther. 2022;77:102167.
- ↑ Malik A, Goyal H, Adler DG et al. Budesonide Versus Mesalamine in Microscopic Colitis: A Comparative Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. J Clin Gastroenterol. 2025;59(7):629-639.
- ↑ Al Hayek M, Lucendo AJ, Savarino EV et al. Efficacy of Biological and Steroid Therapies in Adolescent and Adult Patients With Eosinophilic Esophagitis: A Systematic Review and Network Meta-Analysis. Clin Gastroenterol Hepatol. 2026.
- ↑ Floege J, Bernier-Jean A, Barratt J, Rovin B. Treatment of patients with IgA nephropathy: a call for a new paradigm. Kidney Int. 2025;107(4):640-651.