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Zwangsstörung

(Weitergeleitet von Zwangserkrankung)

Synonyme: Zwangserkrankung, Zwangsneurose (veralteter Begriff)
Englisch: obsessive compulsive disorder, OCD

1 Definition

Eine Zwangsstörung ist ein Krankheitsbild aus der Psychiatrie, bei dem die Betroffenen durch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sich selbst oder ihre Umgebung stark belasten.

2 Epidemiologie

Die Zwangsstörung hat in Deutschland eine Lebenszeitprävalenz von etwa 2%. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Die Manifestation der Zwangsgedanken und Handlungen erfolgt meistens im Kindes-, Jugend oder frühen Erwachsenenalter. Eine Manifestation jenseits des 50. Lebensjahres ist sehr selten und deutet dann eher auf eine organische Ursache (z.B. Hirntumor, Morbus Alzheimer) hin.

Es besteht eine Assoziation zu anderen psychiatrischen Erkrankungen, vor allem zu Depressionen, Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen. Zwangskranke sind überdurchschnittlich suchtgefährdet, da Alkohol und Tranquilizer die Symptomatik vorübergehend zu lindern vermögen.

3 Pathophysiologie

Zwangsstörungen wurden bereits von Sigmund Freud als Zwangsneurose beschrieben ("Der kleine Hans"). Dieser ging noch davon aus, daß die Zwangsneurose hauptsächlich aus einer Störung der analen Entwicklungsphase resultiere.

Aus neueren Forschungsergebnissen (Stand 2006) geht jedoch hervor, dass neben diesen klassischen psychologischen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen genetische und komplexe neurobiologische Faktoren bei der Krankheitsentstehung eine wichtige Rolle spielen.

Bei einer positiven Familienanamnese steigt das Erkrankungsrisiko deutlich an, bei eineiigen Zwillingen bestehen die höchsten Konkordanzwerte. Durch moderne Bildgebung konnte bei Betroffenen eine Fehlfunktion von Strukturen des ZNS, vornehmlich im limbischen System und in den Basalganglien lokalisiert, nachgewiesen werden.

Dabei stehen vor allem Stoffwechselstörungen der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin im Blickpunkt des Interesses.

4 Symptomatik

Die Trennlinie zwischen normal/adäquat und pathologisch ist bei Zwangsstörungen nicht scharf zu ziehen. Entscheidend ist das subjektive Befinden und die Beeinträchtigung der Lebensführung durch die Zwänge. Auch die nähere Umgebung Betroffener kann eine Zwangspathologie entlarven.

Charakteristisch für pathologische Zwangsideen und -verhaltensweisen ist:

  • Imperatives Erleben von Ideen oder Denk- und Handlungsimpulsen
  • Wiederholtes Auftreten immer gleicher Gedanken und Handlungsmuster

Die Zwänge werden von den meisten Patienten auch als sinnlos und zweckentfremdet empfunden. Beim Versuch, sich den Zwängen zu widersetzen, kommt es jedoch zu einer unaushaltbaren inneren Anspannung und Angst. Nur das Ausführen der Zwänge kann diese Anspannung lindern.

4.1 Zwangsinhalte

Man unterscheidet prinzipiell Denk- und Handlungszwänge:

Typische Beispiele für Handlungszwänge sind:

Typische Denkzwänge sind das Grübeln über:

Oft sind die Zwangsgedanken dabei den Normen und Werten bzw. dem sozialen Klischee des Patienten entgegengesetzt. Beispielsweise wären ausgefallene sexuelle Fantasien von frommen und verhaltenen jungen Männern zu nennen, die im Verlangen nach Kontrolle der Gedanken in Selbsbestrafungsrituale münden. Zwangskranke neigen auch oft zu sogenanntem "magischen Denken" (Aberglauben).

4.2 Abgrenzung zu anderen psychiatrischen Erkrankungen

Zwänge sind häufig Bestandteil der Symptomatik bei affektiven oder schizophrenen Psychosen. Beim Tourette-Syndrom sind sie vergesellschaftet mit Tics. Nur wenn Zwänge als Symptom deutlich im Vordergrund stehen, spricht man von der Zwangsstörung. Im Gegensatz zur zwanghaften Persönlichkeit werden die Zwänge von Zwangskranken als irrational oder ich-fremd erlebt. Der Zwangskranke kann sich kaum gegen die Ausübung der Zwänge wehren, ein Mensch mit einer zwanghaften Persönlichkeit empfindet seine Zwangshandlungen als normal.

5 Diagnose

Richtlinien für die Diagnosestellung sind im DSM-IV definiert. Im ICD-10 sind wird lediglich zwischen verschiedenen Unterformen der Zwangsstörung unterschieden wie zum Beispiel:

  • Vorwiegend Zwangsgedanken
  • Vorwiegend Zwangshandlungen
  • Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, gemischt
  • etc.

Das DSM-IV sieht als Diagnosekriterien unter anderem vor:

  • die Wahrnehmung des sinnlosen Zwanges durch den Betroffenen
  • die Einschränkung des Betroffenen, der durch seine Zwänge kein "normales Leben" führen kann
  • die Entstehung von Anspannung, die sich bei Ausführen des Zwangs lindern lässt

6 Therapie

Die medikamentöse Behandlung der Zwangsstörungen wird hauptsächlich mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) oder trizyklischen Antidepressiva (z.B. Clomipramin) durchgeführt. Teilweise wirksam sind auch atypische Neuroleptika.

Psychotherapeutisch kommt in erster Linie die kognitiv-behaviorale Verhaltenstherapie zum Einsatz. Die Psychoanalyse und andere Formen der Psychotherapie (z.B. klientenzentrierte Gesprächstherapie nach Rogers) benötigen, wenn sie überhaupt wirksam sind, sehr viel Zeit. In vielen Fällen können Selbsthilfegruppen und geschriebene Anleitungen zur Selbsthilfe hilfreich sein.

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