Sinusknoten-Reentrytachykardie
Synonyme: sinoatriale Reentrytachykardie, Sinusknoten-Reentry-Tachykardie, SA-Knoten-Reentrytachykardie
Englisch: sinoatrial nodal reentry tachycardia, SANRT
Definition
Die Sinusknoten-Reentrytachykardie, kurz SNRT, ist eine seltene Form der supraventrikulären Tachykardie (SVT) mit Reentry-Mechanismus im Bereich des Sinusknotens bzw. des perinodalen Vorhofgewebes. Sie gehört zu den paroxysmalen SVTs und wird als eigenständige Form der atrialen Tachykardien eingeordnet.
Abgrenzung
Abzugrenzen ist die SNRT von der Sinustachykardie sowie der inadäquaten Sinustachykardie (IST), die keinen Reentry-Mechanismus aufweisen.
Epidemiologie
Die SNRT ist selten. Ältere Studien berichten einen Anteil von 3,2–16,9 % aller SVT basierend auf selektionierten elektrophysiologischen Kollektiven und sind daher nicht populationsrepräsentativ. In neueren Ablationskohorten liegt der Anteil bei etwa 4 %. Die Erkrankung tritt in allen Altersgruppen auf, häufiger jedoch bei älteren Patienten und bei struktureller Herzerkrankung.
Ätiologie
Die SNRT entsteht auf dem Boden einer heterogenen Leitungsstruktur im Bereich des Sinusknotens und des angrenzenden Vorhofmyokards. Begünstigende Faktoren sind u.a.:
- koronare Herzkrankheit
- Kardiomyopathie
- Sick-Sinus-Syndrom
- altersbedingte Fibrosierung
- Zustand nach herzchirurgischen Operationen
- idiopathisch
Pathophysiologie
Die SNRT beruht auf einem Reentry-Kreis im Bereich des Sinusknotens bzw. des perinodalen Gewebes. Diskutierte Mechanismen sind:
- intranodaler Reentry
- Reentry um den Sinusknoten als funktionelles Hindernis
- sinoatrialer Reentry (Einbezug perinodalen Gewebes)
Der Reentry-Kreis ist wahrscheinlich klein und funktionell variabel. Der exakte Mechanismus ist bisher (2026) nicht in allen Fällen abschließend geklärt. Der Sinusknoten ist über mehrere sinoatriale Leitungsbahnen (SACP) mit dem Vorhof verbunden. Unterschiede in Leitungsgeschwindigkeit und Refraktärzeit ermöglichen die Ausbildung eines Reentry-Kreises. Die Tachykardie wird typischerweise durch eine supraventrikuläre Extrasystole ausgelöst.
Symptome
Typisch ist anfallsartiges Herzrasen mit abruptem Beginn und Ende. Dies unterscheidet die SNRT von der Sinustachykardie mit graduellem Verlauf. Weitere Symptome sind u.a.:
- Palpitation
- Schwindel
- Dyspnoe
- selten Synkope
Bei häufigen oder prolongierten Episoden kann eine tachykardieinduzierte Kardiomyopathie auftreten.
Diagnostik
EKG
Die SNRT ist im Elektrokardiogramm schwer von einer Sinustachykardie zu unterscheiden. Typische Befunde umfassen:
- Frequenz meist 100–150/min
- schmaler QRS-Komplex
- P-Wellen ähnlich dem Sinusrhythmus, jedoch nicht obligat identisch (variierende Aktivierungssequenz möglich)
- positives P in Ableitung II
- abruptes Einsetzen und Ende
Die SNRT endet abrupt, während die Sinustachykardie einen kontinuierlichen Verlauf zeigt. Vagusmanöver und Adenosin können die SNRT terminieren.
Elektrophysiologische Untersuchung
Die definitive Diagnose erfolgt durch elektrophysiologische Untersuchung (EPU). Hierbei müssen u.a. folgende Kriterien erfüllt sein:
- reproduzierbare Induzierbarkeit und Terminierbarkeit
- P-Wellen-Morphologie meist sinusrhythmusähnlich, aber nicht zwingend identisch
- abruptes Einsetzen nach atrialer Extrasystole
Differentialdiagnosen
- Sinustachykardie
- inadäquate Sinustachykardie
- fokale atriale Tachykardie
- AV-Knoten-Reentrytachykardie
Die Abgrenzung ist klinisch und elektrophysiologisch relevant.
Therapie
Akuttherapie
Die Akutbehandlung entspricht dem allgemeinen Vorgehen bei Therapie wie bei paroxysmalen SVT und beinhaltet z.B.:
- Vagusmanöver
- Adenosin
- Betablocker
- Verapamil oder Diltiazem
- elektrische Kardioversion bei Instabilität
Langzeittherapie
Die medikamentöse Therapie erfolgt empirisch, da bisher (2026) keine kontrollierten Studien zur spezifischen Pharmakotherapie der SNRT vorliegen. Verapamil und Amiodaron zeigen eine variable Wirksamkeit, während Betablocker häufig weniger effektiv sind. Bei symptomatischen, rezidivierenden oder therapierefraktären Verläufen ist die Katheterablation eine effektive Therapieoption. Dabei erfolgt die Ablation am Ort der frühesten atrialen Aktivierung relativ zur P-Welle. Dieses Vorgehen gilt als sicher und zeigt gute Langzeitergebnisse. Als Risiko der Ablation besteht eine Schädigung des Sinusknotens mit resultierender Bradykardie und möglicher Schrittmacherpflichtigkeit.
Prognose
Literatur
- Boppana et al., Sinoatrial Nodal Reentrant Tachycardia, In: StatPearls. StatPearls Publishing, Treasure Island (FL), 2023
- Brugada et al., 2019 ESC Guidelines for the management of patients with supraventricular tachycardia, European Heart Journal 2020