Renale Sympathikusdenervation
Synonyme: renale Denervation, renale Sympathikusablation
Englisch: renal sympathetic denervation
Definition
Die renale Sympathikusdenervation ist ein minimal-invasives, katheterbasiertes Verfahren zur selektiven Ablation sympathischer Nervenfasern entlang der Nierenarterie mittels Radiofrequenz- oder Ultraschallenergie. Ziel ist die Senkung des arteriellen Blutdrucks durch Reduktion der renalen sympathischen Aktivität.
Hintergrund
Die Niere ist ein zentrales Organ der Blutdruckregulation. Eine erhöhte Aktivität des Sympathikus führt zu gesteigerter Renin-Freisetzung, erhöhter Natrium- und Wasserretention sowie peripherer Vasokonstriktion. Die sympathischen afferenten und efferenten Nervenfasern verlaufen entlang der Nierenarterien und können durch endovaskuläre Energieapplikation gezielt geschädigt werden, was zu einer Reduktion der neurohumoralen Aktivität führt und einen langfristig verringerten Renin- und Noradrenalin-Spiegel gewährleisten soll.
Indikationen
Die Indikationsstellung erfolgt individuell und vorzugsweise in spezialisierten Zentren. Mögliche Indikationen sind:
- therapieresistente arterielle Hypertonie (trotz ≥ 3 Antihypertensiva inkl. Diuretikum)
- unzureichend kontrollierte Hypertonie bei eingeschränkter Medikamentenadhärenz
- Medikamentenintoleranz
- selektierte Patienten mit moderater Hypertonie (z.B. im Rahmen klinischer Studien)
Kontraindikationen
- signifikante Nierenarterienstenose
- relevante Gefäßanomalien der Nierenarterien
- fortgeschrittene Niereninsuffizienz (insbesondere in Studien häufig eGFR < 40 mL/min/1,73 m²)
- Kontraindikationen für katheterbasierte Eingriffe (z.B. schwere Gerinnungsstörungen)
Technik
Vorbereitung
Die Intervention erfolgt im Katheterlabor unter sterilen Bedingungen und Analgosedierung. Eine präprozedurale Bildgebung (z.B. CT-Angiographie oder MR-Angiographie) dient der Beurteilung der Gefäßanatomie. Typische anatomische Voraussetzungen sind ein Nierenarteriendurchmesser von etwa 3–8 mm und eine ausreichende Gefäßlänge (≥ 20 mm).
Durchführung
Über einen femoralen arteriellen Zugang wird ein Katheter in die Nierenarterien eingebracht. Entlang der Gefäßwand erfolgen mehrere Energieapplikationen:
- Radiofrequenzablation: punktuelle thermische Läsionen
- Ultraschallablation: zirkumferente Energieabgabe
Hierdurch werden die perivaskulären sympathischen Nervenfasern geschädigt, während die Gefäßstruktur weitgehend erhalten bleibt.
Nachsorge
Postinterventionell erfolgt die Überwachung auf vaskuläre Komplikationen. Regelmäßige Blutdruckkontrollen sind erforderlich. Eine antihypertensive Medikation wird in der Regel fortgeführt und ggf. angepasst.
Wirkung
Die Studienlage ist uneinheitlich. Neuere Studienprogramme (SPYRAL, RADIANCE) zeigen eine signifikante, jedoch moderate Blutdrucksenkung. In anderen älteren Studien (SYMPLICITY HTN-3) konnte hingegen kein signifikanter Therapieeffekt nachgewiesen werden.[1]
Im Schnitt kann eine Reduktion des ambulant gemessenen systolischen Blutdrucks um etwa −4 bis −6 mmHg gegenüber Kontrollgruppen erreicht werden. Etwi zwei Drittel der Patienten zeigen eine klinisch relevante Blutdrucksenkung (> 5 mmHg). Der antihypertensive Effekt tritt verzögert über Wochen bis Monate ein und kann langfristig (über mehrere Jahre) anhalten.
Vorteile
- additive Therapieoption bei unzureichend kontrollierter Hypertonie
- unabhängig von Medikamentenadhärenz
- minimal-invasives Verfahren mit niedriger Komplikationsrate
Nachteile
- variabler, nicht vorhersagbarer Therapieerfolg
- weiterhin notwendige medikamentöse Therapie in den meisten Fällen
- invasive Prozedur
- begrenzte Langzeitdaten im Vergleich zur Pharmakotherapie
Komplikationen
Die RSD ist insgesamt ein sicheres Verfahren mit niedriger Komplikationsrate:
- vaskuläre Komplikationen an der Punktionsstelle (~0,5 %)
- Nierenarterienstenose (~0,2 % pro Jahr)
- Schmerzen über mehrere Tage (~10–15 %)
- selten: Gefäßdissektion, Pseudoaneurysma (<1 %)
Eine langfristige Verschlechterung der Nierenfunktion wurde in Studien nicht nachgewiesen.
Literatur
- Cluett JL et al. Renal Denervation for the Treatment of Hypertension: A Scientific Statement From the American Heart Association. 2024
- Azizi M et al. Diagnosis and Management of Resistant Hypertension. JAMA. 2026
- Barbato E et al. Renal Denervation in the Management of Hypertension in Adults. Eur Heart J. 2023
- Bhatt DL et al. Long-Term Outcomes After Catheter-Based Renal Artery Denervation. Lancet. 2022
- Bhatt DL et al. A Controlled Trial of Renal Denervation for Resistant Hypertension, N Engl J Med 2014; 370:1393-1401, abgerufen am 17.01.2021
- clinicaltrials.gov SYMPLICITY HTN-3 Renal Denervation in Patients With Uncontrolled Hypertension, abgerufen am 17.01.2021
- clinicaltrials.gov SPYRAL PIVOTAL - SPYRAL HTN-OFF MED Study, abgerufen am 17.01.2021
- Böhm M et al. Efficacy of catheter-based renal denervation in the absence of antihypertensive medications (SPYRAL HTN-OFF MED Pivotal): a multicentre, randomised, sham-controlled trial, The Lancet, Volume 395, ISSUE 10234, P1444-1451, May 02, 2020, abgerufen am 17.01.2021
- clinicaltrials.gov A Study of the ReCor Medical Paradise System in Clinical Hypertension (RADIANCE-HTN), abgerufen am 17.01.2021
- Azizi M et al. Endovascular ultrasound renal denervation to treat hypertension (RADIANCE-HTN SOLO): a multicentre, international, single-blind, randomised, sham-controlled trial, The Lancet, Volume 391, ISSUE 10137, P2335-2345, June 09, 2018, abgerufen am 17.01.2021
- Mahfoud F et al. Catheter-based renal denervation: the next chapter begins, abgerufen am 17.01.2021
Quellen
- ↑ Bhatt DL, Kandzari DE, O'Neill WW, D'Agostino R, Flack JM, Katzen BT, Leon MB, Liu M, Mauri L, Negoita M, Cohen SA, Oparil S, Rocha-Singh K, Townsend RR, Bakris GL; SYMPLICITY HTN-3 Investigators. A controlled trial of renal denervation for resistant hypertension. N Engl J Med. 2014 Apr 10;370(15):1393-401. doi: 10.1056/NEJMoa1402670. Epub 2014 Mar 29. PMID: 24678939.