Orellanin
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LoslegenEnglisch: orellanine
Definition
Orellanin ist ein hochgradig nephrotoxisches Mykotoxin aus Pilzen der Gattung Cortinarius. Chemisch handelt es sich um ein Bipyridin-N-dioxid. Nach Verzehr orellaninhaltiger Pilze verursacht es das Orellanus-Syndrom mit typischerweise stark verzögertem akutem Nierenversagen.
Chemie
Orellanin ist strukturell mit den Bipyridinium-Herbiziden Paraquat und Diquat verwandt, besitzt jedoch einen abweichenden Wirkmechanismus. Die Summenformel lautet C10H8N2O6, die molare Masse beträgt 252,18 g/mol. Die CAS-Nummer ist 37338-80-0.
Eigenschaften
Orellanin ist thermostabil und trocknungsresistent: Kochen, Braten, Trocknen oder Einfrieren zerstören das Gift nicht, sodass die Toxizität orellaninhaltiger Pilze durch küchentechnische Zubereitung unverändert erhalten bleibt.[1] Erst oberhalb von etwa 150 °C sowie unter UV-Licht zersetzt sich das Molekül. Durch photolytische oder reduktive Umsetzung entsteht über die toxische Zwischenstufe Orellinin schließlich das nichttoxische Orellin.
Vorkommen
Orellanin kommt in mehreren Schleierlingen der Untergattung Orellani vor. Die toxikologisch bedeutsamsten Arten sind der Orangefuchsige Raukopf (Cortinarius orellanus), nach dem das Toxin benannt ist, und der Spitzgebuckelte Raukopf (Cortinarius rubellus). Der Gehalt schwankt zwischen Arten und Fundorten.
Toxikologie
Toxikokinetik
Orellanin wird nach oraler Aufnahme enteral resorbiert und reichert sich selektiv in der Nierenrinde an, insbesondere in den Zellen des proximalen Tubulus. Es wird kaum metabolisiert, verbleibt über Wochen im Nierengewebe und ist nach Gewebebindung durch eine Hämodialyse nur unzureichend eliminierbar.[1]
Wirkmechanismus
Die Toxizität ist weitgehend nierenspezifisch. Orellanin führt in den proximalen Tubuluszellen zu einer Tubulusnekrose mit nachfolgender tubulointerstitieller Schädigung und interstitieller Fibrose. Als beteiligte Mechanismen werden die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies und oxidativer Stress sowie eine Hemmung von Proteinsynthese und Enzymen diskutiert. Trotz struktureller Ähnlichkeit zu Paraquat unterscheidet sich der genaue molekulare Ablauf von diesem und ist bislang (2026) nicht abschließend geklärt.[1]
Toxizität
Orellanin zählt zu den giftigsten Mykotoxinen. Bereits kleine aufgenommene Mengen können schwere Nierenschäden verursachen. Im Tierversuch beträgt die LD50 von reinem Orellanin bei der Maus etwa 12,5 mg/kg (intraperitoneal) bzw. 90 mg/kg (peroral).[2]
Klinische Bedeutung
Orellanus-Syndrom
Die Aufnahme orellaninhaltiger Pilze verursacht das Orellanus-Syndrom. Charakteristisch ist eine ungewöhnlich lange Latenzzeit von mehreren Tagen bis zu rund drei Wochen, an deren Ende ein häufig irreversibles akutes Nierenversagen steht. Schwere Verläufe münden in eine dauerhafte Dialysepflicht oder erfordern eine Nierentransplantation.[1]
Nachweis
Der Toxinnachweis erfolgt in Pilzmaterial, Plasma oder Nierengewebe. Etabliert sind:
- Dünnschichtchromatographie mit anschließender Fluorimetrie (Orellanin wird unter UV-Licht in das fluoreszierende Orellin überführt)
- HPLC und Kopplung mit der Massenspektrometrie (LC-MS)
- mykologische Identifikation von Sporen in Speiseresten
Therapie
Ein spezifisches Antidot existiert nicht. Die Behandlung der Vergiftung ist supportiv.[1] Eine primäre Giftelimination mit Aktivkohle ist nur bei sehr früher Vorstellung sinnvoll, wegen der langen Latenz jedoch meist nicht mehr möglich. Im Vordergrund stehen die Behandlung des Nierenversagens und ein rechtzeitiger Beginn einer Nierenersatztherapie. Jeder Verdachtsfall sollte mit einem Giftinformationszentrum abgestimmt werden.
Experimentelle Anwendung
Die selektive Toxizität gegenüber Zellen proximal-tubulären Ursprungs macht Orellanin für die Onkologie interessant, da das klarzellige Nierenzellkarzinom von diesen Zellen ausgeht. Bei dialysepflichtigen Patienten, die nicht mehr auf eine Nierenfunktion angewiesen sind, wird synthetisch hergestelltes Orellanin (Entwicklungsname ONC175) daher als organgerichtete Chemotherapie erprobt. In einer offenen Phase-I/II-Studie (Oncorella-1, NCT05287945) wird ONC175 bei metastasiertem klarzelligem oder papillärem Nierenzellkarzinom nach Ausschöpfung der Standardtherapie untersucht. Die Studie rekrutiert derzeit (2026).[3]
Trivia
Die Nephrotoxizität orellaninhaltiger Schleierlinge wurde 1952 nach einer Massenvergiftung in Konin (Polen) mit 102 Betroffenen und 11 Todesfällen erkannt. Die chemische Struktur des Toxins wurde in den späten 1970er-Jahren durch die polnischen Chemiker Antkowiak und Gessner aufgeklärt.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Dinis-Oliveira et al., Human and experimental toxicology of orellanine, Hum Exp Toxicol, 2016
- ↑ Richard et al., Nephrotoxicity of orellanine, a toxin from the mushroom Cortinarius orellanus, Arch Toxicol, 1988
- ↑ ClinicalTrials.gov. Study of Orellanine in Metastatic Clear-Cell or Papillary Renal Cell Carcinoma (NCT05287945). Oncorena AB.