Cortinarius orellanus
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LoslegenSynonyme: Orangefuchsiger Raukopf, Orangefuchsiger Schleierling, Orangefuchsiger Hautkopf
Englisch: fool's webcap
Definition
Cortinarius orellanus ist ein giftiger und potenziell tödlicher Blätterpilz aus der Familie der Schleierlingsverwandten. Er ist namensgebend für das in ihm enthaltene Nierengift Orellanin und zählt neben dem Spitzgebuckelten Raukopf zu den gefährlichsten Giftpilzen Europas. Nach Verzehr verursacht er das Orellanus-Syndrom mit typischerweise stark verzögertem akutem Nierenversagen.
Taxonomie
- Reich: Pilze
- Abteilung: Basidiomycota
- Klasse: Agaricomycetes
- Ordnung: Agaricales
- Familie: Cortinariaceae
- Gattung: Cortinarius
- Art: Cortinarius orellanus
- Gattung: Cortinarius
- Familie: Cortinariaceae
- Ordnung: Agaricales
- Klasse: Agaricomycetes
- Abteilung: Basidiomycota
Morphologie
Der Fruchtkörper ist klein bis mittelgroß und durch seine warme Färbung sowie den goldgelben Stiel gekennzeichnet:
- Hut: 3–6 (bis 8) cm breit, jung kegelig-glockig, im Alter flach gewölbt und höchstens stumpf bzw. flach gebuckelt (im Gegensatz zum spitzen Buckel von Cortinarius rubellus), matt faserig bis feinschuppig, trocken, satt orange- bis kupfer- oder rostbraun
- Lamellen: breit, entfernt stehend, ausgebuchtet angewachsen, jung ocker- bis rostorange, später zimt- bis rostbraun
- Stiel: bis 10 cm lang, zylindrisch, messing- bis goldgelb, ohne erkennbare Velumspuren (nicht genattert), zur Basis leicht verjüngt oder schwach verdickt
- Fleisch: gelblich, in der Stielbasis rötlich, mit schwach rettichartigem Geruch
Das Sporenpulver ist rostbraun.
Vorkommen
Cortinarius orellanus ist ein Mykorrhizapilz wärmebegünstigter Laubwälder und wächst bevorzugt bei Rotbuche, Eichen, Hasel und Esskastanie auf sauren bis basischen Böden, seltener in Nadelwäldern. Die Fruchtkörper erscheinen von Sommer bis Herbst. Die Art ist in Mitteleuropa vergleichsweise selten und gilt als gefährdet, breitet sich im Zuge der Klimaerwärmung jedoch von Süden her zunehmend nach Norden aus. Von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie wurde sie 2002 zum Pilz des Jahres gewählt.
Verwechslungsgefahr
Die klinische Bedeutung ergibt sich aus Verwechslungen mit anderen Pilzarten:
| Verwechslungspartner | Abgrenzung |
|---|---|
| Pfifferling (Cantharellus cibarius) | echte Leisten statt Lamellen, blasser gelb |
| Hallimasch (Armillaria spp.) | büschelig an Holz, mit Ring, weißes Sporenpulver |
Toxikologie
Der Pilz enthält das hochgradig nephrotoxische Orellanin, ein Bipyridin-N-dioxid. Das Toxin reichert sich selektiv in den Zellen des proximalen Tubulus der Niere an und führt dort zu einer Tubulusnekrose mit nachfolgender tubulointerstitieller Schädigung und interstitieller Fibrose.[1]
siehe Hauptartikel: Orellanin
Klinische Relevanz
Orellanus-Syndrom
Der Verzehr von Cortinarius orellanus verursacht das Orellanus-Syndrom. Kennzeichnend ist eine ungewöhnlich lange Latenzzeit von meist 3–14 Tagen, gelegentlich länger. Auf eine unspezifische Frühphase mit Übelkeit, Erbrechen, starkem Durst sowie Kopf- und Gleiderschmerzen folgt die renale Phase mit Oligurie bis Anurie und einem akuten Nierenversagen, das häufig irreversibel verläuft.[1]
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich primär auf Anamnese (zurückliegende Pilzmahlzeit) und klinischen Verlauf. Ergänzend kommen infrage:
- Nachweis von Sporen in Speiseresten oder Erbrochenem durch mykologische Begutachtung
- Bestimmung von Kreatinin, Harnstoff und Urinstatus zur Verlaufsbeurteilung
- Orellanin-Nachweis in Plasma oder Nierengewebe (Speziallabor)
Therapie
Ein spezifisches Antidot existiert nicht. Die Behandlung ist supportiv.[1][2] Wegen der langen Latenz ist eine primäre Giftelimination meist verspätet. Im Vordergrund stehen die Behandlung des Nierenversagens und ein rechtzeitiger Beginn einer Nierenersatztherapie (Hämodialyse); bei irreversibler Schädigung sind dauerhafte Dialyse oder Nierentransplantation erforderlich. Jeder Verdachtsfall sollte mit einem Giftinformationszentrum abgestimmt werden.
Prognose
Die Prognose ist variabel: Leichte Vergiftungen können ausheilen, während schwere Verläufe in eine terminale Niereninsuffizienz mit Dialysepflicht oder Transplantationsbedarf münden. Todesfälle sind dokumentiert.
Geschichte
Die Nephrotoxizität des Pilzes wurde in den 1950er-Jahren in Polen erkannt, nachdem der Verzehr von Cortinarius orellanus – bis dahin als essbar geltend – eine Massenvergiftung mit über 100 Betroffenen und 11 Todesfällen verursacht hatte.[3] Das verantwortliche Toxin wurde nach dem Artepitheton benannt und begründete die Bezeichnung Orellanus-Syndrom.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Dinis-Oliveira RJ, Soares M, Rocha-Pereira C, Carvalho F. Human and experimental toxicology of orellanine. Hum Exp Toxicol. 2016;35(9):1016-1029.
- ↑ Zilker, T.: Klinische Toxikologie für die Intensivmedizin: Noxen, Symptome, Therapie, Analytik, 2. Auflage. UNI-MED Verlag, Bremen, 2023
- ↑ Schumacher T, Høiland K. Mushroom poisoning caused by species of the genus Cortinarius Fries. Arch Toxicol. 1983;53(2):87-106.