Harnansäuerung
Englisch: urine acidification
Definition
Als Harnansäuerung bezeichnet man die medikamentöse Senkung des Urin-pH-Werts auf < 6. Sie ist das Gegenteil der Harnalkalisierung. Eine therapeutische Harnansäuerung wird heute (2026) nur noch in Einzelfällen eingesetzt und ist keine Standardmaßnahme bei der Metaphylaxe von Nierensteinen.
Indikationen
Urolithiasis
Bei bestimmten Steinarten ist die Präzipitation bei alkalischem pH gesteigert. Andere Steine wiederum (z.B. Harnsäure- und Zystinstein) entstehen jedoch leichter im sauren Milieu, sodass eine vorangehende Steintypisierung obligat ist.
Eine Harnansäuerung kann bei folgenden Urolithen sinnvoll sein:
- Struvitsteine (Infektsteine): Sie entstehen bei Harnwegsinfektion mit ureasebildenden Bakterien.
- Bestimmte Phosphatsteine (Brushit, Carbonat-Apatit): Die pH-Senkung reduziert die Phosphat-Ausfällung.
- Ammoniumuratsteine: Sie entstehen bei chronischer Diarrhö, hoher Proteinzufuhr, seltener bei Infektionen.
Eine spezielle Situation liegt bei Kalziumphosphatsteinen vor: Bei koexistenter Hypozitraturie überwiegt der steinhemmende Effekt durch die Gabe von Kaliumcitrat, obwohl dies den Urin-pH erhöht. Eine Harnansäuerung ist nicht sinnvoll.
Harnwegsinfektion
Bei Harnwegsinfektionen mit ureasebildenden Erregern (z.B. Proteus mirabilis) fördert ein alkalischer Urin-pH (≥7) das Wachstum und die Virulenz. Bei saurem pH ist die Biofilmbildung und metabolische Aktivität dieser Bakterien deutlich reduziert und die Wirksamkeit bestimmter Antibiotika gebessert. Die Ansäuerung kann bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen bei alkalischem Urin erfolgen. Präventionsstudien haben in diesem Fall jedoch widersprüchliche Ergebnisse erzielt, weshalb es hier noch keine etablierte Standardempfehlung gibt (Stand 2026).[1]
Durchführung
Leitlinien für die Harnansäuerung zur Methaphylaxe von Struvit- oder Phosphatsteinen fehlen bisher. Die Dosierung von L-Methionin ist nicht standardisiert, die Anwendung erfolgt meist experimentell.
Im Falle von Ammoniumuratsteinen wird laut Leitlinie eine Rezidivprophylaxe bei einem Urin-pH > 6,5, nach Ausschluss eines Harnwegsinfektes, empfohlen. Ziel ist es den Urin-pH mittels L-Methionin auf 5,8 - 6,2 zu senken.[2]
Acetohydroxamsäure ist eine Alternative, die bisher nur in den USA zur adjuvanten Therapie bei chronischen Harnwegsinfekten durch Urease-spaltende Bakterien zugelassen ist. Die Nutzung von Ureaseinhibitoren ist in Deutschland weiterhin umstritten (2026).
Eine regelmäßige Kontrolle des Urin-pH und Analyse der Steinzusammensetzung ist unerlässlich, um eine Überalkalisierung und die Entstehung anderer Steintypen zu vermeiden.
Kontraindikationen
- Harnsäure- oder Zystinsteine
- fortgeschrittene Niereninsuffizienz
- metabolische Azidose
- schwere Leberinsuffizienz
- Homozysteinurie (bei L-Methionin)
Einzelnachweise
Quellen
- Ogna et al., Signification of distal urinary acidification defects in hypocitraturic patients, 2017
- Hesse et al., Causes of phosphate stone formation and the importance of metaphylaxis by urinary acidification: a review, 1999
- Bach, Harnwegsinfekte und Infektsteinprophylaxe, 2004
- Pearle et al., Medical Management of Kidney Stones: AUA Guideline, 2014