Epilepsiechirurgie
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LoslegenSynonyme: epilepsiechirurgischer Eingriff, Epilepsieoperation
Englisch: epilepsy surgery
Definition
Die Epilepsiechirurgie umfasst neurochirurgische Verfahren zur Behandlung einer pharmakoresistenten Epilepsie. Ziel ist die dauerhafte Anfallsfreiheit oder eine relevante Reduktion der epileptischen Anfälle durch Entfernung, Durchtrennung oder Modulation epileptogener Hirnareale.
Hintergrund
Epilepsiechirurgische Verfahren kommen vor allem bei fokalen Epilepsien in Betracht. Voraussetzung ist, dass eine umschriebene epileptogene Zone mit vertretbarem Risiko behandelt werden kann. Eine pharmakoresistente Epilepsie liegt nach ILAE-Definition vor, wenn zwei adäquat ausgewählte und ausreichend dosierte anfallssupprimierende Medikamente keine anhaltende Anfallsfreiheit erzielen.[1]
Indikationen
Eine epilepsiechirurgische Abklärung ist indiziert bei:
- pharmakoresistenter fokaler Epilepsie
- struktureller Läsion mit plausiblem Bezug zur Anfallssemiologie
- einseitiger Temporallappenepilepsie, insbesondere bei Hippokampussklerose
- fokaler kortikaler Dysplasie
- epileptogenen Tumoren, z.B. Gangliogliom oder dysembryoplastischer neuroepithelialer Tumor
- Kavernomen oder posttraumatischen Narben als epileptogenem Fokus
- schweren kindlichen Epilepsien durch ausgedehnte einseitige Hirnläsionen
Die Indikation wird interdisziplinär im epilepsiechirurgischen Zentrum gestellt; eine Operation ist nur sinnvoll, wenn der erwartete Nutzen das Risiko neurologischer Defizite übersteigt.[2]
Präoperative Diagnostik
Die präoperative Diagnostik dient der Lokalisation der epileptogenen Zone und der Abgrenzung funktionell relevanter Hirnareale. Sie erfolgt durch Neurologen, Neurochirurgen, Neuroradiologen, Neuropsychologen und spezialisierte EEG-Teams.
Zur Basisdiagnostik zählen z.B.:
- ausführliche Anamnese mit Analyse der Anfallssemiologie
- Langzeit-Video-EEG-Monitoring
- hochauflösende Magnetresonanztomographie nach Epilepsieprotokoll
- neuropsychologische Testung
- psychiatrische und psychosoziale Evaluation
Ergänzend können eingesetzt werden:
- Positronenemissionstomographie
- iktale oder interiktale SPECT
- Magnetenzephalographie
- funktionelle Magnetresonanztomographie
- Wada-Test
- invasive Ableitungen, z.B. Stereo-EEG oder subdurale Elektroden
Verfahren
Resektive Verfahren
Bei resektiven Eingriffen wird epileptogenes Hirngewebe entfernt. Sie haben bei klar lokalisierbarer fokaler Epilepsie das höchste kurative Potenzial.
Wichtige Verfahren sind:
- anteriore Temporallappenresektion
- selektive Amygdalohippokampektomie
- Läsionektomie
- fokale kortikale Resektion
- Lobektomie
- multilobäre Resektion
Diskonnektive Verfahren
Diskonnektive Eingriffe unterbrechen epileptogene Netzwerke, ohne zwingend größere Gewebemengen zu entfernen. Sie werden vor allem bei ausgedehnten oder eloquent gelegenen Läsionen eingesetzt.
Beispiele sind:
- funktionelle Hemisphärektomie
- Hemisphärotomie
- Kallosotomie
- multiple subpiale Transsektionen
Ablative Verfahren
Ablative Verfahren zerstören epileptogenes Gewebe minimalinvasiv. Sie kommen insbesondere bei tief gelegenen oder umschriebenen Läsionen in Betracht:
- Laserinterstitielle Thermotherapie (MRT-gesteuerte Laser-Interstitielle Thermoablation, MRgLITT): stereotaktisch platzierte Glasfasersonde appliziert thermische Energie gezielt in epileptogenes Gewebe; besonders etabliert bei mesialer Temporallappenepilepsie
- Radiofrequenzablation
- stereotaktische Radiochirurgie (Gamma Knife, CyberKnife)
Neuromodulative Verfahren
Neuromodulative Verfahren zielen nicht primär auf Heilung, sondern auf Anfallsreduktion. Sie werden eingesetzt, wenn eine Resektion oder Diskonnektion nicht möglich ist.[3]
Zu den zugelassenen Verfahren gehören:
- Vagusnervstimulation (VNS): Stimulation des linken Nervus vagus über ein subkutan implantiertes Schrittmachersystem
- Tiefe Hirnstimulation des anterioren Thalamus (ANT-DBS)
- Responsive Neurostimulation (RNS): Closed-Loop-System mit intrakraniell implantierten Elektroden, das epileptiforme Aktivität erkennt und gezielt gegenstimuliert
Kontraindikationen
Absolute und relative Kontraindikationen ergeben sich aus dem individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnis. Gegen einen resektiven Eingriff sprechen insbesondere:
- nicht lokalisierbare oder multifokale Anfallsursprünge
- hohe Wahrscheinlichkeit schwerer bleibender Defizite
- aktive schwere psychiatrische Erkrankung ohne ausreichende Stabilisierung
- relevante internistische oder anästhesiologische Operationsrisiken
- fehlende Einwilligungsfähigkeit ohne tragfähiges ethisches und rechtliches Konzept
Komplikationen
Mögliche Komplikationen sind:
- Blutung
- Infektion
- Hirnödem
- Liquorfistel
- Hemiparese
- Aphasie
- Gesichtsfeldausfall
- Gedächtnisstörung
- affektive oder neuropsychiatrische Verschlechterung
- persistierende oder wiederkehrende Anfälle
Das Risiko hängt stark von Lokalisation, Verfahren, Alter, Komorbiditäten und präoperativer Funktionsdiagnostik ab.
Prognose
Die Prognose ist am günstigsten bei klarer struktureller Läsion, konkordanter Video-EEG-Diagnostik und vollständiger Resektion der epileptogenen Zone. Bei mesialer Temporallappenepilepsie mit Hippokampussklerose und bei vollständig resezierbaren epileptogenen Läsionen werden Anfallsfreiheitsraten von 60–70 % erreicht.[4][5] Ungünstigere Ergebnisse sind bei extratemporaler Lokalisation, nicht-läsionalem MRT und beidseitigen Foci zu erwarten.
Neuromodulative Verfahren erzielen bei mehr als 50 % der Patienten eine mindestens 50%ige Anfallsreduktion; die Wirksamkeit nimmt im Langzeitverlauf zu, Anfallsfreiheit wird jedoch nur selten erreicht.[6]
Postoperative Ergebnisse werden häufig mit der Engel-Klassifikation oder der ILAE-Outcome-Klassifikation beschrieben. Anfallsfreiheit entspricht dabei nicht zwingend dem sofortigen Absetzen der Medikation; die Reduktion anfallssupprimierender Medikamente erfolgt individuell und meist erst nach längerer stabiler Anfallsfreiheit.
Quellen
- ↑ Kwan P et al. Definition of drug resistant epilepsy: consensus proposal by the ad hoc Task Force of the ILAE Commission on Therapeutic Strategies. Epilepsia. 2010;51(6):1069-1077.
- ↑ AWMF. S2k-Leitlinie: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF-Registernummer 030/041. 2023. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Epilepsien im Erwachsenenalter.
- ↑ Ryvlin P, Rheims S, Hirsch LJ, Sokolov A, Jehi L. Neuromodulation in epilepsy: state-of-the-art approved therapies. Lancet Neurol. 2021;20(12):1038-1047.
- ↑ Wiebe S et al. A randomized, controlled trial of surgery for temporal-lobe epilepsy. N Engl J Med. 2001;345(5):311-318.
- ↑ Rugg-Gunn F, Miserocchi A, McEvoy A. Epilepsy surgery. Pract Neurol. 2019;20(1):4-14.
- ↑ Touma L, Dansereau B, Chan AY et al. Neurostimulation in people with drug-resistant epilepsy: Systematic review and meta-analysis from the ILAE Surgical Therapies Commission. Epilepsia. 2022;63(6):1314-1329.