Heilpflanze
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LoslegenSynonyme: Arzneipflanze, Heilkraut
Englisch: medicinal plant
Definition.
Eine Heilpflanze ist eine Pflanze, deren Bestandteile oder Zubereitungen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe zur Linderung von Krankheiten verwendet werden. Die Wirkung kann auf einzelnen Substanzen oder einem komplexen Stoffgemisch beruhen. Sie hängt unter anderem von den verwendeten Pflanzenteilen, von der Zubereitung und der Dosis ab.
Terminologie
Bei der medizinischen Verwendung von Pflanzen sind mehrere Begriffe voneinander abzugrenzen:
- Arzneipflanze: Pflanze, die Ausgangsmaterial für eine medizinisch verwendete pflanzliche Substanz oder Zubereitung liefert.
- Arzneidroge: meist getrockneter, definierter Pflanzenteil bzw. eine definierte pflanzliche Substanz.
- pflanzliche Zubereitung: durch Verfahren wie Extraktion, Destillation, Pressung oder Fraktionierung aus einer pflanzlichen Droge hergestellte Zubereitung.
- Phytopharmakon: Arzneimittel, dessen wirksame Bestandteile ausschließlich pflanzlichen Ursprungs sind.
Geschichte
Heilpflanzen gehören zu den ältesten therapeutisch verwendeten Mitteln der Medizin. Traditionelle Medizinsysteme verschiedener Kulturen entwickelten umfangreiche Kenntnisse zur Verwendung pflanzlicher Stoffe. Hierzu zählen unter anderem die europäische traditionelle Pflanzenheilkunde, die traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Ayurveda.
Die moderne Pharmakognosie untersucht Arzneidrogen und deren Inhaltsstoffe mit naturwissenschaftlichen Methoden. Zahlreiche pharmakologisch aktive Substanzen wurden ursprünglich aus Pflanzen isoliert oder nach pflanzlichen Naturstoffen weiterentwickelt.
Botanik
Höhere Pflanzen werden in die Monokotyledonen und Eudikotyledonen unterteilt, die nach typischen eindeutigen Merkmalen unterschieden werden können. In beiden Gruppen kommen Heilpflanzen vor.
Die Bestimmung von Pflanzenfamilien erfolgt nach entscheidenden Feldmerkmalen. Zu den bedeutsamsten Familien mit wirksamen Inhaltsstoffen zählen:
- Ericaceae: ledrige Blätter, pentazyklisch; z.B. Echte Bärentraube
- Rosaceae: pentazyklisch isomer, 4 Unterfamilien; z.B. Frauenmantel
- Valerianaceae: gegenständige Blätter, zymose Blütenstände mit unsymmetrischen, meist zwittrigen Blüten; z.B. Baldrian
- Lamiaceae: Lippenblüter, zygomorphe Blüte, Klausenfrucht; z.B. Pfefferminze
- Fabaceae: Schmetterlingsblüte, zygomorph; z.B. Gartenbohne
- Boraginaceae: Klausenfrucht, behaarte Blätter und Stängel; z.B. Beinwell, Lungenkraut
- Liliaceae: parallelnervige Blätter, typische Merkmale der Monokotylen
- Asteraceae: Blütenstand besteht aus einem Korb kleinerer Einzelblüten, die eine große Blüte imitieren; die Gesamtheit der Blüten eines Korbes ist eine Blume (Pseudanthium); z.B. Ringelblume, Mariendistel, Kamille
Verarbeitung
Typischerweise umfasst der Herstellungsprozess mehrere Verarbeitungsschritte:
- botanische Identifizierung und Kultivierung bzw. Sammlung
- Auswahl des verwendeten Pflanzenteils
- Ernte und Aufbereitung
- Trocknung bzw. Gewinnung der Arzneidroge
- Herstellung einer pflanzlichen Zubereitung, z.B. eines Extrakts
- Qualitätsprüfung und ggf. Standardisierung
- Herstellung einer geeigneten Darreichungsform
Verwendete Pflanzenteile
Je nach Heilpflanze können unterschiedliche Pflanzenteile als Arzneidroge verwendet werden.
| Lateinische Bezeichnung | Pflanzenteil | Beispiel |
|---|---|---|
| Flos | Blüte | Kamillenblüten |
| Folium | Blatt | Pfefferminzenblätter |
| Herba | Kraut bzw. oberirdische Pflanzenteile | Thymiankraut |
| Fructus | Frucht | Fenchelfrüchte |
| Semen | Samen | Flohsamen |
| Radix | Wurzel | Baldrianwurzel, Süßholzwurzel |
| Rhizoma | Rhizom | Ingwerrhizom |
| Cortex | Rinde | Zimtrinde |
Bei einer Pflanze können verschiedene Pflanzenteile deutlich unterschiedliche Inhaltsstoffprofile besitzen. Daher ist die verwendete Droge für die medizinische und pharmakologische Einordnung von zentraler Bedeutung.
Inhaltsstoffe
Heilpflanzen enthalten eine Vielzahl pharmakologisch aktiver Inhaltsstoffe. Häufig ist nicht ein einzelner Wirkstoff für die Wirkung verantwortlich, sondern ein komplexes Vielstoffgemisch.
Wichtige Inhaltsstoffgruppen sind:
- Terpene und Terpenoide, darunter ätherische Öle
- Phenole und Polyphenole, darunter Flavonoide und Gerbstoffe
- Glykoside, darunter Herzglykoside, Saponine und Anthranoide
- Alkaloide
- Cumarine
- Polysaccharide, u.a. Schleimstoffe
Sammelbegriffe wie Bitterstoffe oder Scharfstoffe sind sensorisch, nicht chemisch definiert und fassen Substanzen unterschiedlicher Herkunft zusammen.
Leitsubstanzen
Einzelne Inhaltsstoffe dienen als Leitsubstanzen zur Charakterisierung bzw. Standardisierung einer pflanzlichen Zubereitung, etwa Hypericin und Hyperforin beim Johanniskraut, Silymarin bei der Mariendistel oder Sennoside bei Sennesblättern. Leitsubstanzen müssen nicht zwingend allein für die klinische Wirkung verantwortlich sein.
Isolierte Wirkstoffe pflanzlichen Ursprungs
Aus einigen Heilpflanzen wurden Reinstoffe isoliert, die als Monosubstanz zum Arzneistoff wurden:
- Alkaloide:
- Colchicin aus der Herbstzeitlose
- Morphin aus dem Schlafmohn
- Atropin aus der Tollkirsche
- Terpene und Terpenoide:
- Paclitaxel aus der Eibe
- Herzglykoside: Digitoxin und Digoxin aus Digitalis
Darreichungsformen
Heilpflanzen bzw. pflanzliche Drogen werden in unterschiedlichen Formen angewendet, beispielsweise als:
- Tee bzw. Infus
- Dekokt
- Tinktur
- Flüssigextrakt
- Trockenextrakt
- ätherisches Öl
- Kapsel
- Tablette
- Tropfen
- Salbe oder Creme
- Gel
Medizinische Anwendungsgebiete
Heilpflanzen werden in verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt. Die Evidenz für ihre Wirksamkeit unterscheidet sich dabei erheblich zwischen einzelnen Pflanzen und Zubereitungen.
Gastrointestinale Beschwerden
Zu häufig verwendeten Heilpflanzen im Bereich des Gastrointestinaltrakts zählen beispielsweise:
Kamillenblüten und Pfefferminzöl werden aufgrund spasmolytischer Eigenschaften eingesetzt. Flohsamen und Flohsamenschalen wirken durch ihren hohen Gehalts an quellfähigen Schleimstoffen stuhlregulierend.
Für die Kombination aus Myrrhe, Kamillenblütenextrakt und Kaffeekohle liegen klinische Untersuchungen unter anderem bei Colitis ulcerosa vor.[1] Die Kombination wurde in die deutsche S3-Leitlinie Colitis ulcerosa als komplementäre remissionserhaltende Option aufgenommen.[2] Die Ergebnisse einzelner Kombinationspräparate können jedoch nicht ohne Weiteres auf die einzelnen Heilpflanzen oder andere Zubereitungen übertragen werden.
Atemwege
Traditionell bzw. phytotherapeutisch verwendete Heilpflanzen bei Erkrankungen der Atemwege sind unter anderem:
- Thymian
- Efeu
- Primel
- Eibisch
- Spitzwegerich
Je nach Zubereitung stehen sekretolytische, expektorierende, reizlindernde oder spasmolytische Eigenschaften im Vordergrund.
Schlaf, Unruhe und psychische Beschwerden
Hierzu zählen insbesondere:
- Baldrian
- Passionsblume
- Lavendel
- Hopfen
- Johanniskraut
Haut und Bewegungsapparat
Beispiele sind:
Leber, Galle und Stoffwechsel
Zu den hier verwendeten Pflanzen zählen beispielsweise:
- Mariendistel
- Artischocke
- Löwenzahn
- Ingwer
- Kurkuma
Bei diesen Pflanzen muss zwischen traditioneller Verwendung, experimentellen pharmakologischen Befunden und klinisch belegten Wirkungen unterschieden werden.
Herz und Kreislauf
Beispiele sind:
- Weißdorn
- Ginkgo
- Knoblauch
- Digitalis
- Strophanthus
Knoblauch enthält schwefelhaltige Verbindungen wie Allicin, denen unter anderem antihypertensive und lipidsenkende Effekte zugeschrieben werden. Klinisch relevant ist zudem eine thrombozytenaggregationshemmende Wirkung: Bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern sowie perioperativ kann dies das Blutungsrisiko erhöhen.[3]
Arten der Gattung Digitalis (Fingerhut) enthalten herzwirksame Glykoside wie Digoxin und Digitoxin, die historisch zur Behandlung der Herzinsuffizienz und bestimmter tachykarder Rhythmusstörungen eingesetzt wurden. Aufgrund der geringen therapeutischen Breite und relevanter Toxizität ist die Selbstmedikation mit Digitalis-haltigen Zubereitungen nicht angezeigt.
Arten der Gattung Strophanthus enthalten potente Herzglykoside. Aus Strophanthus gratus wurde beispielsweise Ouabain (g-Strophanthin) gewonnen. Strophanthus-Glykoside wurden historisch als Kardiotonika eingesetzt und hemmen wie andere Herzglykoside die Natrium-Kalium-ATPase. Aufgrund der geringen therapeutischen Breite und möglicher kardialer Nebenwirkungen besitzen Strophanthus-Glykoside heute keine therapeutische Bedeutung mehr.[4]
Für bestimmte standardisierte Ginkgo-Zubereitungen existiert eine europäische Pflanzenmonografie. Die Bewertung gilt dabei für die darin definierten Zubereitungen und darf nicht pauschal auf beliebige Ginkgo-Produkte übertragen werden.[5]
Traditionelle asiatische Heilpflanzen
Einige heute international verwendete Heilpflanzen entstammen unter anderem der traditionellen chinesischen bzw. asiatischen Medizin, beispielsweise:
- Ginseng (Panax ginseng)
- Ingwer (Zingiber officinale)
- Kurkuma (Curcuma longa)
- Astragalus (Astragalus membranaceus)
- Ginkgo (Ginkgo biloba)
- Süßholz (Glycyrrhiza spp.)
Für Ginseng existiert beispielsweise eine EU-Monografie des Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) für Ginsengwurzel. Die dort bewertete traditionelle medizinische Anwendung bezieht sich auf Symptome von Asthenie wie Müdigkeit und Schwäche.[6]
Weitere populäre Pflanzen
Moringa (Moringa oleifera) wird traditionell als Nahrungs- und Nutzpflanze sowie in verschiedenen Medizinsystemen verwendet. Untersucht werden unter anderem mögliche Effekte auf Stoffwechselparameter.
Die klinische Evidenz ist jedoch für viele postulierte therapeutische Anwendungen bislang begrenzt. Ergebnisse präklinischer oder kleiner klinischer Studien können nicht ohne Weiteres als Nachweis einer gesicherten therapeutischen Wirksamkeit interpretiert werden.
Evidenz
Die wissenschaftliche Evidenz zu Heilpflanzen ist heterogen. Sie reicht von gut untersuchten standardisierten Extrakten bis zu traditionell verwendeten Pflanzen mit begrenzten klinischen Daten.
Bei der Bewertung ist insbesondere zu unterscheiden zwischen:
- pharmakologischen in-vitro-Befunden
- tierexperimentellen Untersuchungen
- traditioneller medizinischer Verwendung
- Beobachtungsstudien
- randomisierten klinischen Studien
- systematischen Reviews und Metaanalysen
- regulatorisch bewerteten pflanzlichen Zubereitungen
Experimentelle Wirkmechanismen allein belegen keine klinische Wirksamkeit.
Regulatorische Einordnung
Der HMPC der EMA erstellt europäische Monografien für pflanzliche Substanzen und Zubereitungen. Dabei wird unter anderem zwischen zwei Formen der medizinischen Verwendung unterschieden:
| Einordnung | Grundlage |
|---|---|
| Well-established use | ausreichende wissenschaftliche Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit einer definierten pflanzlichen Zubereitung |
| Traditional use | langjährige medizinische Verwendung, ausreichende Sicherheitsdaten und aufgrund der langjährigen Anwendung plausible Wirksamkeit |
Eine Einstufung als traditionelle Anwendung bedeutet daher nicht, dass für die betreffende Indikation dieselbe klinische Evidenz wie bei einem well-established use vorliegt.[7]
Die EU-Pflanzenmonografien enthalten unter anderem Angaben zu Anwendung, Zielgruppen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Interaktionen. Sie sind von den Monografien des Europäischen Arzneibuchs zu unterscheiden, die primär Qualitätsanforderungen definieren.[8]
Nebenwirkungen und Risiken
Mögliche Nebenwirkungen bei der Verwendung von Heilpflanzen umfassen:
- allergische Reaktionen
- gastrointestinale Beschwerden
- hepatotoxische oder nephrotoxische Wirkungen einzelner Inhaltsstoffe
- Beeinflussung von Elektrolyten und Blutdruck
- Beeinflussung der Blutgerinnung
- zentralnervöse Effekte
- kardiale Toxizität
- Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
- variable Wirkstoffgehalte durch nicht standardisierte Produkte
Nachfolgend sind für einige Beispiele konkrete Nebenwirkungen aufgelistet.
Beispiel Süßholz
Glycyrrhizin bzw. seine Metaboliten können die 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase 2 hemmen und dadurch einen Pseudohyperaldosteronismus verursachen.
Mögliche Folgen sind:
- Arterielle Hypertonie
- Hypokaliämie
- Natrium- und Wasserretention
- Suppression von Renin und Aldosteron
- in ausgeprägten Fällen Herzrhythmusstörungen
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zeigte bei chronischer Glycyrrhizinsäure-Aufnahme einen dosisabhängigen Blutdruckanstieg und eine Abnahme der Kaliumkonzentration.[9]
Beispiel Johanniskraut
Johanniskraut kann den Metabolismus verschiedener Arzneimittel beschleunigen und dadurch deren Wirksamkeit vermindern.
Beispiel Strophanthus
Die in Strophanthus-Arten vorkommenden Herzglykoside wirken über eine Hemmung der Natrium-Kalium-ATPase. Eine Überdosierung kann unter anderem zu Bradykardie, Herzrhythmusstörungen, gastrointestinalen und neurologischen Symptomen führen.
Abgrenzung
Pflanzliche Inhaltsstoffe können auch Bestandteil von Nahrungsergänzungsmitteln, Lebensmitteln oder Kosmetika sein. Für diese Produktgruppen gelten andere regulatorische Anforderungen als für zugelassene bzw. registrierte Arzneimittel.
Weblinks
- PlantaMedia. Internetdatenbank und Online-Enzyklopädie der Nutz-, Gewürz- und Arzneipflanzen
- European Medicines Agency: Herbal medicinal products
- EMA: European Union herbal monographs and list entries
- WHO: Monographs on selected medicinal plants
Quellen
- ↑ Langhorst et al., Randomised clinical trial: a herbal preparation of myrrh, chamomile and coffee charcoal compared with mesalazine in maintaining remission in ulcerative colitis--a double-blind, double-dummy study, Aliment Pharmacol Ther, 2013
- ↑ S3-Leitlinie Colitis ulcerosa, abgerufen am 31.08.2026
- ↑ Wang et al., Commonly Used Dietary Supplements on Coagulation Function during Surgery, Medicines (Basel), 2015
- ↑ Orhan et al., Adonis sp., Convallaria sp., Strophanthus sp., Thevetia sp., and Leonurus sp. - Cardiotonic Plants with Known Traditional Use and a Few Preclinical and Clinical Studies, Curr Pharm Des, 2017
- ↑ Ginkgo folium, abgerufen am 31.08.2026
- ↑ Ginseng radix, abgerufen am 31.08.2026
- ↑ European Union monographs and list entries, abgerufen am 31.08.2026
- ↑ Herbal medicinal products, abgerufen am 31.08.2026
- ↑ Penninkilampi et al., The association between consistent licorice ingestion, hypertension and hypokalaemia: a systematic review and meta-analysis, J Hum Hypertens, 2017