Propofol-Infusionssyndrom
Akronym: PRIS
Definition
Das Propofol-Infusionssyndrom, kurz PRIS, ist eine schwerwiegende Stoffwechselentgleisung, die bei einer Langzeitgabe von Propofol auftreten kann. Kennzeichen des PRIS sind eine metabolische Azidose, eine Rhabdomyolyse und Störungen der Hämodynamik. Das PRIS ist eine lebensbedrohliche Komplikation einer Narkose bzw. Sedierung mit Propofol.
Epidemiologie
Das PRIS tritt insgesamt mit einer relativ geringen Inzidenz auf. Aufgrund heterogener Falldefinitionen existieren bisher (2026) keine eindeutigen epidemiologischen Daten. Bei Intensivpatienten, die mindestens 24 Stunden lang Propofol zur Sedierung erhalten haben, wurde eine Inzidenz von etwa 1 % berichtet. Die Letalität ist hoch und beträgt in einigen Fallstudien bis zu 85 %.[1] Besonders gefährdet sind Kinder und Patienten, die sehr hohe Dosierungen von Propofol erhalten. Als klinisch relevante Risikokonstellation gelten insbesondere Dosierungen >4 mg/kgKG/h über >48 Stunden, wobei das PRIS auch bei niedrigeren Dosen und kürzerer Dauer auftreten kann.[2]
Pathogenese
Die genaue Pathogenese des PRIS ist bisher (2026) noch nicht eindeutig erforscht. Man nimmt an, dass eine gestörte mitochondriale Fettsäureoxidation sowie eine Beeinträchtigung der mitochondrialen Atmungskette mit konsekutiver Entkoppelung der Atmungskette die Ursache ist. Unklar ist, ob Propofol selbst oder ein Metabolit das Syndrom auslöst. Hochdosierte, langfristige (> 5 Stunden) und wiederholte Infusionen begünstigen die Entwicklung eines PRIS. Zusätzliche Risikofaktoren sind kritische Erkrankungen, Katecholamin- und Glukokortikoidtherapie sowie ein gesteigerter Lipidmetabolismus bzw. Kohlenhydratmangel.
Symptome
Im Rahmen eines PRIS kommt es in der Regel zu einer Herzinsuffizienz mit Herzrhythmusstörungen und einer metabolischen Azidose (Laktatazidose). Im EKG können atrioventrikuläre Blockaden und eine gestörte ventrikuläre Erregungsausbreitung auftreten, die an ein Brugada-Syndrom erinnert. Ausgeprägte Bradykardien können zur Asystolie führen.
Bei vielen Patienten lässt sich darüber hinaus noch die Entstehung einer Rhabdomyolyse und eines akuten Nierenversagens beobachten. Die Rhabdomyolyse zeigt sich durch einen Anstieg der Kreatinkinase und des Myoglobins im Serum. Vermutlich induziert das erhöhte Myoglobin auch die Nierenschädigung.
Zusätzlich können eine Hypertriglyzeridämie, Hyperkaliämie sowie Leberfunktionsstörungen auftreten. Die Diagnose erfolgt klinisch-syndromal, ein spezifischer Marker existiert nicht.
Therapie
Bei Verdacht auf ein PRIS wird die weitere Gabe von Propofol sofort ausgesetzt. Die Sedierung kann mit einem anderen Sedativum fortgeführt werden. Ist das Auftreten eines PRIS anamnestisch bekannt, muss auf Propofol verzichtet werden.
In der Regel verbessert sich der Zustand des Patienten nach Abbruch der Propofolgabe. Patienten mit einem PRIS bzw. Zustand nach PRIS benötigen eine intensivmedizinische Betreuung. Im Vordergrund steht die symptomatische Behandlung des Patienten mit ausreichender Volumengabe und Behandlung der metabolischen Azidose. Bei insuffizienter Hämodynamik erfolgt eine Katecholamintherapie.
Zudem wird meist eine Nierenersatztherapie empfohlen. Obwohl Hämodialyse bzw. Hämofiltration Propofol selbst aufgrund seiner hohen Lipophilie und Proteinbindung nicht effektiv eliminieren, können sie zur Behandlung der metabolischen Azidose, Hyperkaliämie und des akuten Nierenversagens eingesetzt werden. Einige Autoren empfehlen den frühzeitigen Einsatz einer kontinuierlichen Hämofiltration auch vor Auftreten einer manifesten Niereninsuffizienz.[3] Bei therapierefraktärem kardiovaskulärem Versagen kann der Einsatz von ECMO/ECLS erwogen werden.
Quellen
- ↑ Wappler, Frank: Das Propofol-Infusionssyndrom: Klinik, Pathophysiologie und Therapie einer seltenen Komplikation. Dtsch Arztebl 2006; 103(11)
- ↑ BÄK: Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: Propofolinfusionssyndrom – Empfehlungen für eine erhöhte Sicherheit, Dt. Ärzteblatt, 2017
- ↑ Hemphill et al.: Propofol infusion syndrome: a structured literature review and analysis of published case reports. Br J Anaesth, 2019