Heidelberger Hitzetabelle
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LoslegenEnglisch: Heidelberg heat table
Definition
Die Heidelberger Hitzetabelle ist ein von der Abteilung für Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Universitätsklinikums Heidelberg entwickeltes Arbeitsinstrument zur Einschätzung und Reduktion arzneimittelbezogener Risiken während Hitzeperioden.[1] Erstveröffentlicht wurde sie 2019/2020 von Walter E. Haefeli und David Czock; die aktuelle Version (Stand 2026) wird von David Czock, Kathrin Ebinger und Julia C. Stingl gepflegt.[2]
Hintergrund
Hohe Umgebungstemperaturen können die Wirksamkeit und Sicherheit einer Arzneimitteltherapie über mehrere Mechanismen beeinflussen, unter anderem über thermoregulatorische Kreislauf- und hormonelle Anpassungsreaktionen sowie über pharmakokinetische Veränderungen der Absorption, Verteilung, Metabolisierung und Exkretion. Manche Arzneimittel können diese physiologischen Anpassungsmechanismen zusätzlich stören und dadurch das Risiko hitzebedingter Gesundheitsstörungen erhöhen. Besonders gefährdet sind ältere und multimorbide Patienten mit eingeschränkter Thermoregulation, insbesondere Pflegeheimbewohner sowie Personen mit Herz- oder Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, ausgeprägtem Übergewicht, eingeschränkter Mobilität, Demenz oder neuromuskulären bzw. psychiatrischen Erkrankungen.
Die Empfehlungen beruhen auf einer heterogenen Evidenzbasis, darunter pharmakologische Überlegungen, Beobachtungsdaten, experimentelle Untersuchungen und Fallberichte. Für viele konkrete Medikationsanpassungen während Hitzewellen ist der klinische Nutzen bislang nicht durch hochwertige interventionelle Studien belegt; einzelne Zusammenhänge werden von den Autoren selbst ausdrücklich als unklar bzw. umstritten gekennzeichnet.[3]
Aufbau und Inhalt
Die Tabelle listet verschiedene Arzneimittelklassen auf, die die Wärmeregulation und den Volumenstatus des Körpers beeinflussen können, und nennt mögliche Maßnahmen zur Risikominimierung bei hohen Temperaturen. Zu den erfassten Substanzgruppen zählen unter anderem:
- Diuretika
- Sedativa
- Betablocker
- ACE-Hemmer und AT1-Rezeptor-Antagonisten
- Parasympatholytika (z.B. Atropin, Bornaprin, Scopolamin)
- Antipsychotika (z.B. Haloperidol, Olanzapin, Quetiapin)
- Opioide als transdermale therapeutische Systeme (Pflaster)
- SSRI, SNRI (insb. in Kombination mit Lithium)
- zentrale α2-Agonisten (z.B. Clonidin)
- subkutan applizierte Arzneimittel (z.B. schnell wirksames Insulin)
- überwiegend renal eliminierte Arzneimittel (Q0-Wert < 0,3)
Die vollständige, regelmäßig aktualisierte Tabelle mit allen Substanzgruppen ist unter dosing.de frei verfügbar.[2]
Als mögliche hitzebedingte Risiken werden je nach Substanzgruppe unter anderem genannt:
- verminderte Schweißproduktion und gestörte Thermoregulation
- Einfluss auf die kutane Vasodilatation und damit möglicherweise die Wärmeabgabe
- Einfluss auf die zentrale Temperaturregulation
- vermindertes Durstgefühl mit erhöhtem Dehydratationsrisiko (in der Tabelle selbst als unklar/umstritten gekennzeichnet)
- Risiko für Hyponatriämie und akute Nierenschädigung
- Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Vigilanz[2]
Anwendung
Die Tabelle wird insbesondere im hausärztlichen und apothekerlichen Bereich bei Medikationsanalysen im Frühjahr und Sommer herangezogen, um hitzesensible Arzneimitteltherapien zu überprüfen und gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zur Risikominimierung zu erwägen (z.B. engmaschiges Monitoring, Dosisanpassung oder Wirkstoffwechsel).
Eine eigenmächtige Beendigung oder Dosisreduktion der genannten Arzneimittel durch Patienten ohne ärztliche Rücksprache wird nicht empfohlen und kann je nach Substanz mit erheblichen eigenen Risiken verbunden sein. Bei zentralen α2-Agonisten wie Clonidin wird explizit vor einem abrupten Absetzen gewarnt und stattdessen ein Ausschleichen empfohlen.[2]
Die 2020 veröffentlichte AWMF-S1-Handlungsempfehlung „Hitzebedingte Gesundheitsstörungen in der hausärztlichen Praxis" thematisiert ebenfalls Medikamentenrisiken bei Hitze.[4]
Die CALOR-Liste des vom Innovationsfonds geförderten ADAPT-HEAT-Projekts wurde am 29.06.2026 als evidenz- und konsensbasierter Ansatz zur hitzesensiblen Arzneimitteltherapie veröffentlicht; das Gesamtprojekt läuft bis Dezember 2026 weiter (u.a. Entwicklung einer digitalen Fassung und laienverständlicher Materialien).[5][6]
Quellen
- ↑ Haefeli WE, Czock D. Heidelberger Hitze-Tabelle: Arzneistoffe mit potenziellem Einfluss auf die Temperaturregulation und den Volumenstatus in Hitzewellen. Universitätsklinikum Heidelberg. 25.07.2019.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Czock D, Ebinger K, Stingl JC. Arzneistoffe mit potenziellen Risiken in Hitzewellen. Universitätsklinikum Heidelberg, Innere Medizin IX – Abteilung für Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie. Stand: 07.07.2026.
- ↑ Czock D, Haefeli WE. Medikamente und die Nebenwirkungen des Klimawandels. In: Nikendei C, Bugaj TJ, Cranz A, Herrmann A, Tabatabai J, Nikendei F (Hrsg.) Heidelberger Standards der Klimamedizin. Heidelberg: HeiCuMed; 2023, S. 86–92.
- ↑ AWMF-Leitlinie, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ CALOR-Liste: Empfehlungen zur Arzneimittelsicherheit bei Hitze, abgerufen am 17.08.2026
- ↑ Bunz et al., The ADAPT-HEAT Study: A Multi-Method Approach to Develop Recommendations for Drug Safety During Hot Weather (The CALOR List)-Study Protocol, Methods Protoc, 2026
Literatur
- Czock D, Ebinger K, Stingl JC. Arzneistoffe mit potenziellen Risiken in Hitzewellen. Universitätsklinikum Heidelberg, Innere Medizin IX – Abteilung für Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie. Stand: 07.07.2026. Online: PDF