Hydroxyethylstärke
Handelsnamen: Voluven®, Volulyte®
Synonyme: HES, HAES
Definition
Hydroxyethylstärke ist ein polymerer Arzneistoff, der als Volumenersatzmittel bzw. Plasmaexpander eingesetzt wird.
Chemie
HES wird aus Wachsmaisstärke oder aus Kartoffelstärke hergestellt. Es besteht aus Amylopektin, einem Glukose-Polymer. Die Glukoseeinheiten sind teilweise hydroxyethyliert, um eine Wasserlöslichkeit der Makromoleküle zu erreichen und den Abbau durch die körpereigene Amylase zu verhindern.
HES der ersten Generation besaß eine durchschnittliche Molekülgröße von 450 kDa. Der Substitutionsgrad betrug 0,7. Bei HES der zweiten Generation reduzierte sich die Molekülgröße auf 200 kDa bei einem Substitutionsgrad von 0,5. Diese Werte wurden bei den heute (2026) eingesetzten HES der dritten Generation weiter auf 130 kDa und 0,4 reduziert.
Wirkmechanismus
Die pharmakologische Wirkung von Hydroxyethylstärke basiert auf dem Prinzip der Kolloidosmose. Hydroxyethylstärke verleiht der Infusionslösung - analog dem körpereigenen Albumin - einen bestimmten onkotischen Druck, der Flüssigkeit bindet. Dadurch wird verhindert, dass die infundierte Flüssigkeit in den Extravasalraum verlagert wird. Das Blutvolumen vergrößert sich, während der Anteil an zellulären Bestandteilen des Blutes (Hämatokrit) sinkt. Hyperonkotische HES-Lösungen sind zusätzlich in der Lage, extravasale Flüssigkeit entlang des Konzentrationsgefälles in die Blutbahn übertreten zu lassen.
Indikation
Hydroxyethylstärke ist ein kolloidaler Volumenersatz. Er wird wie Dextran- und Gelatine-Lösungen zum Ausgleich eines intravaskulären Volumenmangels eingesetzt, um das Blutvolumen, etwa bei hohen Blutverlusten zu erhöhen. Der Wirkstoff ist zugelassen zur Behandlung einer Hypovolämie bei akutem Blutverlust, wenn Kristalloide alleine als nicht ausreichend erachtet werden. Die Anwendung sollte 24 Stunden nicht überschreiten.
Anwendung
Die Gabe von Hydroxyethylstärke erfolgt intravenös über einen großlumigen venösen Zugang in mehreren Dosen bis zu insgesamt 1.000–1.500 ml und mehr. Zum schnellen Volumenausgleich im Notfall kann die Gabe per Druckinfusion erfolgen. Bei einem Mangel an interstitieller Flüssigkeit muss zusätzlich zu HES eine Vollelektrolytlösung gegeben werden, um den gesamten Flüssigkeitsmangel auszugleichen.
Nebenwirkungen
- Pruritus
- Nierenschäden
- akute Nierenschädigung bis hin zur Dialysepflicht
- erhöhte Mortalität bei kritisch kranken Patienten (z.B. Sepsis)
- Gerinnungsstörungen mit erhöhter Blutungsneigung
- anaphylaktoide Reaktionen
Kontraindikationen
- Sepsis
- Verbrennungen
- Nierenfunktionsstörung oder Nierenersatztherapie
- Intrakranielle oder zerebrale Blutung
- Kritisch kranke Patienten (Patienten, die auf die Intensivstation aufgenommen werden müssen)
- Hyperhydratation
- Lungenödem
- schwere Hyperkaliämie, Hypernatriämie oder Hyperchlorämie
- schwere Leberfunktionsstörungen
- dekompensierte Herzinsuffizienz
- schwere Gerinnungsstörung
- organtransplantierte Patienten
Zulassungsbeschränkung
Neuere Studien zeigen, dass HES bei bestimmten Indikationen (Sepsis) zu einer erhöhten Inzidenz von Nierenschäden und zu einer erhöhten Mortalität führt.[1] Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) fällte daher im Oktober 2013 folgende Entscheidung:
HES darf nicht weiter angewendet werden bei Patienten mit:[2]
- erhöhtem Risiko für Nierenfunktionsstörungen oder bereits bestehender Nierenerkrankungen
- schweren Verbrennungen
- einer bestehenden Sepsis
- kritischer Erkrankung
Weiterhin zugelassen ist HES bei Patienten mit akutem Blutverlust (hypovolämischer Zustand), wobei die Anwendung 24 Stunden nicht überschreiten darf. Weiterhin muss im Anschluss an die Behandlung mit HES für 90 Tage die Nierenfunktion der Patienten engmaschig überwacht werden, um evtl. Folgeschäden zu vermeiden.
Aufgrund fortbestehender Sicherheitsbedenken und wiederholter Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikationen wurden die Zulassungen für HES-haltige Infusionslösungen in der Europäischen Union in den Folgejahren weiter eingeschränkt bzw. suspendiert. In Deutschland müssen Heilberufler über ein Zertifikat verfügen, um die Infusionslösung verabreichen zu dürfen.
Quellen
- ↑ Perner, A. et al. N Engl J Med 2012; 367:124-134July 12, 2012 1
- ↑ Rote-Hand-Brief Hydroxyethylstärke, zuletzt abgerufen am 13.02.2026