Alveolaris-Block
Synonyme: Nervus-alveolaris-inferior-Block, Leitungsanästhesie des Nervus alveolaris Inferior
Englisch: inferior alveolar nerve block
Definition
Der Alveolaris-Block, kurz IANB, ist die häufigste Form der Leitungsanästhesie in der Zahnmedizin. Dabei wird ein Lokalanästhetikum in die Nähe des Foramen mandibulae injiziert, um den Nervus alveolaris inferior und häufig auch den benachbarten Nervus lingualis zu blockieren.
Anatomische Grundlagen
Der Nervus mandibularis, der dritte Ast des Nervus trigeminus, führt sowohl sensible als auch motorische Fasern. Aus dem hinteren Ast gehen u.a. der Nervus lingualis und der Nervus alveolaris inferior hervor. Letzterer gibt kurz vor dem Eintritt in den Mandibularkanal den Ramus mylohyoideus ab, der motorische Fasern führt. Im Kanal verläuft der Nervus alveolaris inferior sensorisch und setzt sich distal als Nervus mentalis fort.
Indikation
Indikationen für einen IANB sind zahnärztliche oder kieferchirurgische Eingriffe im Unterkiefer, u.a.:
- Kariesbehandlung
- Zahnextraktion
- Revision einer Alveolitis sicca
- Odontogene Abszesse
- Parodontalchirurgie
- Mandibulafraktur (bei einfacher, nicht dislozierter Fraktur)
Darüber hinaus kann eine IANB bei versorgungsbedürftigen Weichteilverletzungen von Schleimhaut, Lippe oder Zunge notwendig sein.
Kontraindikationen
- Allergie gegen Lokalanästhetika
- Akute Infektion im Injektionsgebiet
- Schwere Gerinnungsstörungen
- Mangelnde Kooperation oder Unfähigkeit zur Mundöffnung (z.B. Trismus)
Durchführung
Das Ziel der Injektion ist es, das Lokalanästhetikum in unmittelbarer Nähe des Nervus alveolaris inferior vor dessen Eintritt in das Foramen mandibulae zu platzieren. Die Orientierung erfolgt anhand klinischer Landmarken, insbesondere der Coronoidkerbe und der Raphe pterygomandibularis. Der Einstichpunkt liegt auf einer gedachten Linie zwischen diesen Strukturen, etwa ein Viertel der Strecke von der Raphe ausgehend.
Die Nadel wird leicht oberhalb der Okklusionsebene mit einer sagittalen Neigung von circa 45° eingeführt, wobei sich die Richtung an den kontralateralen Prämolaren orientiert. Der Vorschub der Nadel erfolgt gewebeschonend bis zum Knochenkontakt, typischerweise in einer Tiefe von 19 bis 25 mm. Eine Aspiration vor der Injektion ist obligat, um eine intravasale Applikation zu vermeiden. Bei positiver Aspiration muss die Nadel repositioniert werden. Die Injektion erfolgt langsam, meist unter Verwendung eines Lokalanästhetikums in Kombination mit einem Vasokonstriktor (z. B. Adrenalin).
Versorgungsgebiet
Die Blockade des Nervus alveolaris inferior und des Nervus lingualis führt zur ipsilateralen Anästhesie folgender Strukturen:
- Alle Zähne der Mandibula
- Corpus mandibulae und unterer Ramus
- Unterlippe und Kinn (Mentum)
- Linguale (und teils labiale) Gingiva der Mandibula
- Mundboden/Diaphragma oris
- vordere zwei Drittel der Zunge
Der Nervus buccalis (Versorgung der bukkalen Gingiva der Molaren) muss separat blockiert werden.
Bei Eingriffen an den Unterkiefer-Frontzähnen reicht eine einseitige IANB häufig nicht aus, da die Zähne über den Nervus incisivus der Gegenseite kreuzinnerviert werden. In diesen Fällen kann eine zusätzliche Infiltrationsanästhesie von vestibulär notwendig sein.
Erfolgsrate
Die Erfolgsrate der konventionellen IANB-Technik liegt bei etwa 75–85 %. Mögliche Ursachen für Misserfolg sind u.a.:
- Anatomische Variationen des Foramen mandibulae
- Fehlplatzierung des Anästhetikums
- Entzündungsbedingte pH-Veränderungen im Gewebe
Maßnahmen zur Erfolgssteigerung sind u.a.:
- Pufferung des Anästhetikums
- Nutzung alternativer Techniken (z. B. Gow-Gates- oder Vazirani-Akinosi-Technik)
- Zusatzblockaden (z. B. Leitungsanästhesie des Nervus buccalis oder Mental-Block)
Komplikationen
- Nervenverletzungen (z. B. Nervus lingualis, Nervus alveolaris inferior)
- Hämatombildung
- Intravaskuläre Injektion
- Transiente Fazialislähmung (bei Injektion in die Parotisregion)
- Weichteilverletzungen durch selbstinduziertes Trauma