Urethro-okulo-synoviales Syndrom: Unterschied zwischen den Versionen
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Als '''Reiter-Syndrom''' bezeichnet man das Vollbild der [[Reaktive Arthritis|reaktiven Arthritis]], die eine Zweiterkrankung nach [[gastrointestinal]]en oder [[urogenital]]en [[Infekt]]en ist. Es ist durch die drei Hauptsymptome [[Arthritis]], [[Urethritis]] und [[Konjunktivitis]] bzw. [[Iritis]] charakterisiert. Das Syndrom gehört in die Gruppe der [[seronegative Spondylarthritis|seronegativen Spondylarthritiden]] und ist häufig mit dem [[HLA|HLA-B27]]-Antigenmerkmal assoziiert. | |||
==Nomenklatur== | |||
Die Bezeichnungen "Morbus Reiter" oder "Reiter-Syndrom" gelten als umstritten, da der namensgebende Arzt Hans Reiter als Präsident des Reichsgesundheitsamts während der NS-Zeit rassenhygienische Propaganda betrieb und sich nachweislich an der [[Euthanasie]] von körperlich und geistig behinderten Menschen mitschuldig machte. | |||
In der Fachliteratur findet deswegen zunehmend der Begriff "urethro-okulo-synoviales Syndrom" bzw. ausschließlich der Oberbegriff "reaktive Arthritis" Verwendung. | |||
==Ätiologie== | ==Ätiologie== | ||
Das Reiter-Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach | Das Reiter-Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach | ||
* einer urogenitalen Infektion wie z.B. einer [[Gonorrhoe]] oder einer [[nicht-gonorrhoische Urethritis|nicht-gonorrhoischen Urethritis]] (NGU) | * einer urogenitalen Infektion wie z.B. einer [[Gonorrhoe]] oder einer [[nicht-gonorrhoische Urethritis|nicht-gonorrhoischen Urethritis]] (NGU) | ||
* einer [[Magen-Darm-Infektion]] durch [[Yersinien]], [[Salmonellen]], [[Shigellen]], [[Campylobacter jejuni]] und andere Erreger. | * einer [[Gastroenteritis|Magen-Darm-Infektion]] durch [[Yersinien]], [[Salmonellen]], [[Shigellen]], [[Campylobacter jejuni]] und andere Erreger. | ||
Typischerweise tritt das Reiter-Syndrom ca. 2-6 Wochen in 2-3% der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80% der Patienten positiv und könnte eine [[pathogenetisch]]e Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte [[Oberflächenantigen]]e teilt ([[molekulare Mimikry]]). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine [[immunologische Toleranz]] entstehen bzw. es kommt zu einer [[Autoimmunerkrankung|autoimmunologischen]] [[Kreuzreaktion]]. | Typischerweise tritt das Reiter-Syndrom ca. 2-6 Wochen in 2-3% der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80% der Patienten positiv und könnte eine [[pathogenetisch]]e Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte [[Oberflächenantigen]]e teilt ([[molekulare Mimikry]]). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine [[immunologische Toleranz]] entstehen bzw. es kommt zu einer [[Autoimmunerkrankung|autoimmunologischen]] [[Kreuzreaktion]]. | ||
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Bis zu 80% der Fälle heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung | Bis zu 80% der Fälle einer reaktiven Arthritis heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung. | ||
[[Fachgebiet:Rheumatologie]] | [[Fachgebiet:Rheumatologie]] | ||
[[Tag:Arthritis]] | [[Tag:Arthritis]] |
Version vom 1. Juli 2021, 11:04 Uhr
nach dem deutschen Nationalsozialisten und Arzt Hans Reiter (1881-1969)
Synonyme: Reiter-Krankheit, Morbus Reiter, urethro-okulo-synoviales Syndrom, Fiessinger-Leroy-Syndrom, Reaktive Arthritis
Definition
Als Reiter-Syndrom bezeichnet man das Vollbild der reaktiven Arthritis, die eine Zweiterkrankung nach gastrointestinalen oder urogenitalen Infekten ist. Es ist durch die drei Hauptsymptome Arthritis, Urethritis und Konjunktivitis bzw. Iritis charakterisiert. Das Syndrom gehört in die Gruppe der seronegativen Spondylarthritiden und ist häufig mit dem HLA-B27-Antigenmerkmal assoziiert.
Nomenklatur
Die Bezeichnungen "Morbus Reiter" oder "Reiter-Syndrom" gelten als umstritten, da der namensgebende Arzt Hans Reiter als Präsident des Reichsgesundheitsamts während der NS-Zeit rassenhygienische Propaganda betrieb und sich nachweislich an der Euthanasie von körperlich und geistig behinderten Menschen mitschuldig machte. In der Fachliteratur findet deswegen zunehmend der Begriff "urethro-okulo-synoviales Syndrom" bzw. ausschließlich der Oberbegriff "reaktive Arthritis" Verwendung.
Ätiologie
Das Reiter-Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach
- einer urogenitalen Infektion wie z.B. einer Gonorrhoe oder einer nicht-gonorrhoischen Urethritis (NGU)
- einer Magen-Darm-Infektion durch Yersinien, Salmonellen, Shigellen, Campylobacter jejuni und andere Erreger.
Typischerweise tritt das Reiter-Syndrom ca. 2-6 Wochen in 2-3% der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80% der Patienten positiv und könnte eine pathogenetische Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte Oberflächenantigene teilt (molekulare Mimikry). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine immunologische Toleranz entstehen bzw. es kommt zu einer autoimmunologischen Kreuzreaktion.
Klinik
Hauptsymptome
Die drei Hauptsymptome des Reiter-Syndroms werden auch als Reiter-Trias bezeichnet:
Can’t see, can’t pee, can’t climb a tree |
Die akute, oft asymmetrische Mono- oder Oligoarthritis ist aseptisch. Meist sind die großen Gelenke der unteren Extremität, also das Knie und die Sprunggelenke , seltener Zehen-, Hand- oder Fingergelenke betroffen. Dieses Symptom tritt auch häufig alleine auf, dann spricht man allerdings nicht mehr von einem Reiter-Syndrom, sondern nur noch von einer reaktiven Arthritis.
Kommt eine psoriasiforme Hautveränderung, die Reiter-Dermatose hinzu, spricht man auch von einer Reiter-Tetrade.
Begleitsymptome
- Fieber
- Sakroiliitis
- Schmerzhafte Sehnenansätze (Enthesiopathien)
- Karditis oder Pleuritis (selten)
- Balanitis circinata
- Keratoma blenorrhagicum
- Orale Aphthen
Diagnostik
- Anamnese (vorausgegangener Infekt)
- Typische Klinik (Symptomkonstellation)
Labor
- Unspezifische Entzündungsparameter wie BSG und CRP mäßig bis deutlich erhöht
- Rheumafaktoren und Autoantikörper sind negativ
- HLA-B27 positiv
Eventuell kann bei einer Urethritis ein Erregernachweis mittels PCR erfolgen. Nur sehr selten gelingt er aus dem Stuhl oder dem Gelenkerguss bzw. der Synovialschleimhaut.
Therapie
Falls noch ein Infekt nachweisbar ist, ist eine antibiotische Therapie je nach Erreger indiziert. Ansonsten ist eine symptomatische Behandlung mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) sowie eine physikalische Therapie (z.B. Kryotherapie) der akuten Arthritis meist ausreichend. Bei schweren Verlaufsformen sowie bei einer Beteiligung des inneren Auges können Glukokortikoide eingesetzt werden. Bei einer chronischen Verlaufsform muss eine Basistherapie mit z.B. Sulfasalazin erfolgen.
Prognose
Bis zu 80% der Fälle einer reaktiven Arthritis heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung.