Urethro-okulo-synoviales Syndrom: Unterschied zwischen den Versionen

Keine Bearbeitungszusammenfassung
(Immer noch ziemlich verbreitet, daher Anpassung. "Urethro-okulo-synoviales Syndrom" ist nicht gerade user friendfly.)
 
(11 dazwischenliegende Versionen von 5 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
''nach dem deutschen Nationalsozialisten und Arzt Hans Reiter (1881-1969)''<BR>
''Synonyme: Fiessinger-Leroy-Syndrom, Reaktive Arthritis, Reiter-Krankheit, Morbus Reiter (veraltet), Reiter-Syndrom (veraltet)''
''Synonyme: Reiter-Krankheit, Morbus Reiter, urethro-okulo-synoviales Syndrom, Fiessinger-Leroy-Syndrom, Reaktive Arthritis''
 
==Definition==  
==Definition==  
Das '''Reiter-Syndrom''' ist eine Zweiterkrankung nach [[gastrointestinal]]en oder [[urogenital]]en [[Infekt]]en. Sie ist durch die drei Hauptsymptome [[Arthritis]], [[Urethritis]] und [[Konjunktivitis]] bzw. [[Iritis]] charakterisiert. Das Reiter-Syndrom ist eine Sonderform der [[reaktive Arthritis|reaktiven Arthritis]] und gehört in die Gruppe der [[seronegative Spondylarthritis|seronegativen Spondylarthritiden]]. Es ist häufig mit dem [[HLA|HLA-B27]]-Antigenmerkmal assoziiert.
Als '''urethro-okulo-synoviales Syndrom''' bezeichnet man das Vollbild der [[Reaktive Arthritis|reaktiven Arthritis]], die eine Zweiterkrankung nach [[gastrointestinal]]en oder [[urogenital]]en [[Infekt]]en ist. Es ist durch die drei Hauptsymptome [[Arthritis]], [[Urethritis]] und [[Konjunktivitis]] bzw. [[Iritis]] charakterisiert. Das Syndrom gehört in die Gruppe der [[seronegative Spondylarthritis|seronegativen Spondylarthritiden]] und ist häufig mit dem [[HLA|HLA-B27]]-Antigenmerkmal assoziiert.


==Ätiologie==
==Nomenklatur==
Das Reiter-Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach
Das urethro-okulo-synoviale Syndrom wird in der Fachliteratur auch als "Morbus Reiter" oder "Reiter-Syndrom" bezeichnet. Diese Bezeichnung geht auf den Arzt Hans Reiter (1881 bis 1969) zurück, der als Präsident des Reichsgesundheitsamts während der NS-Zeit nationalsozialistische Ideologien wie die Rassenhygiene und die [[Euthanasie]] von körperlich und geistig behinderten Menschen unterstützte. Daher wird empfohlen, diesen Begriff heutzutage nicht mehr zu verwenden. Gleiches gilt für den Begriff "Reiter-Trias", unter dem ehemals die Hauptsymptome des urethro-okulo-synovialen Syndroms zusammengefasst wurden.
 
== Ätiologie ==
Das urethro-okulosynoviale Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach
* einer urogenitalen Infektion wie z.B. einer [[Gonorrhoe]] oder einer [[nicht-gonorrhoische Urethritis|nicht-gonorrhoischen Urethritis]] (NGU)
* einer urogenitalen Infektion wie z.B. einer [[Gonorrhoe]] oder einer [[nicht-gonorrhoische Urethritis|nicht-gonorrhoischen Urethritis]] (NGU)
* einer [[Magen-Darm-Infektion]] durch [[Yersinien]], [[Salmonellen]], [[Shigellen]], [[Campylobacter jejuni]] und andere Erreger.
* einer [[Gastroenteritis|Magen-Darm-Infektion]] durch [[Yersinien]], [[Salmonellen]], [[Shigellen]], [[Campylobacter jejuni]] und andere Erreger.


Typischerweise tritt das Reiter-Syndrom ca. 2-6 Wochen in 2-3% der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80% der Patienten positiv und könnte eine [[pathogenetisch]]e Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte [[Oberflächenantigen]]e teilt ([[molekulare Mimikry]]). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine [[immunologische Toleranz]] entstehen bzw. es kommt zu einer [[Autoimmunerkrankung|autoimmunologischen]] [[Kreuzreaktion]].
Typischerweise tritt das urethro-okulosynoviale Syndrom ca. 2 bis 6 Wochen in 2 bis 3 % der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80 % der Patienten positiv und könnte eine [[pathogenetisch]]e Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte [[Oberflächenantigen]]e teilt ([[molekulare Mimikry]]). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine [[immunologische Toleranz]] entstehen bzw. es kommt zu einer [[Autoimmunerkrankung|autoimmunologischen]] [[Kreuzreaktion]].


==Klinik==
==Klinik==
===Hauptsymptome===
===Hauptsymptome===
Die drei Hauptsymptome des Reiter-Syndroms werden auch als [[Reiter-Trias]] bezeichnet:
Die drei Hauptsymptome des urethro-okulosynoviale Syndrom sind:
* [[Reaktive Arthritis]]
* [[Reaktive Arthritis]]
* [[Urethritis]]
* [[Urethritis]]
* [[Konjunktivitis]] und [[Iritis]]
* [[Konjunktivitis]] und [[Iritis]]
Die Symptome können mit dem Merkspruch "'''Can’t see, can’t pee, can’t climb a tree'''" gelernt werden.


<table title="Merkspruch zur Reiter-Trias">
Die akute, oft asymmetrische [[Monarthritis|Mono]]- oder [[Oligoarthritis]] ist [[aseptisch]]. Meist sind die großen [[Gelenk]]e der unteren [[Extremität]], also das [[Kniegelenk|Knie]] und die [[Sprunggelenk]]e, seltener [[Zehengelenk|Zeh]]en-, [[Handgelenk|Hand]]- oder [[Fingergelenk]]e betroffen. Dieses Symptom tritt auch häufig alleine auf, dann  spricht man allerdings nicht mehr von einem urethro-okulo-synovialen Syndrom, sondern nur noch von einer reaktiven Arthritis.  
<tr>
<td>'''Can’t see, can’t pee, can’t climb a tree'''</td>
</tr>
</table>
 
Die akute, oft asymmetrische [[Monarthritis|Mono]]- oder [[Oligoarthritis]] ist [[aseptisch]]. Meist sind die großen [[Gelenk]]e der unteren [[Extremität]], also das [[Kniegelenk|Knie]] und die [[Sprunggelenk]]e , seltener [[Zehengelenk|Zeh]]en-, [[Handgelenk|Hand]]- oder [[Fingergelenk]]e betroffen. Dieses Symptom tritt auch häufig alleine auf, dann  spricht man allerdings nicht mehr von einem Reiter-Syndrom, sondern nur noch von einer reaktiven Arthritis.  
 
Kommt eine [[psoriasiform]]e Hautveränderung, die [[Reiter-Dermatose]] hinzu, spricht man auch von einer [[Reiter-Tetrade]].
 


Zudem können [[psoriasiform]]e Hautveränderungen auftreten (ehemals als [[Reiter-Dermatose]] bezeichnet).
===Begleitsymptome===
===Begleitsymptome===
* [[Fieber]]
* [[Fieber]]
Zeile 36: Zeile 32:
* [[Balanitis circinata]]
* [[Balanitis circinata]]
* Keratoma blenorrhagicum
* Keratoma blenorrhagicum
* Orale Aphthen
* Orale [[Aphthe]]n


==Diagnostik==
==Diagnostik==
Zeile 52: Zeile 48:


==Prognose==
==Prognose==
Bis zu 80% der Fälle heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung.
Bis zu 80 % der Fälle einer reaktiven Arthritis heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung.
 
==Weblinks==


==Bezeichnung & Historie==
* Braun et al: [https://link.springer.com/article/10.1007/s00393-010-0708-z Gegen das Vergessen - Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) zu den nationalsozialistischen Verbrechen an jüdischen Kollegen] Z. Rheumatol., 2010
Die Bezeichnungen "Morbus Reiter" oder "Reiter-Syndrom" gelten als umstritten, da der namensgebende Arzt Hans Reiter als Präsident des Reichsgesundheitsamts während der NS-Zeit rassenhygienische Propaganda betrieb und sich nachweislich an der Euthanasie von körperlich und geistig behinderten Menschen mitschuldig machte.
In der akademischen Fachpresse findet deswegen zunehmend der Begriff "reaktive Arthritis" oder "postinfektiöse Arthritis" Verwendung.
[[Fachgebiet:Rheumatologie]]
[[Fachgebiet:Rheumatologie]]
[[Tag:Arthritis]]
[[Tag:Arthritis]]

Aktuelle Version vom 27. Juni 2024, 10:51 Uhr

Synonyme: Fiessinger-Leroy-Syndrom, Reaktive Arthritis, Reiter-Krankheit, Morbus Reiter (veraltet), Reiter-Syndrom (veraltet)

Definition

Als urethro-okulo-synoviales Syndrom bezeichnet man das Vollbild der reaktiven Arthritis, die eine Zweiterkrankung nach gastrointestinalen oder urogenitalen Infekten ist. Es ist durch die drei Hauptsymptome Arthritis, Urethritis und Konjunktivitis bzw. Iritis charakterisiert. Das Syndrom gehört in die Gruppe der seronegativen Spondylarthritiden und ist häufig mit dem HLA-B27-Antigenmerkmal assoziiert.

Nomenklatur

Das urethro-okulo-synoviale Syndrom wird in der Fachliteratur auch als "Morbus Reiter" oder "Reiter-Syndrom" bezeichnet. Diese Bezeichnung geht auf den Arzt Hans Reiter (1881 bis 1969) zurück, der als Präsident des Reichsgesundheitsamts während der NS-Zeit nationalsozialistische Ideologien wie die Rassenhygiene und die Euthanasie von körperlich und geistig behinderten Menschen unterstützte. Daher wird empfohlen, diesen Begriff heutzutage nicht mehr zu verwenden. Gleiches gilt für den Begriff "Reiter-Trias", unter dem ehemals die Hauptsymptome des urethro-okulo-synovialen Syndroms zusammengefasst wurden.

Ätiologie

Das urethro-okulosynoviale Syndrom kann als Folgeerkrankung auftreten nach

Typischerweise tritt das urethro-okulosynoviale Syndrom ca. 2 bis 6 Wochen in 2 bis 3 % der Fälle nach einer solchen Infektion auf. Das Antigenmerkmal HLA-B27 ist bei 80 % der Patienten positiv und könnte eine pathogenetische Rolle spielen, da es sich mit den auslösenden Bakterien bestimmte Oberflächenantigene teilt (molekulare Mimikry). Hierdurch kann für Bakterienbestandteile eine immunologische Toleranz entstehen bzw. es kommt zu einer autoimmunologischen Kreuzreaktion.

Klinik

Hauptsymptome

Die drei Hauptsymptome des urethro-okulosynoviale Syndrom sind:

Die Symptome können mit dem Merkspruch "Can’t see, can’t pee, can’t climb a tree" gelernt werden.

Die akute, oft asymmetrische Mono- oder Oligoarthritis ist aseptisch. Meist sind die großen Gelenke der unteren Extremität, also das Knie und die Sprunggelenke, seltener Zehen-, Hand- oder Fingergelenke betroffen. Dieses Symptom tritt auch häufig alleine auf, dann spricht man allerdings nicht mehr von einem urethro-okulo-synovialen Syndrom, sondern nur noch von einer reaktiven Arthritis.

Zudem können psoriasiforme Hautveränderungen auftreten (ehemals als Reiter-Dermatose bezeichnet).

Begleitsymptome

Diagnostik

  • Anamnese (vorausgegangener Infekt)
  • Typische Klinik (Symptomkonstellation)

Labor

Eventuell kann bei einer Urethritis ein Erregernachweis mittels PCR erfolgen. Nur sehr selten gelingt er aus dem Stuhl oder dem Gelenkerguss bzw. der Synovialschleimhaut.

Therapie

Falls noch ein Infekt nachweisbar ist, ist eine antibiotische Therapie je nach Erreger indiziert. Ansonsten ist eine symptomatische Behandlung mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) sowie eine physikalische Therapie (z.B. Kryotherapie) der akuten Arthritis meist ausreichend. Bei schweren Verlaufsformen sowie bei einer Beteiligung des inneren Auges können Glukokortikoide eingesetzt werden. Bei einer chronischen Verlaufsform muss eine Basistherapie mit z.B. Sulfasalazin erfolgen.

Prognose

Bis zu 80 % der Fälle einer reaktiven Arthritis heilen nach 12 Monaten aus. HLA-B27-positive Patienten sowie schwere Verläufe neigen eher zur Chronifizierung.

Weblinks