Transiente neurologische Symptome
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LoslegenSynonym: Transiente radikuläre Irritation, TRI
Englisch: transient neurologic symptoms
Definition
Die transienten neurologischen Symptome, kurz TNS, sind ein Symptomkomplex aus Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in Gesäß, Hüften und Oberschenkel, der innerhalb von 24 Stunden nach ansonsten unauffälliger Spinalanästhesie auftritt. Die Beschwerden klingen typischerweise innerhalb weniger Tage folgenlos ab, ohne dass sich ein korrelierendes neurologisches Defizit nachweisen lässt.
Hintergrund
Erstmals beschrieben wurde das Krankheitsbild 1993 bei Patienten nach Spinalanästhesie mit hyperbarem 5%igem Lidocain.[1] Da initial der irreführende Begriff „neurologische Toxizität" verwendet wurde, obwohl elektrophysiologische Zusatzuntersuchungen keine strukturelle Nervenschädigung zeigten, setzte sich in der Folge die neutralere Bezeichnung „transiente neurologische Symptome" durch.
Ätiologie
Als Hauptrisikofaktor gilt die Verwendung von Lidocain zur Spinalanästhesie. Auch Mepivacain ist mit einer erhöhten TNS-Inzidenz assoziiert, während Bupivacain, Prilocain, Levobupivacain, Procain und Ropivacain deutlich seltener betroffen sind.[2]
Weitere diskutierte Risikofaktoren sind:
- ambulante Chirurgie mit rascher postoperativer Mobilisation
- Lithotomie und Knie-Arthroskopie
- frühzeitige postoperative Mobilisation
- Adipositas
Barizität, Konzentration des Lokalanästhetikums und die Zugabe von Vasokonstriktoren beeinflussen das TNS-Risiko dagegen nicht wesentlich.[3] In einer Metaanalyse lag die Inzidenz nach Lidocain bei 16,9 % und nach Mepivacain bei 19,1 %, verglichen mit nur 1,1 % nach Bupivacain und 1,7 % nach Prilocain.[3]
Pathophysiologie
Der zugrunde liegende Mechanismus ist nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden eine konzentrationsabhängige neurotoxische Wirkung des Lokalanästhetikums auf die Nervenwurzeln der Cauda equina, eine Reizung durch eine ungleichmäßige Verteilung des Lokalanästhetikums im Subarachnoidalraum sowie eine muskuläre Komponente durch eine myofasziale Überlastung infolge des fehlenden Muskeltonus während der Rückbildung der Blockade. Bildgebende und elektrophysiologische Untersuchungen zeigen bei TNS regelhaft keine strukturellen Auffälligkeiten, was die Abgrenzung zu echten Nervenschädigungen stützt.
Klinik
Leitsymptom sind dumpfe, teils krampfartige Schmerzen im Gesäßbereich, die symmetrisch oder asymmetrisch in beide Beine ausstrahlen können. Die Beschwerden beginnen üblicherweise innerhalb weniger Stunden bis maximal 24 Stunden nach vollständiger Rückbildung einer unauffälligen Spinalanästhesie und halten meist 1–3 Tage, selten bis zu einer Woche an. Sensible Ausfälle, motorische Schwäche oder Blasen-/Mastdarmstörungen gehören definitionsgemäß nicht zum Bild der TNS.
Diagnostik
TNS ist eine klinische Ausschlussdiagnose. Die neurologische Untersuchung ist unauffällig, insbesondere fehlen sensomotorische Defizite und Reflexausfälle. Eine Bildgebung oder Elektromyographie ist bei typischer Klinik nicht routinemäßig erforderlich und bleibt Fällen mit unklarem Verlauf oder Warnzeichen vorbehalten.
Differentialdiagnosen
- Cauda-equina-Syndrom
- Spinales epidurales Hämatom
- epiduraler Abszess
- direkte Nervenwurzelverletzung durch die Punktionsnadel
- lagerungsbedingte periphere Neuropathie
- postpunktioneller Kopfschmerz mit atypischer Ausstrahlung
- unabhängige Ursachen wie Bandscheibenvorfall oder muskuloskelettale Rückenschmerzen
Bestehen sensomotorische Defizite, Blasen-/Mastdarmstörungen oder eine über die typische Dauer hinaus progrediente Symptomatik, ist umgehend eine weiterführende Diagnostik zum Ausschluss eines Cauda-equina-Syndroms oder eines spinalen epiduralen Hämatoms einzuleiten.
Therapie
Die Behandlung ist symptomatisch. Nichtsteroidale Antirheumatika und andere Analgetika lindern die Beschwerden meist ausreichend. Additiv werden Wärmeanwendungen und eine frühzeitige Mobilisation empfohlen. Eine spezifische kausale Therapie existiert nicht.
Prognose
Die Prognose ist sehr gut. TNS klingt regelhaft folgenlos innerhalb weniger Tage ab, ohne dass ein erhöhtes Risiko für bleibende neurologische Schäden besteht.[2]
Prävention
Die wirksamste präventive Maßnahme ist die Vermeidung von Lidocain und Mepivacain zur Spinalanästhesie.[2] Da Lidocain aufgrund seines raschen Wirkeintritts und der kurzen Wirkdauer für die ambulante Chirurgie attraktiv ist, sollte die Wahl des Lokalanästhetikums individuell unter Abwägung von Erholungszeit und TNS-Risiko erfolgen. Mögliche Alternativen sind u.a. Prilocain und Chloroprocainhydrochlorid.[2]
Quellen
- ↑ Schneider M, Ettlin T, Kaufmann M, et al. Transient neurologic toxicity after hyperbaric subarachnoid anesthesia with 5% lidocaine. Anesth Analg. 1993;76(5):1154–1157.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Forget P, Borovac JA, Thackeray EM, Pace NL. Transient neurological symptoms (TNS) following spinal anaesthesia with lidocaine versus other local anaesthetics in adult surgical patients: a network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev. 2019;12(12):CD003006.
- ↑ 3,0 3,1 Eberhart LH, Morin AM, Kranke P, Geldner G, Wulf H. Transiente neurologische Symptome nach Spinalanästhesie. Eine quantitative systematische Übersicht (Metaanalyse) randomisierter kontrollierter Studien. Anaesthesist. 2002;51(7):539–546.