Sindbis-Fieber
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LoslegenSynonyme: Pogosta-Krankheit (Finnland), Ockelbo-Krankheit (Schweden), Karelisches Fieber (Russland)
Englisch: Sindbis fever, Pogosta disease, Ockelbo disease, Karelian fever
Definition
Das Sindbis-Fieber ist eine durch Stechmücken übertragene Infektion mit dem Sindbis-Virus, einem Arbovirus. Typisch sind Fieber, Exanthem und Arthralgien.
Epidemiologie
Das Sindbis-Virus (SINV) kommt in Stechmücken und Wirbeltieren in Eurasien, Afrika und Ozeanien weit verbreitet und dauerhaft vor. Klinisch manifeste Infektionen beim Menschen werden jedoch fast ausschließlich aus Nordeuropa berichtet, wo das Sindbis-Fieber endemisch ist und zeitweise große Ausbrüche auftreten. Aus Australien, China und Südafrika werden nur gelegentlich Fälle gemeldet.[1]
In Finnland werden jedes Jahr Fälle registriert, größere Ausbrüche treten etwa alle sieben Jahre auf. In den endemischen Gebieten ist die Inzidenz in der Altersgruppe der 30- bis 69-Jährigen am höchsten. Symptomatisch erkranken Männer und Frauen gleich häufig. In Nordeuropa finden fast alle Infektionen im August und September statt.[1] Es wird eine hohe Dunkelziffer an subklinischen und leichten Fällen vermutet.[1]
In Deutschland konnte das Sindbis-Virus erstmals 2009 in Stechmücken im Südwesten nachgewiesen werden.[2] Im September 2026 wurde erstmals eine symptomatische, in Deutschland erworbene Sindbis-Virus-Infektion beim Menschen labordiagnostisch bestätigt.[3]
Ätiologie
Das Sindbis-Virus ist ein behülltes, einzelsträngiges RNA-Virus der Gattung Alphavirus aus der Familie der Togaviridae. Es ist mit dem Chikungunya-Virus verwandt.[1]
Der Übertragungszyklus verläuft zwischen ornithophilen Stechmücken und Vögeln. Culex- und Culiseta-Arten gelten als wichtigste Vektoren. Das Virus wurde auch aus Aedes- und Anopheles-Arten isoliert. Als Amplifikationswirte fungieren Wildvögel, vermutlich vor allem Singvögel und Raufußhühner. Zugvögel könnten das Virus über weite Strecken verbreiten.[1][4]
Der Mensch ist ein Fehlwirt. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht nachgewiesen. Die Virämie des Menschen ist niedrig und von kurzer Dauer.[1][3]
Symptome
Die Inkubationszeit beträgt oft weniger als sieben Tage, ist aber bisher (2026) nicht sicher bestimmt.[1] Typisch sind:
- makulopapulöses und oft juckendes Exanthem am Rumpf und an den Extremitäten
- leichtes Fieber
- Gelenkbeschwerden, vor allem an Hand-, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk
Gelegentlich treten Übelkeit, allgemeines Unwohlsein, Kopf- und Muskelschmerzen auf. Die Infektions- und Basisparameter im Blut sind typischerweise unauffällig.[1]
Die extraartikulären Symptome klingen meist innerhalb von 1 bis 2 Wochen ab. Die Gelenkbeschwerden bleiben jedoch häufig länger bestehen. In einer finnischen Kohorte dauerten sie bei etwa der Hälfte der Patienten länger als 12 Monate.[5] In seltenen Fällen entwickelt sich eine chronische Arthritis.[1] Schwere, auch neurologische Verläufe sind beschrieben, gelten aber als Ausnahmen.[3][6]
Kinder haben i.d.R. ein milderes Krankheitsbild, teilweise ohne Gelenkbeschwerden. Asymptomatische Verläufe sind nicht selten.[1]
Diagnostik
Eine klinisch vermutete Infektion erfordert eine Laborbestätigung. Die Diagnose des Sindbis-Fiebers wird durch den Nachweis von SINV-IgM-Antikörpern oder einer IgG-Serokonversion zwischen gepaarten Proben im Abstand von zwei Wochen gestellt. Die Labordiagnostik wird i.d.R. mittels Enzymimmunoassay (ELISA) in spezialisierten Laboren mit hauseigenen Tests durchgeführt. Der Antikörpernachweis kann auch durch Immunfluoreszenz- und Hämagglutinationshemmungstests erfolgen.[1]
IgM-Antikörper sind innerhalb von 8 Tagen, IgG-Antikörper innerhalb von 11 Tagen nach Symptombeginn nachweisbar.[5] Bei mehr als einem Drittel der Patienten ist IgM auch nach sechs Monaten noch positiv. IgG bleibt lebenslang nachweisbar. Ein positives IgG bei negativem IgM spricht für eine frühere Infektion.[1]
Der direkte Erregernachweis mittels RT-PCR gelingt nur in spezialisierten Laboren und selten, weil die Virämie niedrig und kurz ist. Für die Routinediagnostik ist er nicht geeignet.[1] Neuere RT-qPCR-Verfahren sind sensitiver als frühere Methoden.[7]
Das RKI empfiehlt, in der Stechmückensaison bei Fieber, Exanthem und ausgeprägten Arthralgien auch ohne Reiseanamnese an eine Arbovirose zu denken. Bei negativem Befund für Dengue- und Chikungunya-Fieber soll eine SINV-Infektion in Betracht gezogen werden.[3]
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch kommen andere Erkrankungen mit Fieber, Exanthem und Gelenkbeschwerden in Betracht:
- Chikungunya-Fieber
- Dengue-Fieber
- Zika-Fieber
- Ross-River-Fieber (bei Aufenthalt in Australien oder Ozeanien)
- Ringelröteln (Parvovirus B19)
- Röteln
- Masern
Die Abgrenzung erfolgt über Reiseanamnese, Jahreszeit und serologische Untersuchungen.[1][3]
Therapie
Es gibt keine spezifische antivirale Behandlung des Sindbis-Fiebers. Die Behandlung ist daher rein symptomatisch. Antihistaminika können zur Behandlung des Exanthems und salizylsäurefreie Analgetika zur Behandlung der Gelenkschmerzen eingesetzt werden. Bei anhaltenden Gelenkbeschwerden werden gelegentlich intraartikuläre Glukokortikoide gegeben, die Evidenz dafür ist gering.[1]
Prognose
Das Sindbis-Fieber verläuft i.d.R. selbstlimitierend. Krankenhausaufenthalte sind bei unkomplizierten Infektionen selten. Todesfälle sind nicht beschrieben. Gelenkbeschwerden können jedoch über Monate bis Jahre anhalten.[1][3]
Prävention
Es gibt keinen Impfstoff und keine prophylaktischen Medikamente zur Prävention des Sindbis-Fiebers. Die wichtigste Maßnahme ist die Expositionsprophylaxe. Dazu gehören Repellents, möglichst körperbedeckende Kleidung, der Aufenthalt in Räumen mit Fliegengittern oder Klimaanlage sowie Moskitonetze, bevorzugt insektizidbehandelt.[1] Es wird angenommen, dass eine einmalige Infektion mit dem Sindbis-Virus gegen weitere Infektionen immunisiert.[1]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 European Centre for Disease Prevention and Control. Facts about Sindbis fever. Zuletzt aktualisiert am 15.12.2023; abgerufen am 02.10.2026.
- ↑ Jöst H, Bialonski A, Storch V, Günther S, Becker N, Schmidt-Chanasit J. Isolation and phylogenetic analysis of Sindbis viruses from mosquitoes in Germany. J Clin Microbiol. 2010;48(5):1900-3.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Wagner-Wiening C, Meincke M, Breining J, Lennings J, Schaschko J, Gabriel M, et al. Erstnachweis einer symptomatischen autochthonen humanen Sindbis-Virus-Infektion in Deutschland, Baden-Württemberg. Epid Bull. 2026;(40):18-20.
- ↑ Harding S, Sewgobind S, Johnson N. JMM Profile: Sindbis virus, a cause of febrile illness and arthralgia. J Med Microbiol. 2023;72(3).
- ↑ 5,0 5,1 Kurkela S, Manni T, Myllynen J, Vaheri A, Vapalahti O. Clinical and laboratory manifestations of Sindbis virus infection: prospective study, Finland, 2002-2003. J Infect Dis. 2005;191(11):1820-9.
- ↑ Sokoloski KJ, Karki D, Isom CM, Moni S. The pathogenicity and virulence of Sindbis virus. Virulence. 2025;17(1):2609389.
- ↑ Ekström E, Kaansalo K, Truong Nguyen PT, Suvanto MT, Vapalahti O, Kallio-Kokko H, et al. Optimized Sindbis virus RNA detection using novel RT-qPCR: isolation and characterization of Sindbis virus from a patient sample. Vector Borne Zoonotic Dis. 2025;25(8):523-5.