Präexpositionsprophylaxe
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LoslegenSynonym: HIV-PrEP
Englisch: pre-exposure prophylaxis, PrEP
Definition
Unter einer Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP, versteht man Präventionsmaßnahmen, die vor dem möglichen Ausgesetztsein (Exposition) gegenüber einem Erreger ergriffen werden. Im klinischen Sprachgebrauch ist damit vor allem die Prophylaxe einer HIV-Infektion durch Anwendung antiretroviraler Medikamente bei HIV-negativen Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko gemeint, etwa durch risikobehaftete Sexualkontakte.
siehe auch: Chemoprophylaxe, Infektionsprophylaxe
Hintergrund
Die PrEP erfolgt immer in Kombination mit Beratungsgesprächen und regelmäßigen Tests auf HIV und andere STIs. Vor Beginn muss eine HIV-Infektion sicher ausgeschlossen sein, da eine unerkannte Infektion unter PrEP zur Resistenzentwicklung führen kann. Die Schutzwirkung hängt wesentlich von der Adhärenz ab. Die PrEP bietet keinen vollständigen Schutz vor HIV und schützt nicht vor anderen STI.[1]
Indikation
Die PrEP soll Menschen mit substanziellem HIV-Infektionsrisiko angeboten werden. Dazu zählen insbesondere:[1]
- Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und trans Personen mit kondomlosem Analverkehr in den letzten 3–6 Monaten oder einer STI in den letzten 12 Monaten
- serodiskordante Paare, wenn beim HIV-positiven Partner keine wirksame Virussuppression durch eine antiretrovirale Therapie besteht (HIV-RNA nicht seit mindestens 6 Monaten unter 200 Kopien/ml)
- Sexarbeitende
- Personen mit kondomlosem Sex mit Partnern, bei denen eine undiagnostizierte HIV-Infektion anzunehmen ist
- drogeninjizierende Personen ohne Verwendung steriler Injektionsmaterialien
Therapeutika
Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil
Zur Präexpositionsprophylaxe einer HIV-Infektion wird meist die Kombination aus Emtricitabin und Tenofovirdisoproxil (TDF/FTC, z.B. Truvada® sowie Generika) eingesetzt. In der EU ist das Medikament seit 2016 für diese Indikation zugelassen, in den USA seit 2012.[2] Empfohlen ist die kontinuierliche, einmal tägliche Einnahme. Eine ausreichende Schutzwirkung wird in der Rektumschleimhaut ab dem 3. Tag und im weiblichen Genitale ab dem 7. Tag nach Einnahmebeginn angenommen.
Bei analen Sexualkontakten ist alternativ eine anlassbezogene Einnahme möglich, die als Off-Label-Use erfolgt. Dabei werden 2–24 Stunden vor dem Sexualkontakt zwei Tabletten eingenommen, danach täglich eine Tablette und nach dem letzten Kontakt an zwei weiteren Tagen je eine Tablette. Für vaginale Sexualkontakte wird die anlassbezogene PrEP nicht empfohlen. Bei chronischer Hepatitis B ist sie wegen möglicher Hepatitis-Schübe nach dem Absetzen kontraindiziert.[1]
Die Deutsche Aidshilfe empfiehlt ein vereinfachtes, einheitliches Schema (DX2/DX7): Start mit zwei Tabletten 24 bis spätestens 2 Stunden vor dem ersten HIV-Risiko, danach eine Tablette täglich. Nach dem letzten Risiko wird die Einnahme noch 2 Tage (bei insertivem Sex und rezeptivem Analverkehr) bzw. 7 Tage (bei rezeptivem Vaginal- oder Neovaginalverkehr sowie intravenösem Drogenkonsum) fortgesetzt.[3]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Andere Wirkstoffe
In klinischen Studien erwies sich der Kapsid-Inhibitor Lenacapavir sowohl bei cis Frauen[4] als auch bei cis Männern und gender-diversen Personen als hochwirksam.[5] Er wird subkutan im Abstand von 6 Monaten verabreicht. Die Einleitung erfolgt an Tag 1 mit zwei subkutanen Injektionen und einer oralen Dosis, an Tag 2 folgt eine weitere orale Dosis. Vor jeder Injektion muss eine HIV-Infektion ausgeschlossen werden. Seit August 2025 ist Lenacapavir in der EU zur PrEP zugelassen (Yeytuo®), in den USA seit Juni 2025 (Yeztugo®).[6] In Deutschland war das Präparat Anfang 2026 nicht verordnungsfähig, da keine Preis- und Erstattungsvereinbarung bestand.[7]
Der Integrase-Inhibitor Cabotegravir (Apretude®) ist seit 2023 in der EU zur PrEP zugelassen. Nach zwei intramuskulären Injektionen im Abstand von einem Monat erfolgt die Gabe alle zwei Monate; eine vorgeschaltete orale Einleitungsphase zur Verträglichkeitsprüfung ist optional. Auch hier ist vor jeder Injektion eine HIV-Diagnostik erforderlich. Die Leitlinie von 2024 empfiehlt Cabotegravir nicht als Standardalternative zur TDF-basierten PrEP.[1]
Nach dem Absetzen der Depotpräparate fallen die Wirkspiegel über viele Monate langsam ab. Besteht das HIV-Risiko fort, wird in dieser Phase eine andere PrEP-Form genutzt, um Infektionen mit Resistenzentwicklung zu vermeiden.[8]
Begleituntersuchungen
Für die orale PrEP mit TDF/FTC sind folgende Untersuchungen vor Beginn der Therapie und während der Einnahme empfohlen:[1]
| Untersuchung | Während der PrEP |
|---|---|
| HIV-Antigen-/Antikörpertest (4. Generation) | vor Beginn der Therapie, 4 Wochen nach Beginn, danach alle 3 Monate |
| Syphilis-Serologie | vor Beginn der Therapie, dann alle 3 Monate |
| NAAT auf Gonokokken und Chlamydien | vor Beginn der Therapie, dann mindestens alle 12 Monate, bei Bedarf alle 3–6 Monate |
| Hepatitis-B-Serologie | vor Beginn der Therapie |
| Hepatitis-C-Antikörper | vor Beginn der Therapie, dann bei Seronegativen alle 6–12 Monate |
| Kreatinin zur Bestimmung der eGFR | vor Beginn der Therapie, dann alle 3 Monate, bei Personen unter 40 Jahren ohne renale Risikofaktoren alle 6–12 Monate |
Bei Symptomen einer akuten HIV-Infektion ist zusätzlich eine HIV-PCR erforderlich.
Erstattungsfähigkeit
Seit September 2019 haben gesetzlich Versicherte ab 16 Jahren mit substanziellem HIV-Infektionsrisiko nach § 20j SGB V Anspruch auf Beratung, Untersuchungen und Arzneimittel zur PrEP, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Erstattungsfähige Rezepte dürfen nur Ärzte ausstellen, die eine Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung nach Anlage 33 BMV-Ä besitzen.[9]
Abgrenzung
Gelegentlich wird auch die Abkürzung PEP verwendet, was aber ein Verwechslungsrisiko mit der Postexpositionsprophylaxe mit sich bringt.
Eine andere Form der Präexpositionsprophylaxe, die mit diesem Begriff aber normalerweise nicht gemeint ist, ist die Einnahme einer Malariaprophylaxe bei Reise in ein Malariagebiet.
Zu unterscheiden ist außerdem die Expositionsprophylaxe, die auf eine Verringerung des Kontaktes zu einem potentiellen Erreger abzielt. Bei STI wäre dies z. B. die Verwendung von Kondomen.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG). S2k-Leitlinie: Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. AWMF-Registernummer 055-008. Version 2.0. 2024. Verfügbar unter: AWMF-Leitlinienregister 055-008.
- ↑ Deutsche Aidshilfe - Europäische Zulassung von Truvada zur HIV-PrEP erfolgte unter Auflagen, abgerufen am 01.08.2022
- ↑ Deutsche Aidshilfe - PrEP-Einnahmeschema, abgerufen am 29.10.2026
- ↑ Bekker LG et al. Twice-Yearly Lenacapavir or Daily F/TAF for HIV Prevention in Cisgender Women. N Engl J Med. 2024;391(13):1179-1192.
- ↑ Kelley CF et al. Twice-Yearly Lenacapavir for HIV Prevention in Men and Gender-Diverse Persons. N Engl J Med. 2025;392(13):1261-1276.
- ↑ Pharmazeutische Zeitung - HIV-PrEP: Lenacapavir zugelassen, abgerufen am 29.10.2026
- ↑ GGG.at - Spritze gegen HIV-Infektion lässt in Deutschland weiter auf sich warten (20.01.2026), abgerufen am 29.10.2026
- ↑ HIV i-Base - EU approves cabotegravir as injectable PrEP, abgerufen am 29.10.2026
- ↑ KBV/GKV-Spitzenverband - Anlage 33 BMV-Ä: Vereinbarung über die HIV-Präexpositionsprophylaxe gemäß § 20j SGB V, abgerufen am 29.10.2026