Kronenfraktur
Synonym: Zahnkronenfraktur
Englisch: crown fracture, coronal fracture
Definition
Eine Kronenfraktur ist eine traumatisch oder funktionell bedingte Fraktur der Zahnkrone ohne primäre Beteiligung der Zahnwurzel. Abhängig vom Frakturverlauf können Zahnschmelz, Dentin und gegebenenfalls die Pulpa betroffen sein. Kronenfrakturen zählen zu den häufigsten Formen des Zahntraumas.
- ICD-10: ICD-10 S02.5
Ätiologie
Kronenfrakturen entstehen häufig durch traumatische Ereignisse wie Stürze, Verkehrsunfälle oder direkte Gewalteinwirkung auf den Zahn, etwa im Rahmen von Sportunfällen. Auch der Biss auf harte Fremdkörper kann eine Fraktur verursachen. Neben akuten Traumata spielen funktionelle und chronische Belastungen eine Rolle, insbesondere Bruxismus, andere Parafunktionen sowie ein okklusales Trauma.
Prädisponierend wirken kariesbedingte Substanzverluste, ausgedehnte Restaurationen, endodontisch behandelte Zähne sowie eine altersbedingte Versprödung der Zahnhartsubstanz.
Einteilung
...nach Ausdehnung
Die klassische, weiterhin gebräuchliche Einteilung erfolgt nach der Ellis-Klassifikation:
- Ellis-Klasse I: Es ist ausschließlich der Zahnschmelz betroffen.
- Ellis-Klasse II: Fraktur von Zahnschmelz und Dentin mit freiliegender Dentinschicht, jedoch ohne Eröffnung der Pulpa.
- Ellis-Klasse III: Es liegt eine Fraktur von Zahnschmelz und Dentin mit Pulpaeröffnung vor. Sie wird auch als komplizierte Kronenfraktur bezeichnet.
...nach Verlaufsrichtung
Horizontale Kronenfrakturen verlaufen quer durch die Zahnkrone und sind die häufigste Frakturform. Ihre Prognose ist in der Regel günstig. Schräge Kronenfrakturen verlaufen schräg zur Zahnachse und gehen häufig mit dem Verlust einer Schneidekante oder -ecke einher. Vertikale Kronenfrakturen verlaufen längs der Zahnkrone und setzen sich oft in Richtung der Zahnwurzel fort. Sie sind prognostisch ungünstig und müssen von longitudinalen Wurzelfrakturen abgegrenzt werden.
Eine Sonderform ist die Kroneninfraktur, die auch als Cracked-Tooth-Syndrom bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine unvollständige Fraktur der Zahnhartsubstanz ohne Substanzverlust, die rissförmig verläuft und sich von der Krone in Richtung Wurzel ausdehnen kann.
Symptome
Die klinische Symptomatik hängt vom Ausmaß und der Tiefe der Fraktur ab. Schmelzfrakturen sind häufig asymptomatisch und fallen lediglich durch sichtbare Schmelzabsplitterungen oder feine Risse auf. Bei Schmelz-Dentin-Frakturen treten typischerweise Temperaturempfindlichkeit, Aufbissschmerzen sowie kurzzeitige Schmerzreize bei süßen oder sauren Speisen auf.
Schmelz-Dentin-Pulpa-Frakturen verursachen meist starke, anhaltende Schmerzen und gehen mit einer Blutung aus der Pulpa sowie einer ausgeprägten Empfindlichkeit einher. Bei Kroneninfraktionen klagen Patienten häufig über kurz einschießende Schmerzen beim Kauen und einen charakteristischen Entlastungsschmerz; die Symptomatik kann wechseln oder zeitweise vollständig fehlend sein.
Diagnostik
Die Diagnostik beginnt mit einer sorgfältigen klinischen Untersuchung. Dazu gehören die Inspektion der Zahnkrone, die Perkussionsprüfung, eine Sensibilitätsprüfung sowie die Palpation der umgebenden Weichgewebe. Biss- und Aufbissproben können Hinweise auf eine Fraktur liefern.
Insbesondere bei Verdacht auf eine Kroneninfraktion kommen spezielle Verfahren zum Einsatz. Hierzu zählen die Transillumination, Anfärbetechniken, die Untersuchung mit Lupenbrille oder OP-Mikroskop sowie gegebenenfalls die Entfernung vorhandener Restaurationen zur Fraktursuche.
Die bildgebende Diagnostik erfolgt mittels intraoraler Röntgenaufnahmen, vor allem zum Ausschluss von Wurzelfrakturen oder periapikalen Läsionen. Reine Kronenfrakturen sind röntgenologisch häufig nicht darstellbar.
Differentialdiagnosen
Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen zählen die reversible und irreversible Pulpitis, die Dentinhypersensibilität, die Parodontitis apicalis sowie Wurzelfrakturen. Insbesondere bei unklarer Symptomatik muss auch an ein Cracked-Tooth-Syndrom gedacht werden.
Komplikationen
Akut können Kronenfrakturen zu einer Pulpitis, zu Pulpenblutungen oder zu bakteriellen Infektionen führen. Langfristig drohen eine Pulpanekrose, die Entwicklung einer Parodontitis apicalis sowie im ungünstigen Fall der Zahnverlust. Darüber hinaus können funktionelle Einschränkungen und ästhetische Beeinträchtigungen (z.B. Zahnverfärbungen) auftreten.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Ausdehnung der Fraktur, Frakturverlauf, Pulpabeteiligung und dem Zeitpunkt der Behandlung. Schmelzfrakturen erfordern meist lediglich die Glättung oder Politur scharfer Kanten. Bei ästhetischem Bedarf kann ein kleiner Composite-Aufbau erfolgen.
Bei Schmelz-Dentin-Frakturen steht die Dentinabdeckung im Vordergrund, gefolgt von einer direkten oder indirekten Restauration. Ein ausgeprägter Substanzverlust kann eine Überkronung notwendig machen. Schmelz-Dentin-Pulpa-Frakturen erfordern je nach Situation vitalerhaltende Maßnahmen wie eine direkte Pulpaüberkappung oder eine partielle Pulpotomie. Ist ein Vitalerhalt nicht möglich, erfolgt eine endodontische Therapie mit anschließender definitiver prothetischer Versorgung.
Bei Kroneninfraktionen kommen adhäsive Stabilisierungen, diagnostische Schienungen sowie Teilkronen- oder Kronenversorgungen zum Einsatz. Bei Pulpabeteiligung ist auch hier eine endodontische Behandlung erforderlich.
Notfallmaßnahmen
Abgebrochene Zahnfragmente sollten gesichert und feucht gelagert werden, beispielsweise in Milch, Kochsalzlösung oder im Speichel des Patienten. Eine zeitnahe zahnärztliche Versorgung ist entscheidend für die Prognose.
Prognose
Die Prognose hängt maßgeblich vom Frakturverlauf, der Pulpabeteiligung, dem Zeitpunkt der Therapie sowie vom Patientenalter ab. Horizontale Kronenfrakturen weisen in der Regel eine günstigere Prognose auf als vertikale Frakturen.
Prävention
Zur Prävention von Kronenfrakturen empfiehlt sich die Verwendung eines Mundschutzes bei Risikosportarten. Bei Bruxismus kann eine Schienentherapie sinnvoll sein. Darüber hinaus sollten sehr harte Nahrungsmittel vermieden, regelmäßige zahnärztliche Kontrollen wahrgenommen und kariöse Läsionen frühzeitig behandelt werden.
Literatur
- Andreasen JO et al.: Textbook and Color Atlas of Traumatic Injuries to the Teeth
- IADT Guidelines for the Management of Traumatic Dental Injuries
- DGZMK-Leitlinien zu dentalen Traumata