Kaninchenpest
Synonym: Myxomatose
Englisch: myxomatosis
Definition
Die Kaninchenpest ist eine hochkontagiöse, meist tödlich verlaufende Viruserkrankung von Kaninchen (Oryctolagus cuniculus), die durch das sog. Myxomavirus aus der Familie der Pockenviren (Leporipoxvirus myxoma) verursacht wird. Sie ist durch myxomatöse Hautveränderungen, ausgeprägte Ödeme und eine schwere systemische Erkrankung gekennzeichnet.
Epidemiologie
Das Myxomavirus stammt ursprünglich aus Südamerika, wo es bei Wildkaninchen der Gattung Sylvilagus meist milde Erkrankungen verursacht. In Europa wurde es ab 1952 (Frankreich) und kurz darauf in weiteren Ländern gezielt zur biologischen Kontrolle überhöhter Wildkaninchenpopulationen ausgesetzt. Heute ist die Myxomatose in weiten Teilen Europas endemisch. Die Erkrankung tritt saisonal gehäuft in den warmen Monaten auf, da die Übertragung vor allem mechanisch durch blutsaugende Arthropoden wie Stechmücken und Kaninchenflöhe (Spilopsyllus cuniculi) erfolgt. Auch direkter Kontakt ist möglich. Die Letalität bei nicht immunen Haus- und Wildkaninchen beträgt häufig über 90 %.
Ätiopathogenese
Erreger ist das Myxomavirus, ein behülltes doppelsträngiges DNA-Virus der Familie Poxviridae. Nach Inokulation repliziert das Virus zunächst lokal in Fibroblasten und Epithelzellen. Es folgt eine lymphogene und hämatogene Dissemination mit Befall von Haut, Schleimhäuten und lymphatischem Gewebe. Histopathologisch zeigen sich myxomatöse, mukoid durchsetzte Läsionen mit Proliferation mesenchymaler Zellen. Das Virusgenom kodiert verschiedene immunmodulatorische Proteine, die zu einer ausgeprägten Immunsuppression führen. Sekundäre bakterielle Infektionen, insbesondere der Atemwege, sind häufig und prognostisch relevant.
Klinik
Die Inkubationszeit beträgt meist 3–10 Tage. Typische klinische Befunde sind:
- teigige, schmerzhafte Ödeme an Augenlidern, Lippen, Nase, Ohrenbasis und Anogenitalregion
- knotige Hautveränderungen (Myxome), v.a. an Kopf, Ohren und Genitalregion
- ausgeprägte Konjunktivitis mit mukopurulentem Ausfluss
- Fieber, Apathie, Inappetenz
Im Verlauf entwickeln sich häufig respiratorische Symptome infolge sekundärer bakterieller Pneumonien. Der Tod tritt meist innerhalb von 8–15 Tagen ein. Neben der klassischen nodulären Form existieren abgeschwächte oder respiratorische Verlaufsformen mit geringerer Hautbeteiligung, die durch weniger virulente Virusvarianten bedingt sind.
Diagnostik
Die Diagnose wird primär klinisch gestellt. Zur Bestätigung können eingesetzt werden:
- PCR aus Hautläsionen oder Sekreten
- Virusisolierung in Zellkultur
- Histopathologie mit Nachweis typischer myxomatöser Veränderungen
Differentialdiagnostisch sind bakterielle Dermatitiden, Abszesse, traumatische Läsionen und andere virale Erkrankungen des Kaninchens (z.B. Rabbit Haemorrhagic Disease) abzugrenzen.
Therapie
Eine spezifische antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt supportiv mit Flüssigkeits- und Ernährungstherapie, systemischer Antibiotikagabe bei Sekundärinfektionen, Analgesie und intensivierter Pflege. Aufgrund der schlechten Prognose und des erheblichen Tierleidens wird bei schwerem Verlauf häufig eine Euthanasie durchgeführt.
Prophylaxe
Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist die regelmäßige aktive Impfung mit attenuierten Lebendimpfstoffen. Je nach Impfstoff sind jährliche oder halbjährliche Auffrischungen erforderlich. Zusätzlich sind Maßnahmen zur Vektorkontrolle (Insektenschutzgitter, Repellents, Hygiene) essenziell.
Prognose
Bei ungeimpften Tieren ist die Prognose ungünstig. Durch Impfprogramme und natürliche Selektion kam es in Europa zu einer teilweisen Abschwächung der Virulenz und zu einer gewissen Resistenzentwicklung in Wildpopulationen. Dennoch bleibt die Erkrankung, insbesondere für ungeimpfte Hauskaninchen, lebensbedrohlich.
Literatur
- Nelson et al.: Innere Medizin der Kleintiere. Elsevier, 2022