Ganglionzyste der Hand
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Handganglion, Handgelenksganglion, Ganglion der Hand, "Überbein"
Englisch: ganglion cyst of the hand, hand ganglion
Definition
Die Ganglionzyste der Hand ist eine gutartige, mit visköser, muzinreicher Flüssigkeit gefüllte zystische Raumforderung der Hand oder des Handgelenks. Sie steht meist in Beziehung zu einem Gelenk, Band oder einer Sehnenscheide und ist die häufigste Weichteilraumforderung an Hand und Handgelenk.[1]
Terminologie
Von der Ganglionzyste ist die Synovialzyste abzugrenzen. Sie besitzt eine Auskleidung aus Synovialzellen, die dem Ganglion fehlt. Im klinischen Sprachgebrauch werden die Begriffe häufig synonym verwendet.
Epidemiologie
Ganglionzysten machen etwa 60 bis 70 % aller Weichteilraumforderungen an Hand und Handgelenk aus. Sie treten in jedem Lebensalter auf, der Altersgipfel liegt zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Frauen sind rund dreimal häufiger betroffen als Männer. Gehäuft finden sich Ganglionzysten bei Sportarten mit repetitiver Belastung des Handgelenks, beispielsweise im Turnen.[1]
Ätiologie
Die Ätiologie der Ganglionzyste ist bisher (2026) nicht abschließend geklärt.[2] Als wesentlicher Entstehungsmechanismus gilt eine mikrotraumatische Schädigung kapsulärer und ligamentärer Strukturen mit nachfolgender muzinöser Degeneration des Bindegewebes. Dabei regen mesenchymale Zellen im Bereich des synovial-kapsulären Übergangs vermutlich Fibroblasten zur vermehrten Produktion von Hyaluronsäure an. Diese lagert sich als gallertartiges Muzin ab und bildet den Zysteninhalt.[1]
Als begünstigender Faktor gilt die wiederholte Überlastung des betroffenen Gelenks. Ein einzelnes auslösendes Trauma lässt sich anamnestisch nur bei einem Teil der Betroffenen nachweisen.
Lokalisation
Ganglionzysten können an verschiedenen Strukturen der Hand und des Handgelenks entstehen. Typische Lokalisationen sind:
- Dorsales Handgelenksganglion: häufigste Form, meist im Bereich des Ligamentum scapholunatum beziehungsweise des skapholunären Gelenkabschnitts
- Palmares Handgelenksganglion: häufig in der Nähe des Radiokarpalgelenks oder des skaphotrapezialen Gelenks (Ligamentum scaphotrapeziotrapezoideum), typischerweise radialseitig an der Handgelenksbeugeseite
- Beugesehnenscheidenganglion: meist palmar an der Basis eines Fingers im Bereich der Beugesehnenscheide
- Mukoidzyste: dorsale Ganglionzyste im Bereich eines distalen Interphalangealgelenks, häufig in Verbindung mit einer Heberden-Arthrose beziehungsweise degenerativen Gelenkveränderungen
Etwa 60 bis 70 % der Handgelenksganglien befinden sich dorsal, rund 20 % palmar.[2] Darüber hinaus sind seltenere Lokalisationen möglich, beispielsweise intraossär, intratendinös oder intraneural.
Klinik
Ganglionzysten präsentieren sich typischerweise als glatte, rundliche und umschriebene Schwellung, deren Größe im Verlauf schwanken kann. Viele Ganglien sind asymptomatisch.[1]
Bei symptomatischen Ganglionzysten können insbesondere folgende Beschwerden auftreten:
- Schmerz bzw. Druckschmerz
- bewegungsabhängige Beschwerden
- subjektives Schwächegefühl
- funktionelle Einschränkungen
- kosmetische Beeinträchtigung
Die Raumforderung ist meist gegenüber der darüberliegenden Haut verschieblich, kann jedoch an tiefer gelegenen Strukturen fixiert sein. Bei der klinischen Untersuchung ist häufig eine Transillumination möglich.
Ganglionzysten können aufgrund ihrer Lage benachbarte neurovaskuläre Strukturen komprimieren. Insbesondere palmare Handgelenksganglien stehen in enger anatomischer Beziehung zur Arteria radialis und zu Nervenstrukturen. Selten entstehen dadurch Neuropathien oder vaskuläre Komplikationen.
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt in der Regel anhand der Anamnese und der charakteristischen klinischen Präsentation. Dabei werden Lokalisation, Konsistenz, Größe, Verschieblichkeit und gegebenenfalls die Transillumination der Raumforderung beurteilt. Eine weiterführende Bildgebung ist bei typischen oberflächlichen Ganglien häufig nicht erforderlich. Sie kann jedoch bei unklaren, tief gelegenen oder klinisch nicht eindeutig zuzuordnenden Befunden eingesetzt werden.
Sonographie
Die Sonographie ermöglicht die Darstellung der zystischen Raumforderung und die Abgrenzung gegenüber soliden oder vaskulären Läsionen. Sie ist insbesondere bei palmaren Ganglien hilfreich, um die Lagebeziehung zur Arteria radialis zu beurteilen. Darüber hinaus kann die Sonographie zur Steuerung einer Punktion verwendet werden.
Röntgen
Eine Röntgenuntersuchung zeigt das Ganglion selbst typischerweise nicht. Sie dient dem Ausschluss oder Nachweis begleitender knöcherner oder degenerativer Veränderungen.
Magnetresonanztomografie
Eine Magnetresonanztomografie ist bei einem klinisch typischen Ganglion nicht notwendig. Sie kommt bei okkulten Ganglien, intraossären Veränderungen oder bei Verdacht auf eine solide Raumforderung zum Einsatz.[2]
Differentialdiagnosen
Bei atypischer Lokalisation, fehlender Transillumination oder solidem Tastbefund sind andere Raumforderungen abzugrenzen:
- Riesenzelltumor der Sehnenscheiden
- Lipom
- Epidermoidzyste
- Carpe bossu
- Aneurysma der Arteria radialis, insbesondere bei pulsatilem Befund radialseitig
- Sehnenscheidenentzündung mit begleitender Schwellung
- seltene maligne Weichteiltumoren
Der überwiegende Teil der Raumforderungen an Hand und Handgelenk ist benigne. Bei unklarem Befund sind vor einer definitiven Therapie eine weiterführende Bildgebung und gegebenenfalls eine Biopsie erforderlich.[3]
Therapie
Eine Behandlung kommt v.a. bei persistierenden Schmerzen, funktionellen Einschränkungen, Nervenkompression oder ausgeprägtem subjektivem Leidensdruck infrage. Bei Kindern unter 10 Jahren liegen Ganglien häufiger palmar und bilden sich meist spontan zurück, sodass primär ein abwartendes Vorgehen empfohlen wird.[4]
Konservatives Vorgehen
Asymptomatische Ganglionzysten benötigen meist keine Therapie. Da sich ein erheblicher Teil spontan zurückbildet – in einer prospektiven Verlaufsbeobachtung über 70 Monate durchschnittlich 58 % der unbehandelten dorsalen Handgelenksganglien – wird bei fehlenden Beschwerden unter klinischer Verlaufskontrolle abgewartet.[5]
Bei neu aufgetretenen, gering symptomatischen Befunden kann man eine temporäre Immobilisation bzw. Schonung des Handgelenks versuchen. Konservative Maßnahmen beseitigen die Ursache nicht und sind bei länger bestehenden Ganglien in der Regel wirkungslos.[6]
Das früher praktizierte Zerschlagen des Ganglions durch einen stumpfen Schlag ("Bibelschlag") gilt als obsolet. Es ist mit hohen Rezidivraten und dem Risiko einer Weichteilverletzung verbunden.[6]
Punktion
Eine Aspiration oder Punktion kann insbesondere bei dorsalen Handgelenksganglien durchgeführt werden. Dabei wird der zähflüssige Zysteninhalt über eine Kanüle entleert.
Nach einer Punktion treten häufig Rezidive auf. In einer Metaanalyse lag die mittlere Rezidivrate nach Aspiration bei 59 % gegenüber 21 % nach offener Exzision und 6 % nach arthroskopischer Exzision. Die mittleren Komplikationsraten betrugen 3 %, 14 % beziehungsweise 4 %.[7]
Bei palmaren Handgelenksganglien besteht wegen der engen anatomischen Beziehung zur Arteria radialis das Risiko einer Gefäßverletzung. Eine Punktion wird hier nicht generell empfohlen.[1] Mehr Sicherheit gibt eine sonografische Darstellung der umgebenden Gefäßstrukturen.
Operative Therapie
Eine operative Exzision kommt bei persistierenden symptomatischen Ganglionzysten, Rezidiven nach konservativer Behandlung oder einer Kompression benachbarter Strukturen infrage. Bei der Operation werden neben der eigentlichen Zyste auch ihr Stiel und die Verbindung zur Ursprungsstruktur dargestellt und möglichst vollständig entfernt. Eine unvollständige Entfernung des Ganglionstiels oder seiner kapsulären Anteile begünstigt ein Rezidiv.
Am Handgelenk kann die Entfernung offen oder arthroskopisch erfolgen. Die offene Exzision gilt weiterhin als Standardverfahren. Arthroskopische Verfahren zeigen in Fallserien niedrige Rezidivraten, eine Überlegenheit ist in vergleichenden Studien bislang (2026) nicht belegt.[7][2]
Bei palmaren Ganglien ist die enge Beziehung zur Arteria radialis sowie zu benachbarten Nerven zu berücksichtigen. Auch nach operativer Entfernung können Rezidive auftreten.
Prognose
Ganglionzysten der Hand sind benigne und weisen insgesamt eine gute Prognose auf. Asymptomatische Befunde können über längere Zeit unverändert bestehen oder sich spontan zurückbilden.
Nach invasiver Behandlung ist das Rezidiv die klinisch wichtigste Folge. Insbesondere nach einer Punktion ist die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Auftretens hoch, während operative Verfahren geringere, jedoch ebenfalls variable Rezidivraten aufweisen.[7]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Gregush RE, Habusta SF. Ganglion Cyst. StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2023.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Eriksen JH, Kønig MJ, Balslev E, Søe NH. Ganglion cysts on wrists and hands. Ugeskr Laeger. 2022;184(25):V05210428.
- ↑ Strike SA, Puhaindran ME. Tumors of the Hand and the Wrist. JBJS Rev. 2020;8(6):e0141.
- ↑ Krishnan P, Wolf JM. Pediatric Ganglions of the Hand and Wrist: A Review of Current Literature. J Hand Surg Am. 2022;47(6):554-560.
- ↑ Dias JJ, Dhukaram V, Kumar P. The natural history of untreated dorsal wrist ganglia and patient reported outcome 6 years after intervention. J Hand Surg Eur Vol. 2007;32(5):502-8.
- ↑ 6,0 6,1 Suen M, Fung B, Lung CP. Treatment of Ganglion Cysts. ISRN Orthop. 2013;2013:940615.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 Head L, Gencarelli JR, Allen M, Boyd KU. Wrist ganglion treatment: systematic review and meta-analysis. J Hand Surg Am. 2015;40(3):546-53.