Chirurgische Hüftluxation
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LoslegenSynonyme: offene Hüftluxation, CL
Englisch: surgical hip dislocation, SHD
Definition
Die chirurgische Hüftluxation, kurz CHL, ist ein offenes Operationsverfahren am Hüftgelenk, bei dem der Femurkopf nach kontrollierter Trochanterosteotomie und Kapsulotomie aus der Hüftpfanne luxiert wird, um eine vollständige zirkumferente Exposition von Femurkopf, Schenkelhals und Acetabulum zu ermöglichen. Im Gegensatz zur pathologischen Hüftluxation besteht hierbei nur ein geringes Risiko einer avaskulären Nekrose des Femurkopfes.
Hintergrund
Das Verfahren wurde von Reinhold Ganz und Eric Gautier in Bern entwickelt und 2001 erstmals beschrieben.[1] Entscheidend für die Entwicklung war das vorherige Verständnis der Blutversorgung des Femurkopfes: Die Arteria circumflexa femoris medialis gibt im Bereich des Trochanter major die retinakulären Gefäße ab, die über die posteriore Kapsel zum Femurkopf ziehen. Durch einen intermuskulären Zugang unter Schonung des Musculus piriformis und eine Z-förmige Kapsulotomie kann die Hüfte luxiert werden, ohne diese kritische Blutversorgung zu kompromittieren.
Die CHL ermöglicht eine 360°-Sicht auf alle gelenkbildenden Strukturen und erlaubt damit die Therapie komplexer Pathologien, die arthroskopisch oder über minimalinvasive Zugänge nicht ausreichend adressiert werden können.[2]
Indikationen
Femoroazetabuläres Impingement
Das femoroazetabuläre Impingement (FAI) ist die häufigste Indikation für die CHL. Sie ist insbesondere bei kombinierten ventralen und dorsokaudalen bzw. zirkumferenten Deformitäten indiziert, die einer rein arthroskopischen Therapie nicht zugänglich sind.[2] Rein anteriore CAM- oder PINCER-Impingements werden heute bevorzugt arthroskopisch behandelt.
Typische Indikationsmerkmale für die CHL beim FAI sind:
- kombiniertes ventrodorsales oder zirkumferentes FAI
- dorsokaudale Pincer-Deformität (arthroskopisch nicht erreichbar)
- komplexe Cam-Deformität mit Notwendigkeit zur Labrumrekonstruktion
- Versagen oder unvollständige Sanierung nach vorheriger Arthroskopie
Bei manifester Koxarthrose ist die Indikation zur CHL kritisch zu stellen, da in dieser Gruppe keine signifikante Verbesserung der Hüftfunktion nachgewiesen werden konnte.[2]
Epiphyseolysis capitis femoris
Bei höhergradiger Epiphyseolysis capitis femoris (ECF) ermöglicht die modifizierte Dunn-Osteotomie über eine CHL die offene Reposition der abgerutschten Epiphyse unter Erhalt der Hüftkopfdurchblutung.
Morbus Perthes
Bei der Perthes-Erkrankung mit verbliebener Kopfrestdeformität (Coxa magna) nach Wachstumsabschluss kann die CHL zur Kopfreduktionsplastik sowie zu kombinierten Osteotomieverfahren eingesetzt werden.
Weitere Indikationen
Die CHL findet zudem Anwendung bei:
- Acetabulumfrakturen mit intraartikulären Begleitpathologien
- Femurkopffrakturen (Pipkin-Typ I und II) zur offenen Reposition und internen Fixation[3]
- intraartikulären Gelenktumoren
- Synovektomie bei synovialen Erkrankungen
Operationstechnik
Lagerung und Zugang
Der Patient wird in Seitenlage gelagert. Es erfolgt ein ca. 15 cm langer lateraler Hautschnitt über dem proximalen Femur in Femurlängsrichtung. Nach subkutaner Präparation wird der Tractus iliotibialis gespalten.
Trochanter-Flip-Osteotomie
Unter Schonung des Musculus piriformis wird eine plane oder gestufte Trochanter-Flip-Osteotomie durchgeführt. Das Trochanterfragment wird mitsamt der ansetzenden Hüftabduktorenmuskulatur (Musculus gluteus medius und minimus) nach ventral gehalten. Dieser intermuskuläre Zugang zwischen Musculus gluteus medius und piriformis lässt die retinakulären Gefäße der Arteria circumflexa femoris medialis intakt.[1]
Kapsulotomie und Luxation
Nach gefäßschonender Z-förmiger Eröffnung der Gelenkkapsel erfolgt die Luxation des Hüftgelenks in maximaler Flexion, Adduktion und Außenrotation. Die vollständige Darstellung von Acetabulum und Femurkopf ist nun möglich.
Intraartikuläre Sanierung
Je nach Indikation werden folgende Maßnahmen vorgenommen:
- Resektion und Modulation von CAM-Deformitäten mit Meißel und Kugelfräse (Schenkelhalsmodulation)
- Pfannenrandtrimming bei Pincer-Deformität
- Ablösung, Resektion oder Refixation des Labrum azetabulare über Fadenanker
- Knorpelchirurgie (Mikrofrakturierung, osteochondraler Transfer)
Refixation des Trochanterfragments
Nach Reposition des Hüftgelenkes und Überprüfung der impingementfreien Beweglichkeit wird das Trochanterfragment unter Röntgenkontrolle mit 2–3 Kortikalisschrauben refixiert. Eine Stufenform der Osteotomie bietet gegenüber der flachen Osteotomie biomechanische Vorteile und reduziert das Pseudarthroserisiko.[2]
Nachbehandlung
Die postoperative Mobilisation erfolgt mit einer Teilbelastung von 15 kg für 6 Wochen an Unterarmgehstützen. Anschließend wird die Belastung nach radiologischer Kontrolle schrittweise gesteigert.
Komplikationen
Die spezifische Komplikationsrate der CHL liegt in der Literatur bei ca. 9–13 %. Folgende Komplikationen sind beschrieben:
- Pseudarthrose des Trochanterfragments (0–2,2 %): Risiko durch Stufenosteotomie reduzierbar
- Schraubenbruch (bis 8,8 %): meist im Rahmen der frühen Mobilisation
- Femurkopfnekrose (< 1 %): bei korrekter Technik sehr selten
- Heterotope Ossifikationen (18 % ohne, 1,8 % mit NSAR-Prophylaxe)
- Wundinfektionen, Nachblutung, Thromboembolie
- Nervus ischiadicus-Läsion (0–1 %)
Heterotope Ossifikationen traten in einer Studie signifikant häufiger bei Patienten ohne postoperative NSAR-Prophylaxe auf (p = 0,03). Eine standardisierte Ossifikationsprophylaxe sollte daher fest im perioperativen Protokoll verankert sein.[2]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Ganz R, Gill TJ, Gautier E et al. Surgical dislocation of the adult hip a technique with full access to the femoral head and acetabulum without the risk of avascular necrosis. J Bone Joint Surg Br. 2001;83(8):1119-1124.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Sitterlee F, Kirschbaum S, Perka C, Müller M. Die chirurgische Hüftluxation. Derzeitiger Stellenwert in der Therapie des femoroazetabulären Impingements. Orthopäde. 2017;46(9):744-754.
- ↑ Hosny H, Mousa S, Salama W. Management of femoral head fracture by Ganz surgical dislocation of the hip. J Orthop Traumatol. 2022;23(1):24.