Scherengang
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LoslegenSynonym: Scherengangbild, gekreuzter Gang
Englisch: scissor gait, scissoring gait
Definition
Der Scherengang ist ein pathologisches Gangbild, bei dem sich beide Beine während der Schwungphase durch eine übermäßige Adduktion und Innenrotation in der Hüfte überkreuzen. Die Beine bewegen sich dabei wie die Klingen einer Schere aneinander vorbei.
Ätiologie
Der Scherengang ist typisch für Erkrankungen mit bilateraler spastischer Schädigung der Pyramidenbahn. Am häufigsten liegt eine Zerebralparese zugrunde, insbesondere die spastische Diplegie – auch als Little-Syndrom bezeichnet – und die spastische Tetraparese des Kindesalters.
Weitere mögliche Ursachen des Scherengangs sind:
- Hereditäre spastische Paraplegie
- degenerative zervikale Myelopathie, z.B. bei Spinalkanalstenose, sowie Rückenmarkstumoren oder eine anderweitige Rückenmarkskompression
- Amyotrophe Lateralsklerose bei vorwiegend spastischer Verlaufsform und Primäre Lateralsklerose
- Multiple Sklerose
Allen genannten Erkrankungen ist eine Schädigung des ersten Motoneurons gemeinsam. Diese führt zu einer Enthemmung spinaler Reflexbögen und in der Folge zu einer Spastik der betroffenen Muskulatur.
Pathophysiologie
Der Scherengang entsteht durch ein Überwiegen der Aktivität der Hüftadduktoren gegenüber den Hüftabduktoren. Zu den relevanten Muskeln zählen der Musculus adductor longus, der Musculus adductor brevis und der Musculus gracilis, die vom Nervus obturatorius innerviert werden. Der Musculus adductor magnus nimmt eine Sonderstellung ein. Sein Adduktorenanteil wird ebenfalls vom Nervus obturatorius versorgt, sein dorsaler, ischiokondylärer Anteil hingegen vom Nervus tibialis aus dem Nervus ischiadicus – bei einer selektiven Obturatorius-Blockade oder -Neurotomie bleibt dieser Anteil daher aktiv. Spastik ist definitionsgemäß geschwindigkeitsabhängig: Je schneller ein Muskel gedehnt wird, desto stärker fällt die reflektorische Gegenkontraktion aus.[1] Beim raschen Vorschwingen des Beins in der Schwungphase wird dieser geschwindigkeitsabhängige Dehnungsreflex der Hüftadduktoren getriggert, sodass bereits eine physiologische Schwungbewegung eine überschießende Adduktion auslösen kann.[2]
Häufig besteht zusätzlich eine Spastik der Hüftbeuger und Innenrotatoren, sodass sich Adduktion und Innenrotation überlagern und die Beine beim Gehen die Mittellinie überkreuzen. Begleitend liegt oft eine Spastik der Wadenmuskulatur mit konsekutivem Spitzfuß vor, sodass der Scherengang in der klinischen Praxis selten isoliert, sondern meist als Teil eines komplexeren spastischen Gangbildes auftritt.[2]
Anders als beim Wernicke-Mann-Gangbild der einseitigen spastischen Hemiparese ist eine echte Zirkumduktion des Beins wegen der beidseitigen Adduktion meist nicht mehr möglich; kompensatorisch weichen stattdessen vor allem Becken und Rumpf aus. Ursächlich ist in der Regel eine bilaterale Spastik der Hüftadduktoren im Rahmen einer Schädigung des oberen Motoneurons.
Klinik
Klinisch imponiert ein schmalbasiger Gang, bei dem sich Knie und Oberschenkel bei jedem Schritt überkreuzen. In ausgeprägten Fällen behindern sich die Beine gegenseitig beim Vorschwingen. Charakteristisch sind:
- verkürzte, unsichere Schrittlänge
- erhöhter Energieaufwand beim Gehen
- kompensatorische Beckenkippung und Rumpfausweichbewegungen
- häufig begleitender Spitzfuß mit Zehenspitzengang
- erhöhtes Sturzrisiko
Quellen
- ↑ Scholtes VAB, Becher JG, Beelen A, Lankhorst GJ. Clinical assessment of spasticity in children with cerebral palsy: a critical review of available instruments. Dev Med Child Neurol. 2006;48(1):64-73.
- ↑ 2,0 2,1 Li S, Pandat T, Chi B, Moon D, Mas M. Management Approaches to Spastic Gait Disorders. Muscle Nerve. 2025;72(2):179-200.