Radikulopathie
Synonyme: Radikulitis, Wurzelneuritis, Wurzelsyndrom
Englisch: radiculopathy
Definition
Eine Radikulopathie ist die akute oder chronische Reizung bzw. Schädigung einer Nervenwurzel im Bereich der Wirbelsäule mit radikulärem Schmerz und ggf. sensomotorischen Ausfällen. Die Ausstrahlung ist oft, aber nicht obligat dermatomnah. Bei Befall mehrerer Nervenwurzeln spricht man von einer Polyradikulopathie.
Epidemiologie
Radikulopathien betreffen am häufigsten die lumbosakralen (v.a. L4–S1) oder zervikalen Nervenwurzeln. Sie sind einer der häufigsten Gründe für ärztliche Konsultationen bei Rückenschmerz mit radikulärer Ausstrahlung.
Ätiologie
Ätiologisch dominieren mechanisch-kompressive Ursachen im Bereich der Wirbelsäule und der Neuroforamina. Häufige Ursachen sind:
- Bandscheibenvorfall
- degenerative Veränderungen (z.B. Foramenstenose, Osteophyten, Spinalkanalstenose)
- Spondylolisthesis
Weitere relevante Ursachen sind:
- intraspinale Tumore oder Metastasen
- Herpes zoster
- Lyme-Borreliose
- Hämatome (z.B. unter Antikoagulation)
- metabolische Ursachen (z.B. Diabetes mellitus)
Symptome
Leitsymptom ist der radikuläre Schmerz mit Ausstrahlung entlang eines Dermatoms. Der Schmerz wird häufig als stechend, brennend oder elektrisierend beschrieben und kann durch Husten oder Pressen verstärkt werden.
Wichtige klinische Provokationszeichen sind:
- lumbal: Lasegue-Zeichen
- zervikal: Spurling-Test
Begleitend können auftreten:
- Parästhesien oder Hypästhesie im Versorgungsgebiet
- motorische Defizite bis hin zur Parese
- segmenttypischer Ausfall von Reflexen (z.B. Achillessehnenreflex bei S1)
Einteilung
...nach Lokalisation
...nach Ursache
Diagnostik
Die Diagnostik basiert auf der klinisch-neurologischen Untersuchung mit segmentaler Zuordnung der Beschwerden zu Dermatomen, Myotomen und dem Reflexstatus.
Bei anhaltenden, progredienten oder schweren neurologischen Defiziten sowie bei Warnhinweisen (Red Flags) erfolgt eine bildgebende Abklärung, bevorzugt mittels MRT der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte. Bei Kontraindikationen kann eine CT eingesetzt werden.
Zu den Red Flags zählen: Cauda-equina-Zeichen, progrediente Parese, Fieber/Infektzeichen, positive Tumoranamnese oder Trauma.
Elektrophysiologische Untersuchungen wie Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) können zur Differenzierung gegenüber peripheren Neuropathien oder bei unklarer Befundlage ergänzend eingesetzt werden. Sensible NLG sind bei einer reinen Radikulopathie oft unauffällig. Das EMG zeigt hingegen myotomale Denervationszeichen.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Ursache, Ausprägung der neurologischen Defizite und dem zeitlichen Verlauf. In den meisten Fällen ist eine konservative Behandlung ausreichend.
Konservative Therapie
Bei den meisten radikulären Syndromen, insbesondere bei diskogenem Ursprung, ist eine konservative Behandlung primär indiziert:
- medikamentöse Analgesie nach Stufenschema (v.a. NSAR, ggf. kurzzeitig Opioide)
- frühfunktionelle Physiotherapie und Bewegungstherapie
- Vermeidung längerer Immobilisation
Psychosoziale Risikofaktoren einer Schmerzchronifizierung sollten frühzeitig berücksichtigt werden.
Interventionelle Therapie
Bei therapieresistenten radikulären Schmerzen können bildgesteuerte epidurale oder periradikuläre Injektionen (z.B. mit Glukokortikoiden und Lokalanästhetika) in ausgewählten Fällen erwogen werden.
Operative Therapie
Operative oder minimalinvasive Verfahren dienen der Dekompression der betroffenen Nervenwurzel (z.B. mikrochirurgische Diskektomie). Eine operative Therapie ist nur bei klarer Indikation angezeigt.
Absolute oder relative Operationsindikationen sind:
- Cauda-equina-Syndrom
- progrediente oder relevante motorische Defizite
- persistierende, stark beeinträchtigende radikuläre Schmerzen trotz suffizienter konservativer Therapie
Prognose
Die Prognose ist insgesamt günstig, da sich viele radikuläre Beschwerden unter konservativer Therapie im Verlauf zurückbilden. Ungünstige prognostische Faktoren sind ausgeprägte neurologische Defizite, lange Symptomdauer und psychosoziale Belastungsfaktoren.
Quellen
- AWMF-Leitlinie: S2k-Leitlinie Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik
- AWMF-Leitlinie: S3-Leitlinie Epidurale Injektionen bei degenerativen Erkrankungen
- MSD Manual Profi-Ausgabe: Lumbosakrale Radikulopathie
- IQWiG: Gesundheitsinformation.de – Bandscheibenvorfall