ME/CFS
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Synonyme: chronisches Erschöpfungssyndrom, chronisches Fatigue-Syndrom, Myalgische Enzephalopathie, ME, CFS, CFS/ME, chronisches Müdigkeitssyndrom (obsolet)
Englisch: chronic fatigue syndrome, CFS
Definition
ME/CFS, kurz für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom, ist ein Krankheitsbild unklarer Ätiologie, dessen Leitsymptom eine „postexertional malaise“ (PEM) ist. Darunter versteht man eine mitunter schwere und teilweise langanhaltende Zustandsverschlechterung nach geringfügiger Alltagsaktivität.
Nomenklatur
Die Nomenklatur ist uneinheitlich. Der ältere Terminus "Chronisches Erschöpfungssyndrom" (CFS) soll alleinstehend nicht mehr benutzt werden, ist aber bislang (2026) im klinischen Sprachgebrauch noch weit verbreitet. Er wurde um den Begriff "myalgische Enzephalomyelitis", kurz "ME", erweitert. Eine Schwäche des Begriffs "myalgische Enzephalomyelitis" ist jedoch, dass es für pathologische Veränderungen in Muskulatur und Gehirn keine sicheren Belege gibt.[2] "ME/CFS" bzw. "CFS/ME" stellen insofern Kompromissformeln dar, die aus dem Wunsch hervorgehen, der Erkrankung ein morphologisches Korrelat zu geben.
Als weiterer Begriff wird von einigen Autoren "systemic exertion intolerance disease" (SEID) vorgeschlagen, was als "Erkrankung mit systemischer Anstrengungsintoleranz" übersetzt werden kann.
Epidemiologie
Aufgrund der unterschiedlichen Definitionen und der oftmals unklaren Ausschlusskriterien variieren die Angaben zur Epidemiologie erheblich. Der IQWiG-Abschlussbericht nennt auf Grundlage einer europäischen systematischen Übersicht eine geschätzte jährliche Inzidenz von 15 Fällen pro 100.000 Erwachsene bei Anwendung der Fukuda-Kriterien beziehungsweise 5 Fällen pro 100.000 Erwachsene bei Anwendung der kanadischen Konsensuskriterien. Diese Schätzungen sind wegen der begrenzten Datenlage und unterschiedlicher Diagnosekriterien nur eingeschränkt verallgemeinerbar.[3] Die Prävalenz liegt in verschiedenen Studien zwischen 0,1 % und 2,54 %. Etwa 70 % der Erkrankten sind Frauen. Die Erkrankung kann auch Kinder und Jugendliche betreffen.
Der überwiegende Teil der Daten stammt aus Industrieländern. Aus Afrika, Südamerika und Teilen Asiens gibt es vergleichsweise wenige epidemiologische Studien.
Ätiologie
Eine spezifische, einzelne Ursache für ME/CFS konnte bis heute (2026) nicht gefunden werden. Aktuell wird von einem multifaktoriellen Geschehen ausgegangen, bei dem immunologische, metabolische und neuroendokrine Veränderungen miteinander interagieren. Ein einheitliches pathogenetisches Modell existiert nicht.
Bei rund 80 % der ME/CFS-Patienten tritt die Erkrankung plötzlich auf. Häufig ist ein zeitlicher Zusammenhang der Erkrankung mit viralen, bakteriellen oder parasitären Infektionen nachzuweisen. Eine fehlgeleitete oder persistierende Immunantwort wird als möglicher initialer Trigger der Erkrankung diskutiert.
In Zwillingsstudien konnte eine gewisse genetische Disposition für ME/CFS festgestellt werden.
Bis 2014 wurde der Erreger XMRV als ein möglicher Auslöser diskutiert, was jedoch nicht bestätigt werden konnte.
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie des ME/CFS ist ebenso ungeklärt wie seine Ätiologie. Die folgenden Veränderungen konnten bei ME/CFS-Patienten häufiger festgestellt werden, wobei ihre konkrete Bedeutung für das Krankheitsbild häufig unklar ist:
- T2-Shift in der zellulären Immunität
- verminderte Zytotoxizität der NK-Zellen
- Aktivierung proinflammatorischer Zytokine
- niedriggradige neuroinflammatorische Aktivierung der Mikroglia im ZNS
- Dysregulation des antiviralen RNase-L-Signalwegs
- Mitochondriale Dysfunktion, Störungen der Atmungskette, Defekte der mitochondrialen DNA
- erhöhte Marker für oxidativen Stress insbesondere nach körperlicher oder kognitiver Belastung
- Verminderung der Alpha-Aktivität im EEG
- multiple autonome Dysfunktionen
- reduzierte Funktion der HPA-Achse, erhöhte Spiegel des Neuropeptids Y, Hypocortisolismus, niedriges IGF-1
- autonome Dysfunktion mit orthostatischer Intoleranz, Tachykardieneigung und gestörter Kreislaufregulation
- endotheliale Dysfunktion und Mikrozirkulationsstörungen mit konsekutiv eingeschränkter peripherer Sauerstoffverwertung
Zudem gibt es Überschneidungen zwischen ME/CFS und dem Long-Covid-Syndrom. Es wird diskutiert, ob ME/CFS – wenn es mit einer vorbestehenden SARS-CoV-2-Infektion assoziiert ist – als eine Unterform von Long Covid angesehen werden kann.[4]
Symptome
Die Symptomatik des ME/CFS ist variabel. Es treten u.a. neurologische, immunologische, kognitive und endokrinologische Symptomcluster auf. Leitsymptom der ME/CFS ist die "postexertional malaise", d.h. die drastische Verschlechterung des Allgemeinzustandes mit Exazerbation nahezu aller typischen Symptome nach körperlicher Belastung. Diese Form der Fatigue verschlechtert sich typischerweise durch Ausdauertraining. Als mögliches Symptom können schwere Erschöpfungszustände auftreten. Paradoxerweise werden auch adrenerge Hyperstimulation und pathologische Wachheit zu den möglichen Symptomen gerechnet, obwohl diese dem Begriff "Fatigue" widersprechen.
Nach den kanadischen Konsensuskriterien (CCC) muss ein Patient folgende Symptome aufweisen:
- Fatigue (obligat)
- postexertional malaise (obligat)
- Schlafstörungen, nicht-erholsamer Schlaf (obligat)
- Schmerzen, insbesondere muskuloskelettale Schmerzen bzw. Myalgien (obligat)
- Neurologische bzw. kognitive Dysfunktionen (2 oder mehr Symptome)
Zusätzlich muss ein Symptom in mindestens 2 der 3 folgenden Kategorien vorliegen:
- Dysfunktion des autonomen Nervensystems
- Neuroendokrine Dysfunktionen
- Dysfunktion des Immunsystems
Die Verlaufsdauer sollte mindestens 6 Monate (Erwachsene) bzw. 3 Monate (Kinder/Jugendliche) betragen.
Klinisch werden 4 Schweregrade unterschieden: leicht, moderat, schwer und sehr schwer. Schwer Erkrankte verbringen häufig einen Großteil des Tages im Bett; sehr schwer Erkrankte sind vollständig bettlägerig und pflegebedürftig. Ergänzend dient die Bell-Skala zur funktionellen Einschätzung anhand von 0 bis 100 Punkten in Zehnerschritten.[5] Die Patienten sind meist berufsunfähig, evtl. sogar an den Rollstuhl gebunden.
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch anhand definierter Symptomkriterien und nach Abklärung möglicher Differenzialdiagnosen gestellt. Neben den kanadischen Konsensuskriterien werden die IOM-Kriterien verwendet. Die S3-Leitlinie „Müdigkeit“ empfiehlt, diese bei mindestens 3 Monaten ungeklärter Müdigkeit zur Stellung einer Verdachtsdiagnose zu prüfen und die Diagnose nach 6 Monaten erneut zu beurteilen.[6] Es gibt noch keine apparativen oder labormedizinischen Untersuchungsverfahren, mit denen sich ME/CFS mit ausreichender Sensitivität und Spezifität objektivieren ließe.
Untersuchungsmethoden, die im Rahmen der Diagnostik des ME/CFS zur Anwendung kommen, sind u.a.:
- Handkraftmessung
- Spiroergometrie: Belastungsuntersuchungen können bei ME/CFS eine Zustandsverschlechterung auslösen. Ein kardiopulmonaler Belastungstest an zwei aufeinanderfolgenden Tagen soll wegen des Risikos einer dauerhaften Verschlechterung außerhalb von Studien nicht eingesetzt werden.[5]
- Kipptischuntersuchung
- Stehtest
Zahlreiche potenzielle Biomarker, darunter immunologische, metabolische und neuroendokrine Parameter, werden derzeit untersucht. Einzelne Befunde zeigen zwar in Studien teilweise vielversprechende Ergebnisse, konnten jedoch bislang nicht ausreichend reproduziert oder für den routinemäßigen klinischen Einsatz validiert werden.
Differentialdiagnosen
Die Abgrenzung erfolgt gegenüber somatischen Ursachen einer Fatigue, Belastungsintoleranz und Schlafstörung, insbesondere Anämie, Schilddrüsenfunktionsstörungen, chronischen Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Schlafapnoe, endokrinologischen Störungen und entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.[7][8] Zu den wichtigen Differenzialdiagnosen zählen außerdem Depression, bipolare Störung und andere psychische Erkrankungen, Fibromyalgie, Multiple Sklerose, Lyme-Borreliose sowie andere Schlafstörungen.[9][10] Eine psychische Begleiterkrankung schließt ME/CFS nicht aus; entscheidend ist, ob sie die Gesamtsymptomatik vollständig erklärt oder nur komorbid vorliegt.[11]
Therapie
Derzeit (2026) gibt es keinen kausalen Therapieansatz, sondern nur Maßnahmen, die auf die Linderung der Symptomatik ausgerichtet sind. Dazu gehören u.a.:
- Individuelles Energiemanagement durch Pacing zur Vermeidung von Überlastung und PEM
- Unterstützung der Krankheitsbewältigung (Coping); eine Verhaltenstherapie kann insbesondere bei Begleitsymptomen angeboten werden, ist aber keine kausale Behandlung von ME/CFS.[6]
- Medikamentöse Therapie
- zur Verbesserung des Nachtschlafes sowie zur Verminderung von Tagesmüdigkeit und Erschöpfungsgefühl
- zur Beherrschung von orthostatischen und kardialen Symptomen
- Schmerztherapie
- Antidepressiva bei sekundärer Depression
- Substitutionstherapie bei ggf. vorliegendem Hormonmangel
- ggf. Arzneistoffe zur Beherrschung viraler, bakterieller oder parasitärer Infektionen
Seit dem 11.06.2026 kann Agomelatin zur Behandlung der Fatigue bei Erwachsenen mit postviralem ME/CFS unter den Bedingungen der Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Es handelt sich um einen Off-Label-Use, nicht um eine zugelassene oder kausale ME/CFS-Therapie. Die vorgeschriebenen Leberfunktionskontrollen und die Gegenanzeigen sind zu beachten.[12]
Die Behandlung mit "Graded Exercise Therapy" (GET) wird mittlerweile nicht mehr empfohlen und kann den Zustand von Patienten höherer Schweregrade sogar noch deutlich verschlechtern. In klinischer Prüfung befindet sich die Substanz Rintatolimod, deren Wirkung jedoch umstritten ist.
Prognose
Der Verlauf von ME/CFS ist variabel. Die Symptomatik kann über Jahre persistieren, phasenweise fluktuieren und durch Rückfälle nach Belastung wieder deutlich zunehmen.[13] Ein Teil der Betroffenen bessert sich im Verlauf zumindest funktionell, vollständige Remissionen sind jedoch nicht bei allen Patienten zu erreichen.[7][14] Frühzeitige Diagnose, adäquates Symptommanagement und das Vermeiden von Überlastung gelten als günstige Faktoren, während schwere Ausprägungen, anhaltende Belastungsintoleranz und ausgeprägte orthostatische Beschwerden mit einem schlechteren Funktionsniveau assoziiert sind.[13][8] Die Erkrankung kann zu erheblicher Einschränkung von Alltagskompetenz, Berufs- und Teilhabefähigkeit sowie der Lebensqualität führen; ein relevanter Anteil der Patienten ist dauerhaft nur eingeschränkt belastbar oder arbeitsunfähig.[14]
Kontroverse
ME/CFS ist eine anerkannte komplexe chronische Erkrankung, die mehrere Organsysteme betrifft. Die Diagnose beruht auf definierten klinischen Symptomkriterien und der Abklärung anderer erklärender Erkrankungen. Ein bestätigender diagnostischer Test steht bislang nicht zur Verfügung; das alleinige Fehlen einer anderen Erklärung für Erschöpfung reicht zur Diagnosestellung nicht aus.[15]
Quellen
- ↑ BfArM: ICD-10-GM Version 2026, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ Committee on the Diagnostic Criteria for Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome, Board on the Health of Select Populations, Institute of Medicine: Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. National Academies Press (US) 2015, PMID 25695122
- ↑ IQWiG: Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) – Aktueller Kenntnisstand, Abschlussbericht N21-01, Version 1.0, Stand 17.04.2023, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ Yong et al.: Proposed subtypes of post-COVID-19 syndrome (or long-COVID) and their respective potential therapies Reviews in Medical Virology, 2021
- ↑ 5,0 5,1 Hoffmann et al., Interdisziplinäres, kollaboratives D-A-CH Konsensus-Statement zur Diagnostik und Behandlung von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom, Wiener klinische Wochenschrift, 2024
- ↑ 6,0 6,1 DEGAM: S3-Leitlinie Müdigkeit, AWMF-Registernummer 053-002, Version 5.0, Stand 23.12.2022, gültig bis 22.12.2027, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ 7,0 7,1 https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/diagnosis/index.html Diagnosing ME/CFS, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ 8,0 8,1 https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/diagnosis-testing/evaluation-of-me-cfs.html Evaluation of ME/CFS, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ Chronic Fatigue Syndrome: Diagnosis, Treatment, and Future Direction, PMC11526618, 2024
- ↑ StatPearls, Chronic Fatigue Syndrome, 2025
- ↑ https://www.inesss.qc.ca/fileadmin/doc/INESSS/Rapports/Usage_optimal/2023_EM_Fatigue_chronique_Outil_ANG_VF.pdf Myalgic encephalomyelitis / chronic fatigue syndrome (ME / CFS), abgerufen am 27.10.2026
- ↑ Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie/Anlage VI – Agomelatin zur Behandlung der Fatigue bei postinfektiöser myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und bei Long/Post-COVID, Beschluss vom 02.04.2026, in Kraft seit 11.06.2026, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ 13,0 13,1 https://mecfs.org.au/docs/National/Clinical-Criteria/SA-GP-guidelines.pdf ME/CFS Guidelines, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ 14,0 14,1 https://discoverwhr.nih.gov/research/me-cfs/ ME/CFS Research Overview, abgerufen am 27.10.2026
- ↑ NICE: Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management, Leitlinie NG206, 2021, abgerufen am 27.10.2026