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Kipptischuntersuchung

Synonym: Kipptisch-Test, Kipptisch-Versuch

1 Definition

Die Kipptischuntersuchung, kurz KTU, ist ein Untersuchungsverfahren zur Abklärung unklarer Synkopen durch die Beurteilung der körperlichen Reaktion auf passive Lageänderungen (Orthostase-Reaktion).

2 Durchführung

2.1 Vorbereitung

Vor der KTU muss bei Patienten mit struktureller Herzerkrankung eine Arrhythmie oder ein anderer kardiovaskulärer Grund für eine Synkope ausgeschlossen werden. Außerdem sollte der Patient vor der Untersuchung ca. vier Stunden nüchtern sein. Zunächst wird er auf einer aufkippbaren Liege mit Haltegurten fixiert und gesichert. Es wird kontinuierlich ein Elektrokardiogramm aufgezeichnet und der Blutdruck gemessen - am besten als nicht-invasive, kontinuierliche Messung ("Beat-to-beat-Messung"). Außerdem wird dem Patienten ein intravenöser Zugang gelegt.

2.2 Messung

Nach ungefähr 20 Minuten in liegender Position wird der Patient schnell auf etwa 60-70° vertikal aufgerichtet. Nach weiteren 20 Minuten oder mit dem Auftreten einer Synkope wird der Patient wieder in die waagerechte Position gekippt und die Untersuchung ist beendet. Die Synkope ist als Bewusstseinsverlust und/oder Unfähigkeit, aktiv stehenzubleiben definiert, beides verbunden mit einem Abfall der Herzfrequenz und/oder des Blutdrucks.

2.3 Provokationstestung

Falls der Patient bis zum Ende asymptomatisch geblieben ist, kann in fortgesetzt aufrechter Körperhaltung Nitroglycerin (300 oder 400 µg sublingual) als Provokationsmanöver verabreicht werden.

3 Auswertung

3.1 Normalbefund

Folgenden Kriterien gehören zum Normalbefund:

3.2 Pathologischer Befund

Eine Synkope während der Stehphase gilt als positives Ergebnis. Je nach Dynamik der zu messenden Parameter können prinzipiell Rückschlüsse auf die Synkopenursache gezogen werden. Kommt es regelhaft innerhalb von ungefähr drei Minuten nach dem Aufrichten zu einem progressiven Abfall des Blutdrucks (diastolisch > 10 mmHg, systolisch > 20 mmHg) bis hin zur Synkope, spricht dies für eine orthostatische Hypotonie/Dysregulation. Die Herzfrequenz kann hierbei gleich bleiben oder erniedrigt sein (asympathikotone Form) oder um > 16/min ansteigen (sympathikotone Form, Hinweis auf Hypovolämie).

Bei einer Reflexsynkope, in der Literatur unheitlich auch vasovagale oder neurokardiogene Synkope genannt, kommt es initial meist zu einer regelrechten Adaption an die Lageveränderung. Nach längerem Stehen fällt jedoch plötzlich der Blutdrucks und/oder die Herzfrequenz ab. Meist gehen hierbei vegetative Prodromi (Übelkeit, Hitzegefühl, Schweißausbruch) der Synkope voraus. Die modifizierte VASIS-Klassifikation (Vasovagal Syncope International Study) bietet eine mögliche Einteilung der neurokardiogenen Synkopen je nach Ergebnis der KTU:[1]

Typ Häufigkeit Kriterien
Typ 1 (Mischtyp) 52%
  • Präsynkopaler Abfall des Blutdrucks
  • dann Abfall der Herzfrequenz, jedoch nur maximal 10 Sekunden unter 40/min
  • keine Asystolie > 3 Sekunden
Typ 2A (Kardioinhibitorischer Typ ohne Asystolie) 11%
  • Präsynkopaler Abfall des Blutdrucks
  • Dann Abfall der Herzfrequenz unter 40/min für mindestens 10 Sekunden
Typ 2B (Kardioinhibitorischer Typ mit Asystolie) 20%
  • Präsynkopaler Abfall der Herzfrequenz
  • Zeitgleich oder später Abfall des Blutdrucks
  • Asystolie von mindestens 3 Sekunden
Typ 3 (Vasodepressorischer Typ) 11%
  • Präsynkopaler Abfall des Blutdrucks
  • die Herzfrequenz fällt dabei nicht mehr als 10% unter den Wert der bisherigen Maximalfrequenz
Ausnahme 1: Chronotrope Inkompetenz (CI) 4%
  • Kein adäquater Anstieg der Herzfrequenz während der KTU (<10% der Ausgangsfrequenz)
Ausnahme 2: Überschießender Frequenzanstieg (HFR, posturales Tachykardiesyndrom, POTS) 2%
  • Herzfrequenz > 130/min oder Anstieg von mindestens 30/min in den ersten 10 Minuten
  • ggf. Palpitationen, keine Synkope, keine Veränderung des Blutdrucks

4 Aussagekraft

Nach der ESC-Leitlinie 2018 dient die Kipptischuntersuchung als Bestätigungstest bei begründetem Verdacht auf eine Reflexsynkope.[2] Sie weist eine Sensitivität von 78–92% und eine Spezifität von 87–92% auf.[3] Die Indikation zur KTU wird als IIa B-Empfehlung bewertet bei Patienten mit vermuteter Reflexsynkope, orthostatischer Hypotonie, posturalem Tachykardiesyndrom (POTS) oder psychogener Pseudosynkope. Sie kann außerdem hilfreich sein zur Differenzierung zwischen konvulsiver Synkope und Epilepsie sowie zur Abgrenzung von Synkopen und Stürzen. Eine negative KTU schließt eine Reflexsynkope nicht aus. Bei ungeklärter oder kardiogener Genese kann die KTU außerdem falsch positiv sein. In diesen Fällen legt ein pathologisches Ergebnis nur eine allgemeine Hypotonieneigung nahe. Entsprechend stellt die KTU keinen Suchtest bei ungeklärter Synkope dar.

5 Komplikationen

Nur sehr selten treten Komplikationen auf. Asystolien wurden zwar beschrieben, sind jedoch nicht als Komplikation im engeren Sinne, sondern als Endpunkt des Tests zu werten. Bei Auftreten einer Synkope reicht meist das Zurückkippen in die liegende Position aus. Ein Arzt sollte während der Untersuchung in der Nähe und sofort verfügbar sein.

6 Kontraindikationen

Als Kontraindikationen für die Untersuchung gelten:

7 Literatur

8 Quellen

  1. Kurbaan AS et al. Usefulness of tilt test-induced patterns of heart rate and blood pressure using a two stage protocol with glyceryl trinitrate provocation in patients with syncope of unknown origin. Am J Cardiol 1999; 84: 665-70, abgerufen am 18.06.2019
  2. Brignole M, Myoa A et al. ESC Guidelines for the diagnosis and management of syncope. Eur Heart J 2018, abgerufen am 18.06.2019
  3. Sutton R, Brignole M. Twenty-eight years of research permit reinterpretation of tilt-testing: hypotensive susceptibility rather than diagnosis. Eur Heart J 2014, 35:2211-2212, abgerufen am 18.06.2019

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Fachgebiete: Innere Medizin, Neurologie

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