Vanishing Twin Syndrom
von englisch: to vanish - verschwinden, twin - Zwilling
Synonym: Verschwundener Zwilling
Englisch: vanishing twin syndrome, VTS
Definition
Das Vanishing Twin Syndrom, kurz VTS, bezeichnet den intrauterinen Fruchttod eines Embryos/Fetus in einer initial diagnostizierten Mehrlingsschwangerschaft mit anschließender partieller oder vollständiger Resorption. In der Regel tritt ein VTS im ersten Trimester auf.
Epidemiologie
Vor Einführung der routinemäßigen Ultraschalluntersuchung war das VTS nahezu unbekannt. Es wird davon ausgegangen, dass das VTS bei 15 % bis 36 % der Zwillingsschwangerschaften und bei 30 % bis 50 % der Schwangerschaften auftritt, bei denen ursprünglich ≥ 3 Fruchtanlagen ausgebildet sind. Diese Angaben beziehen sich überwiegend auf Schwangerschaften nach assistierter Reproduktionstechnologie (ART); bei spontan konzipierten Mehrlingsschwangerschaften liegen die Raten deutlich niedriger. Die Ursachen eines VTS sind unklar. Als mutmaßliche Risikofaktoren gelten:
- fortgeschrittenes Alter der Mutter (>35 Jahre)
- chromosomale Aberrationen des betroffenen Embryos
- Transfer mehrerer Embryonen im Rahmen einer IVF-Therapie
- genetische oder teratogene Faktoren
- anatomisch abnorme Plazenta
- vaskuläre Ereignisse
Diagnostik
Ein VTS wird typischerweise durch zwei Ultraschalluntersuchungen in unterschiedlichen Stadien der Frühschwangerschaft diagnostiziert. Die erste Untersuchung, üblicherweise in der 6. bis 8. Schwangerschaftswoche, zeigt eine Mehrlingsschwangerschaft, während eine Kontrolluntersuchung im späteren Verlauf des ersten Trimesters nur noch einen Fötus mit nachweisbarem Herzschlag zeigt. Der Verlust des Fötus ist häufig asymptomatisch. Manche Frauen berichten jedoch über vaginale Blutungen oder Unterbauchkrämpfe.
Das Resultat ist meist eine komplette oder partielle Resorption des fetalen Gewebes mütterlicherseits oder von Seite des verbliebenen Fötus.
Selten und meist im zweiten Trimester tritt ein Fetus papyraceous auf. Hierbei befindet sich der verstorbene Embryo flach in den Eihäuten der bestehenden Schwangerschaft und wird mit diesen geboren.
Differentialdiagnose
Es besteht die Möglichkeit, dass fälschlicherweise eine Windmole als Embryo betitelt wurde.
Klinische Relevanz
Ein VTS gehört in manchen Definitionen zur Gruppe der Spontanaborte und kann für die Schwangere eine enorme emotionale Belastung bedeuten. Die Auswirkungen eines VTS auf den weiteren Schwangerschaftsverlauf und die perinatale Gesundheit der oder des verbliebenen Zwillings sind umstritten. Die Prognose hängt entscheidend von der Chorionizität ab: Während bei dichorialen Schwangerschaften meist keine relevanten Konsequenzen bestehen, können monochoriale Schwangerschaften durch vaskuläre Anastomosen komplikationsträchtig sein. Bei monochorialer Plazentation besteht nach dem Tod eines Fetus das Risiko einer akuten fetofetalen Transfusion über die gemeinsamen Plazentaanastomosen, die beim verbleibenden Zwilling zu schwerwiegenden neurologischen Schäden – wie periventrikulärer Leukomalazie oder Porenzephalie – oder sogar zum intrauterinen Tod führen kann. Empfohlen wird eine sonographische Verlaufskontrolle; bei monochorialen Schwangerschaften engmaschigere fetomaternale Überwachung gemäß geburtshilflichen Leitlinien.
Einige Studien legen nahe, dass die Prävalenz plazentarer Anomalien und Schwangerschaftskomplikationen wie Frühgeburtlichkeit, Präeklampsie und niedriges Geburtsgewicht höher sind. Eine Metaanalyse zeigt, dass Schwangerschaftskomplikationen nach assistierter Befruchtung mit anschließendem VTS stark vom Zeitpunkt des VTS abhängen. Ein Verlust vor der 8. SSW mit günstigeren perinatalen Outcomes assoziiert ist als ein späteres Ereignis.
Referenzen
- Li et al. Is vanishing twin syndrome associated with adverse obstetric outcomes of ART singletons? A systematic review and meta-analysis., 2020
- Beinder, Der Gynäkologe, 1998
- Batsry et al., The vanishing twin: Diagnosis and implications, 2022